150 Regalmeter private Akten des ersten deutschen Bundeskanzlers werden von Rhöndorf nach Koblenz ausgelagert. Denn ansonsten droht ihnen die Vernichtung.
Akten in RhöndorfKonrad Adenauers Nachlass muss gerettet werden

Im Keller eines unscheinbaren, ehemaligen Wohngebäudes sind die wertvollen Akten bisher noch gelagert.
Copyright: Frank Überall
Konrad Adenauer hat Geschichte geschrieben, das ist gerade in diesen Tagen allgegenwärtig präsent, weil mit vielen Veranstaltungen der 150. Geburtstag des ersten deutschen Bundeskanzlers begangen wird. Dass er in Rhöndorf ein Privathaus hatte, das zur Gedenkstätte der Bundesrepublik ausgebaut wurde, ist hinlänglich bekannt. Dass dort aber sein schriftliches Erbe in Gefahr ist, wissen bisher nur Eingeweihte. Bereits in diesen Tagen werden dort Akten abtransportiert, weil ihnen in einem Keller die Beschädigung oder gar Vernichtung droht. „Mir fällt es wahnsinnig schwer, dass die Sachen aus dem Haus gehen sollen, da blutet mir das Herz“, erzählt Archivarin Melanie Eckert beim Besuch der Rundschau im veralteten Archivkeller: „Aber es ist eben erforderlich, um das Material für die Nachwelt zu erhalten.“
Es geht um 150 Regalmeter Akten, mehr als 10.000 einzelne Fotos und 200 Fotoalben, Geschenke, Schallplatten, Tonträger, Medaillen – unwiederbringliche historische Zeitdokumente. „Unser Archiv umfasst quasi alles, was ein Mensch im Laufe eines Lebens ansammeln kann“, beschreibt die Archivarin: „Es ist unser großes Glück, dass Konrad Adenauer sehr viel aufbewahrt hat.“
Temperatur und Nässe als Probleme
Der amtliche Nachlass von Konrad Adenauer als Bundeskanzler ist im Bundesarchiv in Koblenz, die offiziellen Akten aus seiner Zeit als Kölner Oberbürgermeister verwaltet das Historische Archiv der Stadt Köln. In Rhöndorf lagert seine persönliche und zum Teil sehr private Korrespondenz. Die ist jetzt aber so sehr in Gefahr, dass dringend gehandelt werden musste. „Der Keller, in dem wir all das derzeit aufbewahren, wird langsam auch zu klein“, berichtet Eckert: „Schwerwiegender sind aber die klimatischen Verhältnisse. Die niedrige Deckenhöhe führt dazu, dass die Luft kaum zirkulieren kann. Schwankungen im Bereich Temperatur und Luftfeuchtigkeit greifen Papier und Fotos an.“
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„In den letzten Jahren hat die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben als unser Vermieter mobile Geräte zur Luftentfeuchtung oder zur Kühlung zur Verfügung gestellt“, führt Eckert aus: „Aber wir kommen einfach nicht auf die Messwerte, die erforderlich wären, um den Bestand so zu erhalten, wie es sein sollte. “
Die Archivalien sind nicht im alten Privathaus von Konrad Adenauer aufbewahrt, das inzwischen ein öffentliches Museum ist. Die Akten lagern in einem eigenen, unscheinbaren Gebäude in direkter Nähe. In dem alten Haus sind frühere Wohnungen zu Büros umgebaut worden, ein Keller wurde für die Aufbewahrung hergerichtet. Zeitgemäß ist das alles nicht mehr.

Archivarin Melanie Eckert mit einem kleinen Teil der Akten.
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Deshalb jetzt der kurzfristige Abtransport. Die Akten sind zum großen Teil schon verpackt, ordentlich beschriftet in speziellen Archivkartons. In Kürze werden große Umzugswagen nach Rhöndorf fahren, um den Bestand einzuladen – und nach Koblenz ins Bundesarchiv zu bringen. „Wir sind dabei, den Bestand zu entsäuern bzw. säurefrei zu verpacken“, erzählt Melanie Eckert: „Außerdem wird er zwar Zug um Zug digitalisiert, aber es ist auch wichtig, die Originale zu erhalten. Wir sind dankbar, dass das Bundesarchiv bereit ist, unsere Papier- und Fotobestände aufzunehmen.“ Die Unterlagen werden dort nur vorübergehend gelagert, weil es bei den Profis in Koblenz optimale Bedingungen dafür gibt.
„Der große Vorteil ist, dass die Unterlagen trotz ihrer vorübergehenden Auslagerung ins Bundesarchiv weiterhin zugänglich sein werden. Sie nutzbar zu machen, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit“, erzählt die Archivarin, der man die Leidenschaft für ihren Beruf deutlich anmerkt. Nicht nur Wissenschaftler und Journalisten können sich frei im Bestand der persönlichen Adenauer-Akten informieren, sondern auch jede Bürgerin und jeder Bürger. „Wir werden also auch in dieser Zwischenzeit Anfragen beantworten und Interessierte beraten“, verspricht Melanie Eckert: „Konkret wird das so aussehen, dass wir anhand der jeweiligen Fragestellung die relevanten Akten anhand unserer digitalen Datenbank heraussuchen, die entsprechenden Archivnummern ans Bundesarchiv geben und dann dort die Akten herausgesucht werden.“ Vieles sei aber auch schon digitalisiert, und wer nicht unbedingt das Original brauche, könne auch mit diesen Dateien direkt arbeiten.
Manches historisches Schätzchen
In dem privaten Nachlass von Konrad Adenauer findet sich profane Korrespondenz, aber auch so manches historisches Schätzchen. „Nach dem Tod von Konrad Adenauer 1967 haben seine Kinder recht schnell entschieden, dass sie das Haus und den persönlichen schriftlichen Nachlass der Bundesrepublik schenken“, beschreibt Sabine Schößler, Geschäftsführerin der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Viele würden deshalb denken, die Einrichtung in Rhöndorf sei ein abgeschlossenes Archiv. Das sei aber nicht so: „Es gibt immer wieder aktuelle Zustiftungen.“ So habe die Familie damals auch einige sehr private Andenken behalten – das eine oder andere davon finde nach vielen Jahren nun auch den Weg in das Archiv: „Ein Beispiel ist das Tagebuch von Emma Weyer, der ersten Frau von Konrad Adenauer, das sie auf der gemeinsamen Hochzeitsreise geführt hatte. Ich finde es wirklich toll, dass wir das nun bei uns haben und es somit auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.“
Ein Teil der Unterlagen bestehe aber auch aus Zuschriften, die Konrad Adenauer an seine Privatanschrift hier in Rhöndorf von Menschen aus der Bevölkerung bekommen hat, beispielsweise Glück- oder Genesungswünsche. „Er hatte hier eine Privatsekretärin, und mit ihr gemeinsam hat er jeden einzelnen Brief beantwortet“, erzählt Schößler: „Darauf hat er großen Wert gelegt. Und von vielen dieser Schreiben gibt es bei uns einen Durchschlag.“

