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Interview

Experte vom Roten Kreuz
Kann sich die Bevölkerung im Ernstfall selbst helfen?

4 min
Berlin: Der neue Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ liegt bei seiner Vorstellung für Besucher aus.

Berlin: Der neue Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ liegt bei seiner Vorstellung für Besucher aus.

Die meisten Menschen in NRW hätten den Ernst der Lage noch nicht begriffen, warnt Uwe Krischer vom Roten Kreuz. Im Katastrophen- oder gar Verteidigungsfall sei die Bevölkerung in weiten Teilen auf sich gestellt. Die Aufklärung müsse in Kitas beginnen.

Beim Deutschen Roten Kreuz ist Uwe Krischer zuständig für den Bevölkerungsschutz in Nordrhein-Westfalen. Im Interview mit dieser Redaktion zeichnet er ein ehrliches, aber auch erschreckendes Bild von der Lage im Land. Die Botschaft sei noch nicht bei den Menschen angekommen. Muss der Staat mehr und deutlicher informieren?

Herr Krischer, was ist der Unterschied zwischen Zivil- und Bevölkerungsschutz?

Bevölkerungsschutz ist der Oberbegriff für den Katastrophen- und Zivilschutz. Katastrophenschutz ist Angelegenheit der Länder. Er wird für den Verteidigungsfall durch den Zivilschutz des Bundes ergänzt.

Der Bevölkerungsschutz gehört zu den Kernaufgaben des DRK, zum Beispiel bei Unfällen und Naturkatastrophen. Was müsste das DRK im Verteidigungsfall leisten?

Wir würden den Sanitätsdienst der Bundeswehr unterstützen. Stellen wir uns dieses Szenario vor: Hunderttausende Soldaten werden durch die „Drehscheibe Deutschland“ nach Osten verlegt. Im Gegenzug müssen wir mit riesigen Flüchtlingsströmen rechnen. Auch hierzulande würden viele in eine Lebens- und Existenzkrise geraten, und die Sozialsysteme gerieten an ihre Grenzen.

Das Gesundheitssystem müsste zusätzlich bis zu 1000 Kriegsverwundete am Tag versorgen, ein Fünftel davon käme nach NRW. Die Bundeswehr hat fünf Krankenhäuser in Deutschland, aber die wären schlagartig leer, weil der Sanitätsdienst der Streitkräfte an der Front benötigt würde. Daher wird geplant, wie die Hilfsorganisationen die Lücken in der Heimat füllen können.

Es fällt auf, dass beim Thema Bevölkerungsschutz kaum noch der Konjunktiv angewendet wird. Es entsteht der Eindruck, dass wir zwingend auf einen militärischen Konflikt zusteuern. Ist die Lage so ernst?

Es ist wohl wichtig, so zu sprechen, um der Bevölkerung klarzumachen, dass eine Bedrohungslage besteht. Wir müssen Gas geben. Man hat 35 Jahre lang nicht über Zivilschutz nachdenken müssen, und nun geschieht alles unter Zeitdruck, Personalmangel und Geldknappheit.

Die Bundeswehr kann auf ein Sondervermögen zurückgreifen, Sie aber nicht. Ist die Bundes-Hilfe zu kurz gedacht?

Ein gutes Stück dieses Sondervermögens sollte in den Bevölkerungsschutz fließen. Aber das würde noch nicht das Personalproblem lösen. Das DRK hat in Westfalen-Lippe etwa 5000 Einsatzkräfte im Katastrophenschutz. Daraus werden nicht schlagartig 10.000.

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist in aller Munde, aber kaum einer spricht über fehlendes Personal für den Bevölkerungsschutz. Was muss geschehen?

Die neue Wehrpflicht kann nur ein Zwischenschritt sein. Wenn wir feststellen, dass Freiwilligkeit nicht reicht, um den Personalbedarf der Bundeswehr zu decken, und eine echte Wehrpflicht eingeführt wird, müssen wir gleichzeitig über Alternativen nachdenken: über Zivildienst für Kriegsdienstverweigerer und über Dienst im Katastrophenschutz statt in der Bundeswehr. Ich persönlich plädiere für eine Dienstpflicht für alle, also auch für Frauen. Auf Dauer wird es nicht anders funktionieren. Es muss nicht jeder an der Waffe ausgebildet werden. Wenn aber alle aus einem Jahrgang ein Jahr lang etwas für die Gesellschaft tun, tut das den jungen Leuten gut, und der eine oder andere würde später bei den Hilfsorganisationen bleiben.

Sie sagen, im Ernstfall müsse jeder in der Lage sein, sich selbst zu helfen. Auf einer Skala von eins (unfähig) bis zehn (voll in der Lage): Wie fit sind die Menschen dafür?

Auf dieser Skala liegen wir nur bei zwei bis drei. Das ist schlimm, denn die Bevölkerung muss sich in einer großen Krise vor allem selbst helfen und wird nur punktuell von Profis unterstützt. Viele haben das noch nicht verinnerlicht. Sie meinen, wenn es ihnen schlecht geht, rufen sie die 112, und dann kommt jemand. Aber im Verteidigungsfall kommt womöglich niemand.

Wer Nachrichten konsumiert, merkt jeden Tag, dass sich die Lage in Europa zuspitzt. Unvorbereitet können die Menschen nicht mehr sein, oder?

Die Selbsthilfe-Fähigkeit der Menschen lässt leider sogar nach. Ich arbeite in der Rettungsdienstverwaltung, und meine Kolleginnen und Kollegen sind täglich mit der Hilflosigkeit von Bürgern konfrontiert. Wer weiß noch, was ein Wadenwickel ist? Viele rufen bei Fieber gleich den Rettungsdienst.

Selbsthilfe ist das eine, aber der Staat kann sich hier nicht aus der Verantwortung entlassen. Was muss er leisten?

Der Staat wird nie für 80 Millionen Einwohner ein Rundum-sorglos-Paket schnüren können. Er kann im Fall der Fälle nur helfen, wo es am dringendsten ist. Aber er kann besser informieren. Er muss den Bürgern ehrlich sagen, auf was sie sich vorbereiten müssen.

Es gibt jede Menge Ratschläge, online und auf Flyern. Liegt das nicht alles schon auf dem Tisch?

Es gibt schon gute Tipps, zum Beispiel zu Notvorräten, keine Frage. Aber bei einem Großteil der Bevölkerung sind diese noch nicht angekommen. Man könnte es sich leicht machen und sagen, die Leute müssen sich selbst informieren, aber das hilft nicht weiter. Besser ist es, die Info zu den Leuten zu tragen.

Wie geht das?

Zum Beispiel, indem in Erste-Hilfe-Kursen für den Führerschein und im schulischen Wiederbelebungsunterricht ergänzend auch Selbstschutz gelehrt wird, also Eigenvorsorge mit Vorräten, Notfallgepäck oder auch die Versorgung von Schusswunden und anderen Kriegsverletzungen. Das Thema gehört schon in die Kitas. Kita-Kinder können spielerisch lernen, wie man einen Notruf absetzt und eine Wunde verbindet. Alle Kita- und Schulkinder in NRW müssten verpflichtend Selbstschutz lernen.