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Alles auf WahlkampfWie Donald Trump sich in Corona-Zeiten in Szene setzt

4 min
Trump

Donald Trump, Präsident der USA, spricht im Ostsaal des Weißen Hauses. 

  1. In den USA regt sich Kritik, „Trump geht an die Krise heran wie an eine Reality-Show“ schreibt beispielsweise die Washington Post.
  2. Er selbst sieht das freilich anders. Doch Fakt ist, dass Trump vieles durch die Wahlkampfbrille betrachtet.
  3. Unser Korrespondent Frank Herrmann analysiert Trump und seine Haltung.

Washington – Am Montag wurde Donald Trump von einer Journalistin im Weißen Haus gefragt, warum es nur schleppend vorangehe mit der Auszahlung von Corona-Darlehen an existenzgefährdete Kleinunternehmer. Wieso die Bank Wells Fargo zum Beispiel noch keinen einzigen Antrag bearbeitet habe, wollte Francesca Chambers, beschäftigt bei der Mediengruppe McClatchy’s, von ihm wissen. „Ich wünschte, Sie würden die Frage anders stellen“, erwiderte der Präsident. „Warum sagen Sie nicht, der Start war fantastisch, doch es gab ein paar kleine Pannen, die wir übrigens ausgebügelt haben. Das wäre so viel netter. Aber Sie sind einfach nicht in der Lage, eine Frage positiv zu stellen.“ Die Medien, klagte er, wüssten einfach nicht zu würdigen, wie erfolgreich er und seine Regierung auf die Krise reagiert hätten.

Trump von Fachleuten flankiert

Seit das Coronavirus auch seiner Ansicht nach eine Gefahr für die Vereinigten Staaten bedeutet, veranstaltet Trump täglich eine Pressekonferenz. Meist wird er flankiert von Anthony Fauci und Deborah Birx, dem angesehensten Virologen des Landes und der Wissenschaftlerin, die in der Corona-Taskforce des Kabinetts das Fachliche koordiniert. Oft steht auch Jerome Adams auf der Bühne, der Surgeon General, eine Art Oberarzt der Nation, ein Mediziner in Uniform, der kürzlich warnte, dass man diese Woche den Pearl-Harbor-Moment durchleide. Die schlimmste Phase der Epidemie, einen Tiefpunkt wie den im Dezember 1941, als Japan den Flottenstützpunkt auf Hawaii attackierte und die USA zum Kriegseintritt zwang. Abgesehen von dem Stamm-Trio legt Trump Wert darauf, das Personal, das mit ihm das Rampenlicht teilt, regelmäßig auszutauschen. Kritiker sprechen von einer Fernsehserie mit immer neuen Fortsetzungen, die eher Verwirrung stifte, weil angesichts der Kakophonie irgendwann niemand mehr wisse, worin eigentlich die Botschaft der Regierung bestehe. „Trump geht an die Krise heran wie an eine Reality-Show“, schreibt die Washington Post.

Jared Kushner wirft Übertreibung in New York vor

Vor wenigen Tagen hatte Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn, seine Premiere im Briefing-Room des Weißen Hauses. Er beschuldigte den Gouverneur New Yorks, maßlos übertriebene Szenarien an die Wand zu malen. Andrew Cuomo hatte von 30.000 Beatmungsgeräten gesprochen, die sein Bundesstaat dringend benötige. Medienberichten zufolge soll Kushner, einst Immobilienunternehmer, heute maßgeblicher Berater seines Schwiegervaters, ein Mann ohne medizinische Ausbildung, hinter den Kulissen erklärt haben, er habe seine eigenen Berechnungen angestellt, und klar sei, dass New York so viele Geräte nicht brauche. Vieles, was an Wünschen herangetragen werde ans Weiße Haus, beruhe auf realitätsfremden Prognosen, sagte er dann vor laufenden Kameras. „Kaum zu glauben, dass jemand mit so geringem Fachwissen derart arrogant sein kann“, kommentierte die New York Times, um voller Sarkasmus hinzuzufügen: Der Mann habe in seinem Leben exakt drei Dinge richtig gemacht. „Er hatte die richtigen Eltern, er hat gut geheiratet, und er hat gelernt, wie man seinen Schwiegervater beeinflusst.

Corona durch die Wahlkampfbrille

Wenn die Inflation der Pressekonferenzen einem roten Faden folgt, dann ist es vielleicht der: Statt konsequent den Schulterschluss mit der Opposition zu üben, woran er sich phasenweise durchaus versucht, kann es Trump nicht lassen, die Krankheit durch die Brille des Wahlkämpfers zu sehen. Cuomo ist Demokrat. Seine faktenbasierte, souveräne Art, den Notstand zu managen, hat den Ruf laut werden lassen, ihn anstelle des 77-jährigen Joe Biden zum Präsidentschaftskandidaten zu küren – theoretisch vielleicht denkbar, praktisch nahezu unmöglich, da er sich vor Ablauf der Frist nicht um den Posten bewarb. Trump hat in ihm einen Rivalen ausgemacht, der ihm gefährlich werden könnte, auch wenn er sich im Herbst nicht direkt mit ihm duelliert. Also spannte er seinen Schwiegersohn ein, um Cuomo Panikmache vorzuwerfen.

Alles wird der Wiederwahl untergeordnet

Letztlich ist alles dem Ziel untergeordnet, im November wiedergewählt zu werden. Nachdem er das Virus lange verharmlost hatte, übernahm er am 31. März zum ersten Mal schockierende Prognosen, nach denen selbst bei einem glimpflichen Verlauf bis zu 240 000 Amerikaner an Covid-19 sterben könnten, rund das Zwanzigfache der heutigen Opferzahl – und im schlimmsten Fall mehr als zwei Millionen. Auch damit, so sehen es seine Kritiker, folgt er einem politischen, fast zynischem Kalkül. Trump, vermutet Joe Lockhart, einst Sprecher des Präsidenten Bill Clinton, versuche gerade mit düsteren Voraussagen das Fundament für einen Wahlerfolg zu legen. Falle die Zahl der Corona-Toten deutlich niedriger aus, als er jetzt prophezeie, könne er sich als Sieger in einem Krieg feiern lassen. Seine Botschaft, orakelt Lockhart, könnte dann ungefähr so klingen: „Hätte das Land nicht einen so starken Anführer gehabt, wären Millionen von Menschen gestorben“.