Washington – Es ist der schwärzeste Moment in der noch jungen Amtszeit des 78-jährigen Joe Biden. Sieben Stunden hat der US-Präsident am Donnerstag nach den Terroranschlägen von Kabul gewartet, bis er schließlich im East Room des Weißen Hauses vor die Medienvertreter tritt. Dann sagt Biden jene Sätze, die er – der einen schnellen Schlussstrich unter das Thema Afghanistan anstrebte – unbedingt vermeiden wollte: Man werde jene Terroristen, deren Anschläge am Flughafen Kabul die Leben von 13 US-Militärangehörigen und mindestens 90 Afghanen forderten, „jagen“ und „bezahlen lassen“. Man werde ihnen nicht vergeben, und die ISIS-Terroristen würden „nicht gewinnen“.
Eine heikle Zeit steht dem US-Präsidenten bevor
Will der Präsident, der bei seinem gut 30-minütigen Auftritt müde, angeschlagen und gelegentlich emotional wirkte, dieses Versprechen tatsächlich einhalten, bedeutet dies in der Realität: Sonderkommandos werden im von den Taliban fast vollständig kontrollierten Afghanistan nach den Tätern der Selbstmordattacken suchen und dabei neue Risiken eingehen müssen. Und Biden wird, sollte er tatsächlich solche Einsätze anordnen, möglicherweise erneut dem Volk und den Angehörigen von gefallenen Soldaten erklären müssen, welchen Sinn es macht, in letzter Minute für ein von den USA im Prinzip aufgegebenes Land gestorben zu sein.
Weitere heikle Fragen stehen dem US-Präsidenten und seinen Generälen aber auch bevor, falls der Kongress die Vorgänge um den zum Fiasko gewordenen „Exit“ vom Hindukusch aufarbeiten sollte. Fragen wie diese: Warum wurde der Luftwaffenstützpunkt Bagram bereits Anfang Juli aufgegeben, was die USA ohne Alternative zum Flughafen Kabul ließ? Warum überließ man die Kontrolle des Außenrings um den Airport und damit auch die Absicherung vor Terroristen den Taliban, die US-Generäle sogar als „unsere afghanischen Partner“ bezeichneten? Und warum gab das US-Außenministerium, wie es jetzt berichtet wird, den Taliban eine umfangreiche Namensliste von amerikanischen Staatsbürgern und afghanischen Helfern, damit diese angeblich leichteren Zugang an den Straßenkontrollen zum Flughafen erhalten würden? Manche Experten fürchten nun, dass die neuen Herrscher in Kabul so eine „Todesliste“ erhalten haben. Doch Biden glaubt trotz des nun eingetretenen „worst case scenario“ unbeirrbar: „Die Taliban handeln doch in unserem Interesse“.
CIA-Erkenntnisse mit den Taliban geteilt
Auch haben die USA offenbar Erkenntnisse des Geheimdienstes CIA über die Terrorgefahr in Kabul mit den Taliban geteilt. Eine Kooperation, die nicht fruchtete, wie nun der schlimmste Verlust für US-Truppen in Afghanistan in den letzten zehn Jahren beweist. Die Noten, die Biden in den Stunden nach den Terrorattacken von US-Medien erhält, dürften dem Präsidenten jede Illusion nehmen, dass seine Schonzeit weiter anhalten wird. Ein CNN-Moderator sprach von einer „Stunde der Schande“ und einem „vermeidbaren Chaos“. Ein zugeschalteter Ex-Militär vermutet im Sender Fox News zur besten Sendezeit sogar, Biden sei nicht mehr Herr seiner Sinne. Gleichzeitig fällt unter konservativen Kongressmitgliedern immer häufiger der Begriff „Impeachment“, doch für ein erfolgreiches Amtsenthebungs-Verfahren fehlt den Republikanern die Mehrheit in beiden Kammern auf dem Kapitol.

Dieses Satellitenbild von Maxar Technologies zeigt einen Überblick über den internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul.
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Biden, der am Ende seines Auftritts einige Fragen von zuvor ausgewählten Journalisten zulässt, muss sich dann auch dazu äußern, welche Verantwortung er höchstpersönlich für das so in den Sand gesetzte Abzugs-Finale übernehmen wolle. Der Präsident, der in den letzten elf Tagen jegliche Schuld an dem Dilemma zurückgewiesen hatte, zeigt erstmals einen Anflug von Selbstreflexion: „Ich bin fundamental für das verantwortlich, was die letzten Wochen geschehen ist“, formuliert er. Doch dann kommt prompt die Einschränkung. Sein Vorgänger Donald Trump habe ja einen „Deal“ mit den Taliban ausgehandelt, den er umgesetzt habe. Dass er dieses Abkommen jederzeit hätte neu verhandeln oder sogar kündigen können, dass sich die Taliban nicht an wichtige in dem Vertragswerk festgehaltene Konditionen gehalten hatten – all dies erwähnt Biden nicht. Er argumentiert dagegen, er habe nach Trumps Abkommen mit den Taliban nur zwei Möglichkeiten gehabt: Die Truppen bald danach nach Hause zu holen oder Tausende neue Soldaten nach Afghanistan zu schicken, um den Krieg zu eskalieren. Er lässt unerwähnt, dass Experten durchaus Alternativen zu diesen zwei Extremen vorgeschlagen haben. Und betont auch jetzt wieder: „Es war an der Zeit, einen 20-jährigen Krieg zu beenden.“
Entsetzen in Kabul
So versucht er stattdessen am Ende, noch einmal zwei verbale Schlussstriche zu ziehen. Die Evakuierungen würden weitergehen, stellt er fest. Und: Er stehe zu seiner Abzugsentscheidung. Ob deshalb Bidens Ankündigung, die Urheber der Kabul-Attacken zur Rechenschaft zu ziehen, lediglich ein verbales Muskelspiel sei, fragt am Donnerstagabend ein Analyst des Senders CNN. Es ist eine von vielen Fragen, die an diesem historischen Tag unbeantwortet bleibt. Biden erklärte zuvor mit Blick auf den IS lediglich, die USA hätten Informationen dazu, wo sich die Drahtzieher der Anschläge aufhalten – und würden auch ohne große Militäreinsätze Möglichkeiten finden, diese zur Rechenschaft zu ziehen.
