Präzises Handwerk und intelligenter Humor: Regisseur Matthew Wild verlegt Rossinis „Barbier“ von Sevilla in die Bonner Altstadt.
Neuinszenierung in BonnMatthew Wild bringt Rossinis „Barbier von Sevilla“ in die Altstadt

„Der Barbier von Sevilla“ an der Oper Bonn (v.l.) mit Grisha Martirosyan, Anton Rositskii, und dem Tanzensemble
Copyright: Bettina Stöß
Es beginnt, wie Opernabende heute gern beginnen: mit einem Video. Und oft genug ahnt man da schon nichts Gutes. Doch die bebilderte Ouvertüre der Bonner Neuinszenierung von Gioachino Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ hat nicht nur eine klare dramaturgische Funktion, sie ist zudem ein kurzweiliger Türöffner.
Während die Musik federnd Fahrt aufnimmt, sieht man Rossinis Grafen Almaviva als gefeierten Opernstar nach einer Gala in der Bonner Oper. In der Garderobe wartet ein Brief einer Verehrerin, der seinen Zweck sofort erfüllt: Der Opernstar ist schockverliebt.
Incognito in die City
Inkognito, mit Mütze und dickem kariertem Holzfällerhemd (Kostüme: Raphaela Rose) bricht er auf in die Stadt. Weil ihn die von ihm zwecks Begleitung eines Liebesständchens spontan engagierten, trinkfesten Musiker nicht im Theaterbus mitnehmen wollen, greift er kurzerhand zum E-Scooter. Über den Marktplatz geht es bis vor einen Barbershop in der Maxstraße, über dessen Tür „Barbier von Sevilla“ steht. Erster Szenenapplaus.
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Regisseur Matthew Wild, gebürtiger Südafrikaner und langjähriger Leiter der Cape Town Opera, erweist sich als Komödienhandwerker von seltener Leichtigkeit. Was die filmische Ouvertüre verspricht, wird im weiteren Verlauf eingelöst: ein „Barbier“, der vor Ideen sprüht.
Munteres Verwechslungsspiel
Opernstar Antonio Almaviva muss erfahren, dass seine Rosina unter der strengen Aufsicht ihres Vormunds Bartolo steht, hier ein griesgrämiger Zahnarzt mit Praxis in der Altstadt. Auch er will Rosina heiraten – wegen ihrer reich ausgestatteten Mitgift. Hilfe verspricht der schlagfertige Barbier Figaro, der für jedes Problem eine Lösung parat hat – notfalls sogar mit der Säge durch die eigene Decke geht.
Regisseur Wild versteht Timing, Witz und das feine Gleichgewicht zwischen Respekt vor der auf Beaumarchais’ „Barbier“-Schauspiel basierenden Vorlage und Lust an der Aktualisierung. Die Bonner Altstadt wird zum Schauplatz eines munteren Verwechslungsspiels, das Rossinis Musik erstaunlich mühelos ins Heute trägt.
Spannendes Bühnenbild
Zentrum des Geschehens ist ein Haus, das dank Drehbühne aus allen Perspektiven betrachtet werden kann: unten Figaros Friseursalon, dahinter Bartolos Praxis, oben seine Wohnung, in der er Rosina gefangen hält. Bühnenbildner Dirk Hofacker hat hier ganze Arbeit geleistet.
Jeder Dreh eröffnet neue Einsichten – dramaturgisch wie architektonisch. Die Bühne erzählt mit. Und sie ist reich an Details: Auch Plakate mit den neuesten Bart- und Frisurentrends zählen dazu. Man schaut, lacht und freut sich über jede Entdeckung.
Hip-Hop-Choreographie
Zur Street Credibility der Szene in der Bonner Altstadt tragen vier Tänzerinnen und Tänzer bei, für die der südafrikanische Choreograf Rudi Smit einen Hip-Hop-Stil entwickelt hat, der sich verblüffend organisch mit Rossinis Musik verbindet. Jessica Ailino, Corina Wodwarka, Gabriel de Freitas Rolfs und Kacper Iwanow liefern mit präzisem Timing und spürbarer Spielfreude Rossini-Hip-Hop-Moves. Da braucht es keine Boom-Box.
Wie geschmeidig Wild die Handlung ins Heute überführt, verdient besonderes Lob. Selbst soziale Medien finden ihren Platz: Wenn der intrigante Musiklehrer Basilio demonstriert, wie man mit ein paar geschickt bei „X“ platzierten Fake News einen Shitstorm entfacht, ist das ebenso böse wie treffend. Der Humor ist nie platt, sondern speist sich aus genauer Beobachtung. Und präzisem Handwerk: Das rasende, scheinbar chaotische Finale des ersten Aktes funktioniert szenisch wie musikalisch wie ein Schweizer Uhrwerk: Jede Pointe sitzt, jede musikalische Eskalation greift ins nächste Rädchen.
Fabelhafter „Babier“
Auch die Charakterzeichnungen sind vortrefflich. Figaro, geschniegelt, tätowiert, stets Herr der Lage, wird von Bariton Grisha Martirosyan in einem fabelhaften Rollendebüt verkörpert. Seine berühmte Auftrittsarie „Largo al factotum“ kommt mit Bravour, Witz und beeindruckender Geläufigkeit daher.
Anton Rositskii singt den Almaviva mit leichter, klangschöner Belcanto-Tenorstimme und überzeugt als selbstbewusster Opernstar und in der Verkleidung als jugendlich frecher Lindoro. Enrico Marabelli lebt seinen Bartolo als brillanter Komödiant und ist auch stimmlich erste Wahl. Pavel Kudinovs Bass verleiht dem Basilio eine Würde, die in hübschem Gegensatz zu seinem schmierigen Handeln steht.
Rosina gewinnt durch Charlotte Quadt nicht nur darstellerisch, sondern auch vokal: Ihr schön gefärbter Mezzo verbindet Selbstbewusstsein mit Ironie. Nicht zu vergessen Nicole Wacker als Berta, die lange still Bartolos Vorzimmer managt, dann aber mit ihrer Arie plötzlich den Raum übernimmt. In den kleineren Rollen überzeugen Miljan Milovic (Fiorello), Seojun Jang (Offizier) und Volker Hoeschel (Ambrogio) mit Präsenz und Präzision.
Beethoven hineingeschmuggelt
Nicht unterschlagen werden darf der fabelhafte Herrenchor der Oper Bonn, den André Kellinghaus mit hörbarer Genauigkeit und Spielfreude einstudiert hat.
Das Beethoven Orchester spielt unter der Leitung von Matteo Beltrami mit Schwung, Leidenschaft und Präzision. Der Dirigent, der erst vor zwei Wochen in Köln Rossinis „La Cenerentola“ verabschiedete, hält die Partitur elastisch, atmend und stets im Dienst des bunten Treibens auf der Bühne.
Und weil das Ganze in Bonn spielt, erlaubt man sich auch musikalisch ein paar kleine Scherze: In der Klavierbegleitung der Rezitative blitzen gelegentlich unter anderem kleine Beethoven-Anspielungen auf. Man darf sich über diesen „Barbier von Bonn“ freuen. Das Premierenpublikum jedenfalls applaudierte stehend.
165 Minuten (inkl. Pause). Weitere Aufführungen: 6., 8., 22.2. und 27.2. sowie weitere Termine von März bis Juni.

