Sean Paul mischt karibische Klischees mit Dancehall, Reggae und Pop, sorgt für Partystimmung, bleibt aber in Vergangenheit verhaftet.
Kölner Konzert in der Lanxess-ArenaSean Paul inszeniert ein „Dorfdisco“-Revival mit karibischen Klischees

Sean Paul in der Lanxess-Arena.
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Montag erlebt das Auslaufmodell Dorfdisco in der Lanxess-Arena ein Revival. Bei Berücksichtigung der Raumgröße und der Menge der Anwesenden zwar in XXL, aber das, was der 53-jährige Dancehall- und Reggaekönig Sean Paul in 80 Minuten abliefert, ist von Shows, die in der Oberliga mitspielen, weit entfernt.
Wobei man der Dorfdisco mit diesem Vergleich vielleicht bitter unrecht tut. Weil da die Musik nicht zwangsläufig so klingt wie beim Kölner Sean Paul-Konzert: wie aus den Untiefen des Marianengrabens in die Gehörgänge gepumpt. Unterseeisch dumpf. Die Ausstattung ist sparsam, als Bühnenbild müssen DJ-Kanzel und drei Leinwände genügen. Eingespielte Bilder bedienen karibische Klischees: Palmen, rosa gesäumte Sonnenuntergangswolken, tanzende Menschen.
Aus der Zeit gefallen
Sean Paul wirkt wie ein körperlich zwar agiler, aber mental deutlich aus der Zeit gefallener Animateur im „Club Lanxess“. Bekäme man für jede Aufforderung an die „Sexy Ladies“ im Publikum – „Hebt eure Arme hoch!“, „Schreit!“, „Bewegt eure Körper!“ – einen Euro, würde das zwar nicht für einen Trip nach Kingston reichen, aber eine ICE-Fahrt nach Düsseldorf wäre drin. Die zwei Tänzerinnen suggerieren sexuelle Verfügbarkeit, wozu auch gehört, sich vom Chef mal so richtig rannehmen zu lassen. Pantomimisch.
Stimmungsdämpfend wirkt das nicht. Die Fans auf den Rängen stehen gleich zu Anfang. Um 21.22 Uhr jagt die Pulskurve rapide nach oben. Bei „Bailando“ von Enrique Iglesias, dem Sean Paul in der englischen Version aufs Fahrrad half, kann niemand mehr die Füße ruhig halten.
Arbeit mit Beyoncé und Dua Lipa
In seinen Songs mischt der Mann aus Kingston Dancehall-Vibes mit Elementen aus Reggae, Reggaeton und Hip-Hop plus Einsprengseln aus R&B und Pop. Wobei letztere sich in der Zusammenarbeit mit Stars wie Sia, Beyoncé und Dua Lipa niederschlugen. Auch „Cheap Thrills“, „Baby Boy“ und „No Lie“ dürfen auf der Setlist nicht fehlen.
„Shake it to the Max“ entfaltet einen suggestiven Sog, hintereinandergesetzt, steigern „I’m Still in Love With You“, „Rockabye“ und „Ginger“ die Laune immens.Bevor Sean Paul sich nach „She Doesn’t Mind“ und „Temperature“ mit einem grün-gelben Konfettiwirbel verabschiedet, hat er zumindest kurz Zeit gefunden, etwas Persönliches zu erzählen: „Ich bin von meiner Mutter und meiner Großmutter großgezogen worden.“
Keine Momente der Ruhe
Solche Momente des Innehaltens hätte es öfter geben dürfen. Aber Ruhe ist bei dieser Non-Stop-Dance-Performance nicht vorgesehen. In Mühlenberg in Sachsen-Anhalt haben die Einwohner vor anderthalb Jahren wieder eine Dorfdisco ins Leben gerufen. Es gibt Menschen, die glauben daran.
