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Ikonische BühnenshowRaye verblüfft ihr Publikum in der Lanxess Arena mit Schauspiel und Musik

4 min
Raye (* 24. Oktober 1997 als Rachel Agatha Keen in London, britische R&B- und Pop-Sängerin und Songwriterin)
"This Tour May Contain New Music"-Tour
am 10. Februar 2026
in der Lanxess Arena, Deutz-Kalker Straße 1, 50679 Köln

Raye Lanxess Arena 10.02.2026

Die britische Sängerin Raye begeisterte mit starker Bühnenpräsenz und neuen Songs in einem ausverkauften Konzert in der Lanxess Arena.

Sie ist zu jung. Sie ist erst 28. Aber ansonsten wäre Rachel Agatha Keen alias Raye die Idealbesetzung für Pablo Larraíns Film „Maria“ (2024) gewesen. Denn sie hat alles, was die Callas hatte: eine außergewöhnliche Stimme, eine starke Persönlichkeit und einen ausgeprägten Sinn fürs Dramatische. Letzteres stellt Raye Dienstagabend schon ganz zu Anfang ihres ausverkauften Konzerts in der Lanxess Arena unter Beweis.

Das einzige Gastspiel der Britin in NRW beginnt vor einem üppigen, sattroten Samtvorhang, den man eher in einem Theater als in einer Konzerthalle vermuten würde. Derweil eine graue, von innen glühende Wolke herabschwebt, rezitiert Raye zu Klängen, die an einen Hitchcock-Soundtrack von Bernard Herrmann aus den 1950ern erinnern, das Intro von „Girl Under the Grey Cloud“.

Vor dem Kitsch gerettet

Gehüllt in einen bodenlangen schwarzen Mantel, die Augen verborgen unter einer schwarzen Sonnenbrille, beschwört sie eine verregnete Herbstnacht in Paris. In der eine Frau Ende Zwanzig allein auf dem Rückweg von einer Bar in ihr Hotel ist. Wenn Raye zum Gesang mit „I will overcome“ übergeht, taucht ein Geigenquartett auf, um sie zu begleiten. Aus der Wolke regnen glitzernde Tropfen herab. Gäbe es da nicht die kleinen komödiantischen Einlagen zum Schluss, wäre das zuviel der Theatralik, an der Grenze zum Kitsch.

Rayes Zwei-Stunden-und-zehn-Minuten-Show steckt voller Zitate und voller Überraschungen. Die Diva-Gestik ganz am Anfang ähnelt der der Dietrich. Ihre von Schmerz zerrissene, ums Seeleheil kämpfende Blues-Intonation erinnert an Amy Winehouse, ihr Belcanto wäre selbst in der Mailänder Scala nicht fehl am Platz. Der Schnitt und das Material der flammendroten, wie aus Lammettafäden gewirkten Glitzerkleider, die Raye und ihre beiden Backgroundsängerinnen tragen, stünden auch einer Girlband aus den 1960ern gut zu Gesicht.

Sieben brandneue Songs

Und wenn ihre um eine Brass- und eine String-Section erweiterte Band erstmals komplett sichtbar wird, dann in Form von Schattenrissen vor rotem Hintergrund. James Bond lässt grüßen. Im eigens dafür mit Tischchen, Lampen und Stühlen möblierten „Raye’s Jazz-Club“ erklingt „Fly Me To the Moon“. Bei „Prada“ mutiert die Arena zum wogenden, zuckenden Techno-Tempel, mit Laserbrücken quer durch die Halle und dem Schriftzug „Raye“, aus dem „Rave“ wird. Und das letzte Stück, „Joy“ (vor der Zugabe „Escapism), singt sie gemeinsam mit ihren beiden jüngeren Schwestern Amma und Absolutely.

„This Tour May Contain New Music“ (Diese Tour kann neue Musik enthalten) ist das Programm überschrieben. Was erstmal so klingt wie eine Warnung auf einem Medikamenten-Beipackzettel. Aber in Wirklichkeit den Raye-Fans wahre Wonnen verheißt: sieben Stücke stammen vom zweiten Studioalbum, das noch nicht veröffentlicht ist. Es erscheint am 27. März.

Lied über sexuelle Gewalt

Sie handeln von der Suche nach dem Einen und Einzigen und Wahren („Where Is My Husband!“), sie warnen vor dem, der nicht in dein Herz, sondern nur in dein Bett will („Beware the South London Lover Boy“) oder erzählen von dem Ort, an dem Raye der erste Liebesschmerz ereilte („Nightingale Lane“). Raye sucht immer wieder den direkten Kontakt zu ihrem Publikum („Euch beide zusammen tanzen zu sehen, hat mein Herz mit Freude erfüllt“), sie lässt sich eine selbstgebastelte Mini-Ausgabe von sich auf die Bühne bringe und lobt die Herstellerin: „Du bist ernstlich talentiert!“

Sie lacht viel, sie lässt ihren Hollywood-Bob kreiseln, hüpft auf nackten Füßen auf und nieder, ein Bild der Lebensfreude. Aber wenn sie am Piano vom „Ice Cream Man“ singt, wird sie plötzlich sehr ernst: „Das ist ein trauriger Song. Es geht um sexuelle Gewalt und um sexuelle Belästigung. Etwas, von dem die Statistik sagt, dass drei von vier Frauen das schon erlebt haben.“ So wie sie. „Es passierte, als ich 7 war, als ich 21 war, mit 17 und mit 11“, heißt es im Song.

Und mündet da in Wut und Wehrhaftigkeit: „Mich soll der Teufel holen, wenn ich es zulasse, dass ein Mann mich kaputt macht.“ Das neue Album heißt „This Music May Contain Hope“ (Diese Musik kann Hoffnung enthalten). Aber auch älteres ein Stück von 2023 wie „Ice Cream Man“ kann das.