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Roman von Wolfgang KaesDer ungeklärte Mord am Großvater und die traumatischen Folgen

3 min

Kurz nach dem Tod von „Schäng“: Der Vater von Wolfgang Kaes als kleiner Junge. Dieses Foto eines Kindes mit verlorenem Blick war für den Autor nach eigenen Angaben der Auslöser, das Buch zu schreiben.

Ein ungeklärtes Verbrechen in der Eifel zur NS-Zeit mit traumatischen Folgen für eine ganze Familie: In seinem jüngsten Roman wendet sich der Schriftsteller und Journalist Wolfgang Kaes der eigenen Familiengeschichte zu.

Er hat nie lockergelassen. Ein Journalistenleben lang hat Wolfgang Kaes gegen die Hinnahme von Unrecht gekämpft und immer wieder schwere Mängel bei polizeilichen Ermittlungen aufgedeckt. Mehrere seiner Recherchen haben den früheren Chefreporter des Bonner General-Anzeiger zu Romanen angeregt. „Spur 24“ etwa über den Mord an der Rheinbacher Arzthelferin Trudel U., zu dessen Aufklärung er entscheidend beitrug. „Endstation“ über den Tod des Studenten Jens B., der nach dem Besuch einer Bad Honnefer Diskothek unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Ein bis heute nicht aufgeklärter Fall.

„Wenn ich nicht gelernt hätte, damit leben zu können, dass es immer wieder Verbrechen gibt, die sich nicht aufklären lassen, dann hätte ich den Beruf wechseln müssen“, so zitiert Kaes in seinem neuen Roman „Grauland“ einen erfahrenen Mordermittler. Kaes hat sich damit in vielen Fällen nicht abgefunden. Und er hat sich irgendwann gefragt, warum er sich bei all seinen Recherchen nie mit einem Verbrechen beschäftigt hat, der seine eigene Familie betrifft. Mit dem bis heute ungeklärten Mord an seinem Großvater väterlicherseits.

„Grauland“, das ist für Kaes ein Synonym für die Region, aus der er stammt: die Vulkaneifel. Kaes ist in Mayen aufgewachsen, das Buch spielt in einer fiktiven Stadt „Lärchtal“. Auch die Namen sind geändert. Aber die Geschichte seiner Familie ist authentisch.

Der Großvater galt als „Volksschädling“

„Schäng“ oder eigentlich Jean Küpper, wie der Großvater im Buch heißt, galt in der NS-Zeit als „Volksschädling“. Seine Bäckerei wurde von stramm national gesinnten Kunden gemieden, er besserte das Einkommen seiner Familie durch Schmuggel auf und kehrte eines Tages nicht zurück. Dafür durchsuchte die Gestapo die Wohnung der Familie, nachdem die Leiche des Ermordeten gefunden wurde. Einmal, nach Jahrzehnten, scheint es eine Chance zur Aufklärung zu geben. Aber auch sie zerschlägt sich – jäh und erneut brutal.

Was, außer den veränderten Orts- und Personennamen, ist an dem Buch eigentlich fiktiv? Kaes nutzt die Romanform, um Verstorbenen eine Stimme zu geben: Er lässt seine Eltern und Großeltern die Familiengeschichte erzählen, und auch er selbst kommt unter dem Namen Klaus Küpper zu Wort. Ausführlich sogar, auch mit vielen Reflexionen über seine journalistische Arbeit und mit einigen biographischen Einzelheiten, deren Gewicht am besten versteht, wer Kaes persönlich kennt. „Wie kommt das Böse in die Welt?“, mit dieser Frage startet das Buch. Und es gibt keine Antwort auf diese Frage.

Es geht um den Tod von Jean alias Schäng und um die Desertion von dessen ältestem Sohn Fritz, dem Onkel des Erzählers. Um Schängs Witwe, die sich nach dem Tod ihres Mannes vom Pfarrer Schuldkomplexe einreden lässt. Es geht um den Bombenkrieg, um die in einem alten Arresthaus eingerichtete Gestapo-Folterstätte, um einen HJ-Rottenführer, der als Spitzel bei der Suche nach Deserteuren hilft und später ein geachteter Ministerialbeamter und Stadtrat wird. Um das Weiterleben der durch den Mord an Schäng traumatisierten Familie Küpper nach dem Krieg. Und es geht natürlich um den Katholizismus der Region, mit dem der Erzähler drückende Erfahrungen gemacht hat. als die katholische Oma zwei Gestapoleute und den HJ-Führer abfertigt und der Pfarrer die drei schließlich wegschickt. Eine unglaubliche Szene, die für die Oma und ihre Angehörigen „Schutzhaft“ und Folter hätte nach sich ziehen können. Das muss wirklich so passiert sein, damals, kurz vor Kriegsende, in Mayen, das in dem Buch Lärchtal heißt.

Wolfgang Kaes, Grauland. Romand. Rhein Mosel Verlag, 208 S. 16,90 Euro.

Der Journalist und Romanautor Wolfgang Kaes.