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Interview

Museum Ludwig
„Kultur als freiwillige Leistung ist zu kurz gedacht“

6 min
Yilmaz Dziewior im Interview zu 50 Jahre Museum Ludwig.

Yilmaz Dziewior im Interview zu 50 Jahre Museum Ludwig.

In unserer Serie zum 50. Geburtstag des Museum Ludwig spricht Direktor Yilmaz Dziewior über das Konzept des Hauses. 

Kunstkritiker haben zwar nichts zu verschenken, aber wahrscheinlich war es für Sie trotzdem wie ein Geburtstagsgruß, als die AICA (Association Internationale des Critiques d“Art) jüngst die „Fünf Freunde“ zur Ausstellung des Jahres 2025 kürte. Die Freude war im ganzen Team sehr groß.

Ich fand es klasse, dass die Relevanz der Ausstellung und ihrer Schwerpunkte Queerness, Interdisziplinarität und Nachhaltigkeit erkannt wurde. Wir haben diesen unglaublichen Schatz der Pop Art. Aber es stellt sich immer wieder die Frage, wie wir diesen heute vor dem Hintergrund aktueller Themen zum Sprechen bekommen. Wie erreicht man junge Leute, die nichts mit der Kunst zu tun haben? Ich glaube, mit den „Fünf Freunden“ ist es uns gelungen, ihnen zu zeigen, dass es etwas mit ihnen zu tun hat.

Der Titel erinnert an Enid Blyton, aber wahrscheinlich lesen das die allermeisten heute nicht mehr.

Klar, da denkt man gleich an ihre Abenteuergeschichten. Aber wir haben mit dem Museum Brandhorst, mit dem wir die Ausstellung gemeinsam konzipiert haben, sehr wohl überlegt, ob dieser Titel greift. Doch es funktionierte: John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly waren zwar Liebhaber, aber auch ihre Freundschaft spielt eine große Rolle, ein Thema, das alle anspricht. Ihre Liebschaften, die sie als junge Männer hatten, sind in dauerhafte Freundschaften übergegangen. Das hat die Schau in der vierjährigen Vorbereitung so relevant gemacht.

In den vier Jahren ist viel passiert. Woke Themen werden in den USA gerade befeuert, auch hierzulande wünschen sich wohl manche die Rolle rückwärts.

Ich meine auch, dass die Zeiten restriktiver geworden sind. Wir merken, dass Errungenschaften wie die Emanzipation der Frau, die Schwulen- und Lesbenbewegung, nicht mehr selbstverständlich sind, zumal wenn wir in die USA schauen.

Und dort haben die „Fünf Freunde“ Malerei, Zeichnung, Skulptur, Tanz und Musiker fortentwickelt, manchen Weg zur Toleranz geebnet. Nordamerikanische Kunst ist im Museum Ludwig ganz stark vertreten. Trotzdem gilt es, Lücken zu schließen.

Wir haben die größte und wichtigste amerikanische Sammlung in Europa. Und trotzdem fehlen bestimmte Positionen. Wir haben in den vergangenen Jahren intensiv daran gearbeitet, dass die Sammlung diverser wird. Zwar sind wir bei den weiblichen Positionen noch lange nicht bei 50:50. Aber wir haben in den letzten zehn Jahren 770 Werke von Frauen erworben und 870 Werke von Männern. Wir übernehmen eine Verantwortung und richten uns mit unseren Bestrebungen nicht nur auf den zeitgenössischen Teil, sondern auch auf den historischen. Wir haben Gabriele Münter erworben, drei Bilder von Maria Marc sowie von Elfriede Stegemeier. Und für die Pop Art Werke von Theresa Burga und Marta Minujín.

Im Herbst widmet sich die Jubiläumsausstellung „Along the Color Line – Perspektiven einer Transatlantischen Moderne“ Schwarzen Bewegungen und künstlerischen Positionen Amerikas. Sie erwerben dafür gezielt Arbeiten, die Leerstellen füllen sollen.

Wir sind selbstreflektiv genug, um zu schauen, was fehlt in der Sammlung. Da ist zum einen die Harlem Renaissance, die Blüte afroamerikanischer Kunst und Literatur zwischen 1919 und 1934. Und dann gibt es die Negritude, das sind Künstler, die aufgrund von Rassismus und Segregation nach Europa, viele nach Frankreich, ins Exil gegangen sind.

Derzeit zeigt Marie Watt im Projekt „Hier und Jetzt“ auf Postkartenmotiven mit vermeintlich unberührter Natur einen Lebensraum in den USA, in dem Indigene Völker bewusst ausgespart werden. Dem stellt sie Skulpturen gegenüber, die zeigen, wie Geschichte konstruiert wird, was ausgelassen bleibt.

