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Museum Morsbroich wird 75Pilzkulturen in Kunstausstellung sorgten bei Bayer für Ärger

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„Die Ausstellung wird gekocht. Von links nach rechts: Konzeptkünstler Günter Saree, Museumsdirektor Wedewer, HA Schult“

„Die Ausstellung wird gekocht. Von links nach rechts: Konzeptkünstler Günter Saree, Museumsdirektor Wedewer, HA Schult“

Das Museum Morsbroich wird 75 Jahre alt, blickt zurück und nach vorn. Zum Jubiläum stehen auch einige Veranstaltungen auf dem Programm.

Gerade einmal 21 Jahre alt war die Industriestadt Leverkusen, und ein Museum – womöglich noch mit alter Kunst – gab es nicht. Die Bayer-Stadt profitierte von den damals guten Gewerbesteuereinnahmen, und etwas abseits des noch zu entwickelnden Zentrums neben dem Chemiewerk schlummerte ein Barockschlösschen im Dornröschenschlaf, für das es auch die Überlegung gab, dort ein Krankenhaus einzurichten. Auf Initiative der FDP-Politikerin Bertha Middelhauve wurde 1951 stattdessen das Museum Schloss Morsbroich gegründet, das sich auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst im Rheinland der Nachkriegszeit schnell einen ausgezeichneten Ruf erarbeitete.

Vorreiter für moderne Kunst

Wirtschaftlich geht es der Stadt heute gar nicht mehr gut. Doch mit Hilfe von Sponsoren, darunter die Kunststiftung NRW, die Krupp-Stiftung und einige Sparkassen, wird der 75. Geburtstag gefeiert. Fritz Emslander, kommissarischer Direktor des Museums, nannte bei der Programmvorstellung für das Jubiläumsjahr das Alleinstellungsmerkmal, welches das Haus ein Vierteljahrhundert lang hatte, bis Köln mit dem Museum Ludwig und Düsseldorf mit den zeitgenössischen Kunstsammlungen K20 und K21 nachzogen.

„Bis 1986 gab es in Nordrhein-Westfalen lediglich zwei Museen, die sich dem Thema Gegenwartskunst gewidmet hatten: die Kunstmuseen Krefeld und das Museum Morsbroich“, sagt Emslander. „Es war in der Nachkriegszeit eine Vorwärts-Strategie.“ Raum für Informel und FluxusVerpflichtet fühlte man sich auch den in der NS-Zeit verfemten Künstlern, die damalige Kunstkommission der Stadt schrieb es für alle Ausstellungsmacher ins Buch, dass Kunst zur Diskussion anregen sollte. Dem Deutschen Informel, das in der Abstraktion eine Antwort auf die Kriegsgräuel und Totalitarismus suchte, gab man ebenso Raum wie der Fluxus-Bewegung — einer der Protagonisten, Wolf Vostell, stammte aus Leverkusen. Kuratorin Thekla Zell erinnert an den „ungeheuren Mut und die Experimentierfreude, mit denen man damals loslegte“.

Bayer ein Dorn im Auge

1962 stellte das Museum Lucio Fontanas berühmte Schlitzbilder aus. Drei Jahre zuvor hatten die Arbeiten des italienischen Avantgardekünstlers auf der II. documenta in Kassel die Gemüter gespalten. Auch HA Schult polarisierte, als er 1969 mit seinen „Biokinetischen Situationen“ lichtempfindliche Algen und Bakterien sowie verschiedene Pilzkolonien, die ihre Farbe veränderten, auf dem Boden der Ausstellungsräume ansiedelte. Dieser war — einer Baustelle gleich — nur über Stege betretbar. Durch die Decken der alten Schlossgemächer soll es getropft haben. Für Susanne Wedewer-Pampus, Leiterin des Kunstvereins, steht fest, dass man damals in der Bayer-Stadt einen Kipppunkt der Provokation erreichte. „Da war Schluss mit lustig.“ Ihr Vater, Rolf Wedewer, war damals Museumschef. Im weißen Laborkittel steht Konzeptkünstler Günter Sarée am Herd neben Wedewer und HA Schult. Titel „Die Ausstellung wird gekocht.“

Obwohl die Ausstellungsmacher in Schloss Morsbroich  Bayer wiederholt ein Dorn im Auge waren, wurde munter weiter Kunst gezeigt, die im Mainstream nicht beheimatet war. Michael Buthe (1944 bis 1994) war ein vielseitiger Kunstschaffender, der utopische Welten entwarf, wie 1977 in der Schau „Michael Buthe. Tarahumaras: Bilder, Zeichnungen und Bücher“. Fremde Kulturen und Menschen bezog er dabei ein. Kleine Zielgruppe Rolf Wedewer ebnete der Konzeptkunst den Weg und verhalf ebenso wie sein Vorgänger Udo Kultermann mit einer umsichtigen Sammlungspolitik dem Haus zu einem Fundus, der seinesgleichen sucht.

Charme der Villa Kunterbunt

Mit der Eröffnung der Dachetage und der Erweiterung des Skulpturenparks setzte später Markus Heinzelmann Akzente. Das Haus geriet wiederholt in die Kritik, wurde in seiner Sinnhaftigkeit für die vergleichsweise kleine Zielgruppe immer wieder hinterfragt. Zuletzt versuchte Jörg van den Berg das Haus populär zu machen, was dann den Charme der Villa Kunterbunt entwickelte. Noch unbekannten Künstlern ein Forum zu geben, ist Konzept und soll auch im Jubiläumsjahr gelebt werden (Kasten).

Als Heimat junger, experimenteller und wegweisender Kunst sorgte das Museum Morsbroich in seiner progressiven Ausrichtung zumal in den Anfangsjahrzehnten für Aufmerksamkeit, zog Besucher aus dem gesamten Bundesgebiet und dem Ausland an. Künstler, die wie der Italiener Gino Meloni (1905 bis 1989) den Bogen zwischen traditioneller und moderner Malerei spannten, richtete man ebenso Ausstellungen ein, wie deutschen Künstlern der Gegenwart, etwa Gerhard Richter, Rosemarie Trockel oder Georg Baselitz.


Zum Auftakt des Jubiläumsjahrs können die Besucher bis 8. Februar gemäß dem Aufruf „Morsbroich bewohnen!“ Platz in Möbelklassikern wie den Bertoia Sesseln von Knoll oder Sofas von Le Corbusier nehmen, um in weitgehend leeren Räumen den Blick in den Schlosspark werfen. Anschließend erfolgt in Anwesenheit des Publikums der Aufbau der Ausstellung „Chained to the Rhythm von Mensch und Natur“, die am 1. März eröffnet wird. Darunter ist Lois Weinberger mit seiner Arbeit „Green Man“ von 2004.


Vom 8. bis 10. Mai wird im Rahmen der Morsbroicher Kunsttage gefeiert. Am 12. Juni ziehen die Teilnehmer des erstmals veranstalteten Morsbroich Young Art Award ein. Mit „Cihan Çakmak. like a warrior“ (12. Juli bis 8. November) und „Renate Behla. Die Ergänzerin“ (20. September 2026 bis 14. Februar 2027) werden zwei Frauenpositionen in Einzelausstellungen präsentiert. Ende des Jahres beziehen neun Künstler als Gäste die Zimmer der Beletage, darunter das Schlafzimmer der Baronesse.