Kommentar zum Gasdeal mit KatarWeltmeister der Doppelmoral

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Der deutsche Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck wartet auf die Ankunft des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte im Foyer des Kanzleramtes in Berlin.

Der deutsche Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck im Foyer des Kanzleramtes in Berlin.

Katar wird Deutschland im Rahmen eines am Dienstag unterzeichneten 15-Jahres-Vertrags ab 2026 mit Flüssigerdgas beliefern. Der Deal wirft Fragen auf.

Ach ja, da war ja was, lange vor One-Love-Armbinde und Mund-zu-Geste allerdings. Ein Wirtschaftsminister, der zum Emir reist und demütig um Gas bittet, Verbeugung inklusive. Ein Kanzler, der ein paar Monate später hinterher reist und versichert, dass wir das Gas auch wirklich gerne haben möchten. Alles, könnte man sagen, zahlt sich jetzt aus. Oder, von heute aus betrachtet: Fällt uns nun aus großer moralischer Höhe ziemlich ungeschützt auf die Füße.

Mit ihrer Ankündigung, Deutschland nun tatsächlich Flüssigerdgas zu liefern, beweisen die Katarer ein bemerkenswertes Gespür für Timing. Nach Monaten des Verhandelns geben sie nun ausgerechnet zwischen dem zweiten und dritten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft bei der WM in Katar die Einigung bekannt. Kurz nach der beißenden Kritik aus Deutschland, so dass man die Verträge als dezenten Hinweis auf gewisse Abhängigkeiten verstehen darf. Und kurz vor jenem Spiel am Donnerstag, nach dem Deutschland bereits ein Ex-Teilnehmer dieser WM sein könnte.

Gas-Deal mit Katar: Eine Kompromisslösung

Dann aber hätte dieser Deal schon weit weniger Beachtung gefunden. Er braucht die große Bühne. Seine energiepolitische Bedeutung nämlich ist überschaubar. Gerade mal drei Prozent des jährlichen Gasbedarfs wird Katar an Deutschland liefern, und das auch erst von 2026 an. Das ist einer von vielen noch nötigen Bausteinen deutscher Energieversorgung, aus denen irgendwann hoffentlich mal ein solide wärmendes Haus wird. Mehr aber auch nicht.

Auf diesem Dateifoto vom 1. April 2008 fährt der katarische Flüssiggastanker „Duhail“ durch den Suezkanal in der Nähe der ägyptischen Hafenstadt Ismailia.

Der katarische Flüssiggastanker „Duhail“ fährt durch den Suezkanal in der Nähe der ägyptischen Hafenstadt Ismailia.

Die Katarer hätten gerne längere Lieferzeiten vereinbart, 20 Jahre aufwärts, die 15 Jahre sind sie für sie eine Art Kurzvertrag. Deutschland wiederum hätte katarisches Flüssiggas im Jahr 2041 eigentlich gerne schon nicht mehr nötig. Man traf sich in der Mitte. Seine eigentliche Bedeutung erhält der Gas-Deal allein als katarischer Kommentar zur Debatte um Boykott und Menschenrechte: Tatsächlich steht Deutschland nun als Weltmeister der Doppelmoral da. Als Gasverkäufer ist uns Katar in der Not gerade recht, als WM-Gastgeber aber sei er bei jeder Gelegenheit geschmäht: Das ist ein Widerspruch, der sich tatsächlich schwer auflösen lässt. Auch nicht durch den Hinweis, dass es im einen Fall um existenzielle Bedürfnisse geht, im anderen nur um ein Spiel.

Fußball als internationaler Gerichtssaal

Wir selbst sind es, die den Fußball zum Gerichtssaal über internationale Politik und universelle Normen machen. Und was sind, andererseits, schon drei Prozent des deutschen Jahresbedarfs. Es rächt sich jetzt, dass Politik und Deutscher Fußball-Bund sportpolitisch nahezu unvorbereitet in dieses Turnier gestolpert sind. Seit zwölf Jahren ist klar, dass diese Weltmeisterschaft absurderweise in Katar stattfinden wird. Es wäre genug Zeit gewesen, auf dieses Turnier zu verzichten. Oder zumindest eine Strategie zu finden, um die berechtigte Kritik an den Verhältnissen in Katar in deutlicher, aber nicht düpierender Art vorzubringen. Stattdessen bürden wir nun den Spielern auf, auf dem Feld als Botschafter der Menschenrechte aufzutreten.

Nancy Faeser (SPD) trägt eine Armbinde mit der Aufschrift "One Love".

Nancy Faeser (SPD) trägt eine Armbinde mit der Aufschrift „One Love“ beim ersten WM-Spiel von Deutschland gegen Japan.

Jene ethische Konsequenz und Reinheit, die wir alle in unserem Alltag nicht aufbringen, wenn wir mit unseren Smartphones aus China telefonieren oder T-Shirts aus Bangladesh tragen, sollen sie nun vor einem möglichst kreativen Spiel gleichsam nebenbei mit erledigen. So haben wir uns mit unseren moralischen Maximalpositionen in letzter Minute in die missliche Lage gebracht, dass Katar Deutschland mit einer schlichten Lieferankündigung für ein paar Schiffsladungen flüssiges Erdgas sehr alt und bigott aussehen lässt.

Auf dem Feld der internationalen PR ist den Katarern damit dass gelungen, was ihnen auf dem Platz, in ihren klimatisierten Stadien, versagt blieb: Sie sind eine Runde weiter. Moralische Maximalpositionen haben uns in eine schwierige Lage gebracht.

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