Dr. Sabine Schößler, Geschäftsführerin der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus.
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Aber es gibt auch kuriose Fundstücke, die zuweilen für Menschen heute als eigene Erinnerung interessant sind. So habe Adenauer zu Weihnachten stets Waisenhäuser in Königswinter und Bonn besucht und hat dort Kinder beschenkt, beschreibt Archivarin Melanie Eckert. Davon gebe es zahlreiche Bilder im Archiv. „Eine Frau kam mal zu uns und erzählte, dass sie selbst früher eines dieser Kinder war“, so Eckert: „Sie wollte schauen, ob sie sich auf den Fotos wiedererkennt.“ Das Archivteam konnte helfen und machte die Nutzerin so sehr glücklich.
„Ich lerne durch die Arbeit hier im Archiv immer wieder tolle Menschen kennen“, beschreibt Melanie Eckert ihre Arbeit: „Manche wollen sich nur etwas anschauen, andere bringen selbst Objekte mit.“ Einmal habe sich beispielsweise jemand gemeldet, dessen Vater einst als Konditor eine Torte für einen Adenauer-Geburtstag geliefert hatte. Er schickte ein Foto von der Übergabe, das es im Archiv noch nicht gab. „Es kommen auch viele Schülerinnen und Schüler für Facharbeiten zu uns“, ergänzt Eckert: „Ich wusste als Schülerin nicht, dass man für solche Recherchen in ein Archiv gehen kann.“
Adenauers Erfindungen
In den Akten gibt es unter anderem auch längere Beschreibungen der Erfindungen, die Konrad Adenauer ersonnen hatte. Dass er in Zeiten, in denen Nahrungsmittelknappheit herrschte, ein günstiges Maisbrot erfunden hatte, ist weitgehend bekannt. Dass er sich aber auch schon sehr früh mit der Staubentwicklung durch Autos in der Umwelt beschäftigt hatte, findet man bisher wohl nur in den Rhöndorfer Akten. An manchen Stellen ist es aber gar nicht einfach für Besucherinnen und Besucher, sich in den Papieren zurechtzufinden, betont Sabine Schößler: „„Adenauers Handschrift ist nicht leicht zu lesen, da helfen wir immer gerne.“
Manchmal würden die Archivalien für wissenschaftliche Werke verwendet, immer wieder aber auch für Romane oder Theaterstücke über Konrad Adenauer. Das Archivteam arbeitet Interessierten dann gerne zu. „Das sind dann schon bewegende Momente, wenn man plötzlich die Akten als gesprochene Quellen auf der Bühne erlebt“, schwärmt Melanie Eckert: „So etwas erleben wir als Archivare sonst eigentlich nicht.“ Und immer, wenn wieder etwas veröffentlicht werde, ziehe das wieder Nutzungen nach sich: „Menschen werden aufmerksam auf unsere Arbeit, interessieren sich für einen Aspekt aus dem Leben von Konrad Adenauer und melden sich bei uns.“ Als jüngst ein Buch über Auguste „Gussie“, die zweite Ehefrau Adenauers, erschien, erreichte die Stiftung beispielsweise Anfragen zu Aspekten, die dort geschildert waren unter dem Motto: „Können Sie uns noch mehr dazu erzählen?“

Viele Akten sind schon für den Abtransport verpackt.
Copyright: Frank Überall
Sabine Schößler ergänzt, dass man auch für die Kölner Karnevals-Aufführung Divertissementchen im aktuellen Jubiläumsjahr den Autorinnen und Autoren viel zugearbeitet habe: „Das hat beispielsweise Einfluss auf das Bühnenbild genommen: Da waren Erfindungen von Konrad Adenauer zu sehen. Die Unterlagen, die dem zugrunde lagen, kann man sich bei uns im Original anschauen.“
Wann die umfangreichen Unterlagen nach ihrer Auslagerung nach Rhöndorf zurückkehren werden, ist unterdessen noch völlig offen. „Einen Zeitplan für einen Neubau von Verwaltungsgebäude und Archiv gibt es noch nicht“, so Schößler: „In der nächsten Zeit wird es weitere Gespräche dazu geben, und wir hoffen, dass dann auch bald mit den Planungen konkret begonnen werden kann.“ Aber immerhin sind die privaten Archivalien von Deutschlands erstem Bundeskanzler jetzt in Sicherheit.

