Regisseur Martin Laberenz inszeniert die Theaterproduktion "Jacques der Fatalist und sein Herr" nach einem Roman von Denis Diderot.
Premiere Schauspiel BonnEs lohnt sich, Diderot zu lesen

Premiere von Jacques der Fatalist und sein Herr am Schauspiel Bonn.
Copyright: Matthias Jung
Der glücklichste Mensch ist derjenige, der die meisten glücklich macht, hat der französische Autor und Philosoph Denis Diderot (1713-1784) bemerkt. Das Team der Theaterproduktion „Jacques der Fatalist und sein Herr“ nach dem zwischen 1773 und 1775 entstandenen Roman Diderots hat nach der Premiere im Bonner Schauspielhaus vermutlich einen gewaltigen Serotoninschub verspürt.
Träger Herr, pfiffiger Knecht
Es hat das Publikum mit der Bühnenfassung von Regisseur Martin Laberenz nach einer Bearbeitung von Schauspielchef Jens Groß prächtig unterhalten und glücklich gemacht. Das war kein Selbstläufer. Der von Laurence Sternes „Tristram Shandy“ (1759-1767) beeinflusste Roman ist wie sein englisches Pendant ein wild wuchernder, mit anarchischer Kunstfertigkeit gestalteter Anekdoten-, Philosophie- und Debattenirrgarten.
Im Zentrum steht die Beziehung zwischen dem adligen, trägen Herrn und seinem pfiffigen Knecht Jacques. Sie bewegen sich als entfernte Verwandte von Don Quijote und Sancho Pansa scheinbar ziellos zu Pferd durch Frankreich. Der Herr glaubt an die Freiheit des Willens, ohne sie wirklich zu nutzen. Jacques hingegen glaubt, dass unsere Existenz vom Schicksal vorbestimmt sei. Alles, sagt er, stehe „dort oben geschrieben“.
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Paradoxerweise erscheint er als der aktivere Part des Diderot-Duos. Der rote Faden des Romans – die erzählerische Rekonstruktion von Jacques’ Liebesgeschichte – wird immer wieder gekappt. Überraschende Ereignisse, verwirrende Kommentare, Reflexionen über Sinn und Unsinn des Lebens, ständig wechselnde Erzählweisen und Perspektiven können selbst den aufmerksamsten Leser überfordern.
Dabeibleiben lohnt. Der Beginn von Laberenz’ Inszenierung spiegelt das kreative Chaos des Romans. Lena Geyer (Jacques) und Janko Kahle als Richter/Scharfrichter erscheinen in einer Gerichtsszene. Sodann platzen Christian Czeremnych (Knecht) und Sören Wunderlich (Herr) herein: Aus Jacqueline wird sozusagen Jacques. Das geht so hin und her, Geschlechter wie Identitäten lösen sich in einem atemberaubenden szenischen Strudel auf.
Monty-Phython-Nonsens
Hierin besteht die Methode des Bonner „Fatalisten“: Bruchstücke des Romans verwandeln sich in szenische Vignetten zwischen geistreicher Komik und gehobenem Monty-Python-Nonsens. Einmal spulen sie die Handlung wie im Film einfach zurück. Lena Geyer vor allem bearbeitet wortreich witzig die philosophische Ebene wie ein im Akkord arbeitender Ideendurchlauferhitzer.
Adriana Braga Peretzki (verantwortlich für fantasievolle Kostüme zwischen Rokoko und Batman & Robin) hat ihr dafür einen Denker-Perückenturm aufgesetzt. Auf Oliver Helfs Bühne, die sich vom bieder tapezierten Salon zum Großraum mit grandiosem Bergpanorama weitet, entfaltet sich im Mittelteil die Geschichte zwischen Madame de La Pommeraye (Sophie Basse) und dem Marquis des Arcis (Janko Kahle): „Gefährliche Liebschaften“ à la Diderot.
Sie sinnt auf Rache, weil er ihre Liebe – per Nachricht auf dem Anrufbeantworter – verschmäht. Basses Vernichtungsfuror trifft auf Kahles atemlose Besessenheit, als er einer jungen Prostituierten (Czeremnych) hinterherhetzt und -hechelt, die ihm die intrigante Madame als künftige Ehefrau zugedacht hat. Die Oberflächenreize dieser Situation beuten Basse und Kahle virtuos aus, aber sie bringen auch Tiefe und Substanz ein, erlauben Einblicke ins Innerste ihrer Figuren.
Spürbar werden ihre Verzweiflung und seine Sehnsucht. Danach verhandeln Wunderlich und Czeremnych das Verhältnis von Herr und Knecht und einen möglichen Rollentausch in einem dezibelintensiven Wettstreit. Eine Szene, informiert das Programmheft, die Denker wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx nachhaltig beeinflusst hat. Wunderlich ist unübertroffen darin, ein fast schon übermenschliches Erregungspotenzial abzurufen, eine aggressiv greinende Grandezza, die sich gegen Jacques, die Welt und gegen sich selbst richtet.
Aufreizende Gelassenheit
Czeremnych begegnet dem am Ende mit aufreizend anmutender Gelassenheit: ein selbstbewusster Fatalist. Niemand ist intelligenter als Diderot, hat der Autor und Literaturhistoriker Jean d’Ormesson über seinen Kollegen geurteilt. Das Bonner Theater hat auf seine Weise dieses Kompliment bestätigt. Es lohnt sich, den Mann zu lesen – und auf der Bühne zu erleben.
Eindreiviertel Stunden ohne Pause. Wieder am 8., 14. und 26. März; 19. und 24. April. Karten gibt es bei Bonnticket.