Das Entsetzen in Kabul nach der Bluttat ist derweil immer noch groß: Der Platz vor dem Tor, wo am Vortag noch Tausende, die auf einen Evakuierungsflug hofften, Schulter an Schulter standen, war am Freitag menschenleer, wie Fernsehbilder zeigten. Mit den Worten „Leere“ oder „schlimmste Zeit meines Lebens“ beschreiben Bewohner die Stimmung in Kabul. Der Teppichhändler Jama sagt am Telefon, keiner, der am Freitag nicht für dringende Erledigungen aus dem Haus musste, setze einen Schritt vor die Tür. Viele fürchteten sich vor den Taliban, die sie weiter nicht wirklich einschätzen könnten. Die Angst vor dem IS aber sei viel größer. (mit dpa)
Hintergrund: IS-K – Die Feinde der Taliban
Die Terrorgruppe „Islamischer Staat Khorasan„ (IS-K) hat sich zu den Anschlägen in der afghanischen Hauptstadt Kabul mit über 100 Toten bekannt. Die Organisation ist mit den Taliban verfeindet. Was ist über die Gruppe bekannt?
Wer verbirgt sich hinter IS-K?
Die Abkürzung IS-K bedeutet Islamischer Staat Khorasan und bezeichnet einen Ableger der Terrorgruppe „Islamischer Staat“. Der afghanische Ableger besteht aus einer Gruppe von wenigen Tausend Kämpfern, die sich 2015 gegründet hat. Damals wandten sich laut Asien-Experte Leo Wigger (kleines Bild) von der Berliner Candid-Foundation radikalisierte Mitglieder der pakistanischen Taliban von den Taliban ab.
Wo ist IS-K verortet?
Der Rückzugsort von IS-K sind Gebiete im Osten Afghanistans, die nach Aussage von Wigger selbst für afghanische Verhältnisse sehr unwirtlich und abgelegen sind. Vor allem in den Provinzen Nangarhar und Kunar im Osten und Nordosten des Landes hat IS-K seinen Operationsschwerpunkt.
Was bedeutet der Name Khorasan?
Der Name ist ein geografischer Begriff. Er bezeichnet eine historische Region in Zentralasien, dazu gehören Teile Nordirans, Afghanistans und Turkmenistans.
Welches Verhältnis haben die Taliban zu IS-K?
Die Taliban und der afghanische Ableger des IS sind verfeindet, sagen Wigger und andere Experten. Das hat unterschiedliche politische, aber auch religiöse Gründe. Der größte Unterschied besteht in ihrer Ausrichtung. „Die Taliban verfolgen nationalistische Ziele, sie haben Vorstellungen eines islamischen Staates in Afghanistan, wirken jedoch nicht über das Land hinaus“, sagt Wigger. „Der 'Islamische Staat' hingegen hat ein Kalifat ausgerufen und vertritt einen globalen Anspruch.“ Die Taliban seien zudem stark geprägt von Clan- und Stammstrukturen, durch die sie Herrschaftsansprüche legitimieren.
Wird es einen Bürgerkrieg geben?
Nach Einschätzung Wiggers sind Auseinandersetzungen zwischen den Taliban und IS-K wahrscheinlich, ebenso sei es aber möglich, dass es auch innerhalb der Taliban und ihren Untergruppen in Zukunft zu Konflikten komme. Die Taliban seien ein Zweckbündnis, das vor allem durch die gemeinsame Mission gegen die vom Westen installierte Regierung in Afghanistan geeint worden sei. „Inwieweit dieses Zweckbündnis in den kommenden Wochen stabil bleibt, nachdem das Ziel der Machtübernahme erreicht ist, bleibt abzuwarten“, sagte Wigger.
In den vergangenen Monaten seien zudem 8000 bis 10000 internationale Dschihadisten nach Afghanistan gekommen. Die meisten dieser Kämpfer hätten sich den Taliban angeschlossen, so Wigger. Sie stammten hauptsächlich aus Zentralasien, unter ihnen sind Tadschiken und Uiguren, eine muslimische Minderheit in China. Diese Dschihadisten seien ein Risikofaktor, so Wigger. Es bestehe die Chance, dass sich neue terroristische Splittergruppen bildeten. (epd)
