Abo

Interview

Birgit Unterweger vom Schauspiel Köln
„Das Kölner Publikum lässt sich nicht blenden“

4 min
Birgit Unterweger beim Gespräch mit der Rundschau.

Birgit Unterweger beim Gespräch mit der Rundschau. 

In den ersten Monaten der Intendanz von Kay Voges hat das Kölner Publikum viele neue Ensemblemitglieder am Schauspiel kennen gelernt, darunter Birgit Unterweger, die am kommenden Sonntag mit  mit dem Solo „Unterweger“ Premiere feiert.

Sind Sie ein halbes Jahr in Köln, haben Sie schon das Gefühl, angekommen zu sein im Haus oder in der Stadt?

Das ist noch schwer zu beurteilen, auch weil ich so viel geprobt habe und nur zwischen Depot, der Halle Kalk als Probebühne und meinem Zuhause im Kunibertsviertel hin- und hergependelt bin. Was ich aber festgestellt habe: Die Stadt ist angenehm, weil sie nichts von mir will, sie lässt mich einfach sein. Anders als Wien oder Berlin.

Was ist dort anders?

In Berlin ist man die ganze Zeit im Stress: Ich verpasse was. Ich bin nichts wert. Ich muss mich immer zeigen, immer positionieren. In Wien ist man so erschlagen von der Schönheit dieser Stadt und hat das Gefühl, ich bin auch viel zu klein oder viel zu nichtig. Aber wenn du von Wien hierher kommst, denkst du, das ist nicht euer Ernst?

Weil Köln doch architektonisch, nun ja, diskussionswürdig ist ...

Aber wenn man mit dem Fahrrad ein bisschen rumfährt, ist da auf einmal wieder so ein wunderschönes Gründerzeithaus. Und man bleibt stehen. In Wien nicht, da denkst du nur: schön, schön, schön, schön. Hier mache ich Fotos von alleinstehenden tollen Häusern. Und frage mich: Was haben die sich gedacht, als sie das Haus daneben gebaut haben? (lacht)

Und wie fühlen Sie sich im Theater?

Während das Berliner Publikum oft so eine Arroganz hat „Dat kenn ick schon“ , sind die Wiener voreingenommen und brauchen lange, bis sie was annehmen. Das Kölner Publikum ist offen und neugierig   lässt sich aber auch nicht blenden.

Meiner Erfahrung nach dauert es immer so zwei Jahre, bis sich alles gefunden hat, auch die Schauspieler untereinander. Bis man weiß, was mit den anderen geht, was nicht.

Ich habe übrigens eine besondere Verbindung zum Schauspiel Köln: Meine Tante Almut Zilcher, die mein großes Vorbild ist, hat hier in der Zeit von Günther Krämer gespielt, und ich war eine Woche lang bei Proben dabei.

Neben Premieren standen für Sie einige Köln-Premieren auf dem Plan, also Stücke, die Sie schon am Wiener Volkstheater gespielt haben. Ab welchem Punkt der Wiederaufnahmeproben sind die Rolle und die Inszenierung wieder da?

Im Hinterkopf sind sie immer da, ich habe einen Body Memory. Aber bei mir ist es immer sehr wichtig, die Schuhe anzuziehen.

Die Schuhe, die Sie auf der Bühne tragen?

Das macht für mich sofort die Figur: Wie gehe ich mit diesen Schuhen?

Das heißt, Sie sprechen auch bei einem neuen Stück mit dem Kostümbildner darüber?

Wenn es ein guter Kostümbildner ist, hat er offene Ohren dafür. Sie wollen ja auch, dass ein Schauspieler sich wohlfühlt mit dem Aussehen.

In „Der Name“ tragen Sie sehr hohe Schuhe – legen einen formidablen Treppensturz hin, für den es bei der Premiere im Depot Szenenapplaus gab.

Das war lustig und hat mich sehr gefreut. Ich dachte: Hey, die Kölner!

An einem anderen Theater hatten Sie den Spitznamen „The Body Machine“, weil Sie ihre Rollen mit sehr viel Körpereinsatz angehen. Woher kommt das?

Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich früher lange Zeit Leistungssport gemacht habe: rhythmische Sportgymnastik auf Wettkampfbasis.

Dieser Treppensturz war keine Regieanweisung von Kay Voges. Ich wollte vielleicht eine Überhöhung zeigen von der Not dieser Person, nicht gehört zu werden. Ich habe das dann einmal in einer Probe angeboten, und Kay hat anschließend gefragt, ob ich das jedes Mal machen könnte.

Von Jack Unterweger, der Figur, um die sich die nächste Premiere dreht, hatte ich vorher nie gehört. In Österreich hingegen war und ist er eine berühmt-berüchtigte Persönlichkeit. Wie erklärt man die Person einem deutschen Publikum?

Es geht um einen Frauenmörder, aber es geht auch um meine Person: Birgit Unterweger, die heißt wie er. Als ich Jugendliche war, ist er aus dem Gefängnis entlassen worden ...

Sie sind also immer wieder gefragt worden: Bist du mit dem verwandt?

Irgendwann dachte ich, ich würde mich gerne mal mit dieser Figur beschäftigen mit diesem Massenmörder, der so eine Faszination ausgeübt hat auf ganz Österreich und so viele Menschen verführt hat. Was passiert beim Zuschauen mit dem Publikum: Ekelt es sich oder lässt es sich auch verführen?

Er wurde 1976 für den Mord an einer Frau zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis begann er zu schreiben, 1990 kam er frei, nachdem sich prominente Autoren wie Elfriede Jelinek, Günter Grass oder Erich Fried für ihn eingesetzt hatten. Doch direkt danach hat er neun weitere Frauen ermordet.

Schon in seiner Akte war auch schon versteckt ein psychologisches Gutachten, das besagte, wenn er rauskommt, wird das so weitergehen? Das hat man irgendwie nicht entdeckt.

Eine Schauspielerin hat mir mal vor der Premiere eines Solos erzählt, dass sie Muffensausen an dem Punkt bekam, als ihr bewusst wurde, dass niemand mit ihr auf der Bühne steht, der ihr zum Beispiel bei einem Texthänger weiterhelfen kann. Wie ist das für Sie, allein auf der Bühne zu stehen?

Auf der einen Seite ist es toll, weil man einen eigenen Rhythmus bauen kann, sich nach niemandem richten muss. Aber schon am Tag vor der Aufführung frage ich mich, warum mache ich das? Ich habe da niemanden, ich bin sehr allein. Auch beim Schlussapplaus ...

...denn da ist niemand, dessen Hand man beim Verbeugen halten kann ...

Beim Proben habe ich nach zweieinhalb Stunden zu meinem Regisseur gesagt: „So, jetzt müssen wir mal aufhören. Ich kann mich nicht mehr immer nur mit mir selber auseinandersetzen ich langweile mich gerade.“

Im Sommer nullen Sie. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die 50?

Man denkt, Oh Mann, jetzt ist es wirklich so weit. Aber ich freue mich auch, irgendwie bin ich jetzt gelassener, rege mich nicht mehr so schnell auf. Es gibt keinen Stress, noch das und das zu erreichen. Ich fühle mich eigentlich okay. (grinst)

Die Premiere von „Unterweger“ findet am 1. März im Depot 3 statt, weitere Termine: 10. und 18.3. sowie im April. Außerdem ist Birgit Unterweger in folgenden Stücken zu sehen: „Die Wörter sind böse“ (6. und 15.3.), „Onkel Wanja“ (7. und 27.3.), „Liebes Arschloch“ (21.3. und 10.5.) und „Faust“ (22.3.).