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Engpässe in der MedizinBei Medikamenten gilt jetzt „Europa first“

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ARCHIV - 29.04.2015, Hamburg: Medikamente liegen in den Regalen eines Kommissionierautomaten einer Apotheke.

So voll sieht es nicht immer in Apotheken aus: Nahezu jeden Winter kommt es mittlerweile zu Medikamentenengpässen. 

Immer wieder gibt es Engpässe bei wichtiger Medizin – nun will die EU die Produktion vor der Haustür stärken.

In diesem Winter erleben Patienten, Ärzte und Apotheker ein bitteres Déjà-vu, das zum Leidwesen aller Beteiligten mittlerweile zum Alltag in Europa gehört: Ob Fiebersäfte für Kinder, Tabletten für psychisch Kranke, Antibiotika oder Schmerzmittel – immer wieder herrscht Alarm wegen Engpässen, selbst bei teils lebensnotwendigen Medikamenten.

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte waren im Jahr 2025 zeitweise mehr als 500 Arzneimittel als „nicht lieferbar“ gelistet. Der Hauptgrund für die Schwierigkeiten liegt im System.

So ist der EU-Kommission zufolge die Hälfte der gemeldeten Engpässe auf Produktionsprobleme zurückzuführen. Denn die meisten Hersteller von günstigen Nachahmerprodukten mit dem gleichen Wirkstoff wie die Originale, sogenannten Generika, sitzen in Asien.

Jahrzehntelang galt: Billig, billig, billig.

„Wenn dann im Suezkanal ein Schiff quersteht oder eine der wenigen Produktionsstätten ein technisches Problem hat, bekommen wir keine Medikamente“, kommentiert der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese. Dabei ist das Problem hausgemacht. Jahrzehntelang habe laut Liese auch in Deutschland die Devise immer nur gelautet: „Billig, billig, billig.“ Dementsprechend hätten die Regierungen bei der Beschaffung von Arzneimitteln nur auf den Preis geachtet. „Die Lieferfähigkeit oder Versorgungssicherheit haben keine Rolle gespielt“, so Liese. In der Folge sei die Produktion von Generika fast vollständig nach China oder Indien abgewandert.

Um „gefährliche“ Abhängigkeiten zu reduzieren und zur Bekämpfung der Arzneimittelknappheit beizutragen – Gesundheit liegt eigentlich in der Zuständigkeit der Nationalstaaten – präsentierte die EU-Kommission im März vergangenen Jahres ein entsprechendes Gesetz.

An diesem Dienstag stimmt das Europäische Parlament in Straßburg über seine Position ab, die im Grundsatz auf dem Vorschlag der Brüsseler Behörde beruht. Demnach soll die Produktion von Arzneimitteln künftig nicht nur von schnelleren Genehmigungsverfahren profitieren und einfacher mit öffentlichen Geldern unterstützt werden. Bei den Ausschreibungen dürfte es in Zukunft auch heißen: Europe first, Europa zuerst. Das heißt, wenn die Herstellung innerhalb der Gemeinschaft stattfindet, sollen die Unternehmen einen Bonus erhalten. Über allem steht: Die Gemeinschaft will dafür sorgen, dass die Lieferkette diversifiziert wird. Es sollen stets mehrere Firmen den Zuschlag für ein Arzneimittel bekommen. Damit das Medikament auch dann noch zur Verfügung steht, falls ein Unternehmen ausfällt, wenn es etwa in einer Fabrik gebrannt hat. Dass die EU den Mitgliedstaaten nicht nur empfehlen, sondern vorschreiben will, mehrere Produzenten bei den Ausschreibungen zu berücksichtigen, sei „ein Hammer“, sagt Liese, „aber auch die Lösung für ein Hammer-Problem“. Er nannte dies „die entscheidende Vorschrift“. Und nur Europa könne sie umsetzen. Die EU will ihre Marktmacht von 450 Millionen Menschen nutzen, damit Unternehmen auf dem Alten Kontinent investieren und ihre Medikamente häufiger hier statt im günstigeren Ausland fertigen. Wenn künftig nicht mehr der Preis das Hauptkriterium darstellt, werden jedoch die Kosten steigen, darüber sind sich in Brüssel alle bewusst.

Die Strategie lohnt sich langfristig

Aus der EU-Kommission hieß es, die Widerstandsfähigkeit der Beschaffungs- und Lieferkette habe ihren Preis. Wer aber wird schlussendlich zur Kasse gebeten? Müssen die Deutschen mit höheren Beiträgen in ihren gesetzlichen Krankenversicherungen rechnen?

Es gehe um Generika, also billige Medikamente, die bei den Kosten lediglich einen kleinen, bei der Versorgung aber den größten Teil ausmachen, sagt Liese und rechnet anhand eines Beispiels vor, warum sich die Strategie langfristig für die Gesundheitssysteme lohnt: Würde ein Antibiotikasaft für Kinder komplett in der EU hergestellt, stiege der Preis um 40 Prozent. Kostet er also jetzt zwei Euro, würde er künftig mit 2,80 Euro zu Buche schlagen.

Landen Kinder aber lediglich deshalb im Krankenhaus, weil etwa ein Antibiotikum nicht verfügbar ist, explodieren die Kosten schnell. Ein Tag stationärer Aufenthalt in der Klinik gehe laut Liese in Richtung 1000 Euro.