Ich glaube, das ist ebenso wie „Along the Color Line“ eine Ausstellung, die im Moment in staatlichen Institutionen der USA nicht gezeigt werden kann. Ich sehe das als unsere Aufgabe, dass wir für Werte wie Diversität und Inklusion sensibilisieren. Das beschäftigt mich und das Team sehr.

Gerade im Aufbau ist „Yayoi Kusama“. Vom 14. März bis 2. August zeigen Sie die begehbaren Spiegelräume und die Polka-Dots der japanischen Künstlerin. Die 96-Jährigen ist ein Mega-Star, es wird Timeslots geben.

Genau. Wir haben nicht einmal piep gemacht und haben jetzt, ohne es groß zu bewerben, schon annähernd 10.000 Tickets verkauft. Es wird eine publikumswirksame Ausstellung, aber auch kunsthistorisch sehr interessant. Wir schauen, wie emanzipiert Kusama auch in ihrer Zeit war. Sie war in den USA befreundet mit Andy Warhol, hat Mode gemacht, hatte ein eigenes Label. Klar, da können junge Leute Selfies mit den Installationen machen. Aber ich glaube, dass sie so früh Mode gemacht hat, emanzipiert war und Bildende Kunst machte, ist für junge Leute auch superinteressant. Sie brachte zudem die Performance ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ein Zeitgeist, der in den 1960er und 1970er Jahren auch hier Konjunktur hatte.

Wenn man zu den Anfängen, zur Schenkung von Irene und Peter Ludwig vor 50 Jahren zurückgeht, wirkt es wie im Märchen, dass die Stadt überhaupt ein Museum baute. Der Wind ist heute rauer. Wahrscheinlich ist für Sie Sponsoring und Netzwerken überlebenswichtig geworden.

Ja, es wird zwar von der Kölner Politik betont, wie wichtig das Museum Ludwig ist. Sowohl für den Tourismus als auch für die Stadtgesellschaft, aber es folgen zu wenig Handlungen. Wir haben kein Ausstellungsbudget. Was wir von der Stadt bekommen, müssen wir in die Wachleute investieren, die in den Wechselausstellungen stehen. Das politische Bewusstsein, welche Funktion Kultur und zumal das Flaggschiff Ludwig hat, das immer wieder als das berühmteste und international auch bekannteste Museum der Stadt bezeichnet wird, fehlt beziehungsweise schlägt sich nicht in der finanziellen Unterstützung des Hauses nieder. Wie wichtig das Museum Ludwig für Köln und den Tourismus ist, zeigt auch, dass ich 2019 den Mercurius Preis zur Förderung des Tourismus vom Kölner Verkehrsverein und der Köln Tourismus GmbH erhalten habe. Auch der Eyes & Ears of Europe Award, den wir 2020 verliehen bekommen haben, verstehe ich als eine vergleichbare Auszeichnung.

Wäre das für das Stadtmarketing nicht eine Steilvorlage?

Das ist genau das Problem, dass es in der Stadtgesellschaft als selbstverständlich angenommen wird, dass es Museen überhaupt gibt. Von politischer Seite sollte es mehr Commitment geben. Es ist absurd, dass die Kultur eine sogenannte freiwillige Leistung ist. Das ist zu kurz gedacht. Wir wissen, auch wissenschaftlich unterlegt, das Kultur für die Gesundheit eine Rolle spielt und wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Und natürlich ist sie auch ein Wirtschaftsfaktor.

Es gibt einen Sanierungsstau, der mal unter, mal über eine Milliarde Euro beziffert wird. Die Stadt wird wenig konkret, was die Ursache ist.

Oberbürgermeisterin Henriette Recker hat die Ertüchtigung von der Prioritätenliste genommen. Von der aktuellen Stadtspitze, gibt es bisher noch keine öffentliche Ansage, keine mit uns kommunizierte Haltung, wie es weitergehen soll.

Haben Sie denn eine ungefähre Perspektive? Macht das Museum in den 2030er Jahren zu, gibt es ein Interim?

Wir können das alles nur immer wieder anmahnen, es ist Aufgabe der Stadtspitze und ureigenstes Interesse der Stadtgesellschaft, dass etwas unternommen wird, dass dieses Museum und auch die Philharmonie geöffnet bleiben. Wir haben mit deren langjährigen Intendanten Louwrens Langevoort und den Teams beider Häuser letztes Jahr ein 70-seitiges Papier entwickelt, in dem wir die Bedarfe formuliert haben. Just als das Papier fertig war, haben wir aus der Zeitung erfahren, dass die damalige OB das Ganze depriorisiert hat, so dass wir auch keine Unterstützung mehr bekamen, weiter zu planen und mögliche Szenarien durchzugehen. Da habe ich jetzt große Hoffnung auf OB Torsten Burmester.