Eine Studie der Universität Münster bescheinigt dem Islamischen Religionsunterricht in NRW eine toleranzfördernde Wirkung gegen Antisemitismus und Fundamentalismus. Doch die FDP fordert die Abschaffung des Fachs.
Bericht der Uni MünsterWas schafft das Fach Islamische Religion in NRW?

Eine Schülerin mit Kopftuch sitzt bei einer Unterrichtsstunde zum Thema Islam vor einer Tafel.
Copyright: Frank Rumpenhorst/dpa
Ein Bericht der Universität Münster kommt zu dem Ergebnis, das der Islamische Religionsunterricht (IRU) toleranzfördernd wirke und es verdient habe, flächendeckend in NRW angeboten zu werden. Doch dieser Unterricht hat mächtige Feinde im Internet, und er muss sich auch politischer Kritik stellen.
Was ist Islamischer Religionsunterricht?
Ein staatlich verantworteter und bekenntnisorientierter Unterricht für muslimische Schülerinnen und Schüler in NRW. Im Prinzip ist er vergleichbar mit dem katholischen und dem evangelischen Religionsunterricht. Nur reden hier neben dem Staat nicht die Kirchen mit, sondern Vertreter aus mehreren islamischen Organisationen.
Das Studienfach „Islamische Religionslehre“ zur Ausbildung der Lehrkräfte wird seit dem Wintersemester 2012/2013 von der Universität Münster angeboten, seit dem Wintersemester 2022/23 auch an der Uni Paderborn. 2012/13 startete der IRU in Grundschulen, 2013/14 in der Sekundarstufe 1 und 2016/17 in der Oberstufe. Der Abschlussbericht der Uni Münster bezieht sich auf die vergangenen zehn Schuljahre.
Alles zum Thema römisch-katholische Kirche
- Diplomatie Trumps „Friedensrat“: Wer dabei ist – und wer nicht
- „ADHS-Steuer“ und Co. Die versteckten Kosten psychischer Erkrankungen
- Bericht der Uni Münster Was schafft das Fach Islamische Religion in NRW?
- Katholische Kirche Bätzing verzichtet auf Wiederwahl – Vatikan hofft auf Neuanfang
- Aposteln-Aula Direkt am Neumarkt gibt es ein neues Hilfsangebot für Bedürftige
- Katholische Kirche Experte tippt auf Paderborner Bischof als Bätzing-Nachfolger
- Bischofskonferenz Bätzing kandidiert nicht für Wiederwahl
Was spricht für das Schulfach?
„Dieser Religionsunterricht leistet einen wesentlichen Beitrag, dass demokratische Grundwerte als Teil der islamischen Lehre verstanden werden“, sagte Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, im Schulausschuss des Landtags. Anders als in manchen Moschee-Gemeinden, in denen die Gläubigen oft nur passive Zuhörer seien, stärke der IRU die Religionsmündigkeit und die Bereitschaft, Vielfalt anzuerkennen.
Je länger die Jugendlichen diesen Unterricht besuchten, desto weniger empfänglich seien sie für Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie. Umfragen unter den Schülern, Lehrkräften und Eltern zeigten eine große Zufriedenheit mit diesem Unterricht
Was sagt die Landesregierung?
NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) meint, der Islamische Religionsunterricht vermittele Kindern und Jugendlichen Respekt und fördere den Zusammenhalt. „Gerade als Gegengewicht zu religiösen Inhalten in den sozialen Medien kommt ihm eine wichtige Rolle zu. Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob religiöse Identitätsbildung in der Schule oder auf Tiktok stattfindet“, sagte sie. Der IRU wirke dem Einfluss von Hasspredigern und Fundamentalisten entgegen. Feller betont: „Es ist ein Angebot in deutscher Sprache, unter deutscher Schulaufsicht und mit in Deutschland ausgebildeten Lehrkräften.“
Wie viele muslimische Kinder erreicht dieser Unterricht?
Derzeit nur etwa sechs Prozent. In NRW leben mehr als 500.000 muslimische Schülerinnen und Schüler. Im laufenden Schuljahr nehmen knapp 32.000 am IRU teil. Vor zehn Jahren waren es allerdings nur etwa 8300. Die Zahl der Lehrkräfte stieg von 99 auf 332. In NRW bieten derzeit nur 247 von rund 5400 Schulen den IRU an.
Wer sind die Haupt-Gegner?
Laut Prof. Khorchide sind es In erster Linie religiöse Fundamentalisten, die über soziale Medien unkontrolliert Hass und Intoleranz verbreiteten: „Vor allem auf Tiktok, aber auch bei Instagram, Youtube und Telegram sind selbst ernannte Gelehrte und Missionare unterwegs, die Einfluss auf die jungen Menschen nehmen. Die Radikalisierung von Jugendlichen geschieht heute hauptsächlich über Social Media. Die sinnvolle Alternative dazu ist der Islamische Religionsunterricht.“ Zum Teil würden Schulkinder juden- oder frauenfeindliche Vorstellungen aus ihren Familien mitbringen, was eine große Herausforderung für die Lehrkräfte sei.
Welche Kritik gibt es am IRU?
Die FDP im Landtag fordert die Abschaffung des Islamischen Religionsunterrichts. Sie hat erhebliche Vorbehalte, die die Schulexpertin der Liberalen, Franziska Müller-Rech, im Ausschuss nannte. So sei zwar den den Umfragen unter den Schülern zu entnehmen, dass der Islamische Religionsunterricht auf Dauer toleranzfördernd sei. Es fehle aber der wissenschaftliche Vergleich zu jenen muslimischen Kindern und Jugendlichen, die nicht den IRU besuchen und zu jungen Angehörigen anderer Konfessionen.
Man müsse bezweifeln, ob der IRU sein großes Ziel – Demokratiebildung – tatsächlich erreiche. Es gebe Eltern, denen dieser Unterricht „zu liberal“ sei und die ihre Kinder dazu drängten, dieses Fach wieder abzuwählen. Kaum mehr als fünf Prozent der muslimischen Kinder und Jugendlichen in NRW besuchten diesen Unterricht, betonte sie. Seine Wirkung sei also marginal. Auch fürchteten manche Schulleitungen einen negativen Einfluss des IRU aufs Schulleben.
Schließlich erinnerte sie an eine Studie der Uni Münster zu den Einstellungen von angehenden Islam-Lehrkräften. Demnach soll etwa jede dritte dieser befragten Studierenden Juden als Feinde ansehen. Etwa jeder fünfte Befragte habe gesagt, Frauen sollten weniger Rechte haben als Männer.
Was entgegnet die Uni Münster?
„Je höher das Semester ist, desto weniger vertreten diese Studierenden antisemitische und fundamentalistische Einstellungen“, sagte Prof. Khorchide. Manche seien vor dem Studium nicht von einem weltoffenen Islam beeinflusst worden. „Unsere Aufgabe ist es, im Studium aufzuklären, und das gelingt uns.“
