Vor 25 Jahren war die gebürtige Kölnerin erstmals als Moderatorin des ZDF-Nachrichten-Flaggschiffs heute journal auf Sendung. Im Rundschau-Gespräch mit Jutta Laege blickt sie zurück.
Marietta Slomka„Als ich anfing, war unsere kleine Welt hier noch relativ in Ordnung“

Prägendes Gesicht beim ZDF seit 25 Jahren: die gebürtige Kölnerin Marietta Slomka
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Frau Slomka, vor genau 25 Jahren haben Sie der Rundschau in einem Interview gesagt, dass Sie sich nicht vorstellen können, ein Leben lang Moderatorin zu sein. Zitat: „Ich bin gegen geradlinige Lebensläufe.“ Was ist da schiefgelaufen?
(lacht): Mein Leben ist ja noch nicht zu Ende. Aber ja, stimmt. Wer früher kommt, bleibt länger da. Das hatte ich nicht so vorhergesehen. Aber es macht nach wie vor sehr viel Freude.
Wir müssen in diesem Zusammenhang an Ihren Kollegen Wolf von Lojewski erinnern, der immerhin 21 Jahre beim Journal geschafft hat. Er war eine Institution im Nachrichtengeschäft. Würden Sie sich auch als solche bezeichnen?
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Oh Gott, das kann man über sich selbst wirklich schlecht sagen. Ich bin ja auch nicht die Einzige, die hier moderiert hat. Aber ja klar, es ist ein Vierteljahrhundert, in der ich das Haupt-Nachrichtenmagazin mitgeprägt habe. Und es ist schon ein herausragender Job, keine Frage.
Wissen Sie noch, wie der Start beim heute journal war? Die virtuelle Welt, wie wir sie heute kennen, gab es ja auch im Fernsehstudio noch nicht.
Ja, klar erinnere ich mich daran. Vor allem, wie wahnsinnig aufgeregt ich war, und wie nett Wolf von Lojewski damit umging. Und ich erinnere mich, dass es in der ersten Sendung um die Bundeswehrreform ging. Also manche Themen bleiben irgendwie! Und es gab Streitigkeiten innerhalb der Union zwischen Merz und Merkel. Das waren damals die herausragenden Themen. Und das Studio hatte noch keine virtuelle Technik.
Was hat Sie in den letzten 25 Jahren nachrichtlich am meisten bewegt?
Es war natürlich wahnsinnig viel, und inzwischen ist die Schlagzahl an Großereignissen auch immer höher geworden und man denkt häufiger: Ach du meine Güte, das kann doch nicht wahr sein! Welt, was tust du heute? Als ich im Januar 2001 angefangen habe, war zumindest unsere kleine Welt hier in Westeuropa noch relativ in Ordnung. Und dann kamen die Anschläge des 11. September, die nachhaltige Wirkung hatten auf amerikanische Außenpolitik und alles, was danach kam.
Das war das erste große globale Ereignis, wenn man so sagen kann, in Ihrer Amtszeit.
Ja, auch wenn ich an dem Tag nicht selbst moderiert habe, sondern erst in der Woche danach. Aber es traf mich natürlich auch massiv - nicht nur als Journalistin. Und dann hatten wir die Anschläge auf das Bataclan in Paris, beziehungsweise auf die verschiedensten Orte in Paris, in der Sendung, die ich moderiert habe und wo dann quasi live, während man im Studio stand, immer neue Dinge passierten. Das war natürlich besonders herausfordernd. Ja, und dann zerbrachen diverse Koalitionen, um es mal innenpolitisch zu sehen. Es gab Trump eins, jetzt Trump zwei. Die Corona- Pandemie war eine extreme Zeit. Und ganz herausragend war die russische Voll-Invasion auf die Ukraine. Auch das ging mit einem fassungslosen Entsetzen einher, das einem in den Kleidern steckt. Dann der 7. Oktober und in der Folge der Gaza-Krieg. Also es sind schon massive Dinge auf der Welt geschehen, die einen, wenn man damit auch noch professionell arbeitet, sehr beschäftigen.
Es gibt ja das geflügelte Wort „geslomkat“, das mit Ihnen in Zusammenhang steht aufgrund Ihrer Interviewtechnik. Beim relativ neuen Format, dem heute journal-Podcast, ist mir aufgefallen, dass Sie da auch wenig zimperlich sind. Wie weit sind Sie bereit zu gehen?
Der Podcast ist natürlich ein anderes Format. Ich bin im Podcast nicht in der Rolle der Moderatorin, ich bin Gast, Helene Reiner ist die Fragen stellende Gastgeberin. Wenn man den Podcast exakt genauso bedienen würde, wie die Flaggschiffsendung im TV, dann würde es glaube ich nicht funktionieren. Dort darf es ein anderes Wording geben, es darf direkter sein. Es ist ein anderes Arbeiten, bei dem man aber schon auch sehr konzentriert sein muss, bei dem einem natürlich auch schneller mal eine Formulierung rausrutscht oder man vielleicht auch schneller mal einen Fehler macht. Ich bin mir dessen durchaus bewusst.
E ist vielleicht die große Aufgabe unserer Zeit, uns eben von diesen Gewissheiten und auch manchem Wunschdenken zu verabschieden
Sie haben die weltweiten Krisen schon angesprochen. Im Rückblick auf die 25 Jahre, auf Annexion der Krim, Aufstieg der AfD, Projekt 2025. Haben Sie das als Nachrichtenfachfrau eigentlich kommen sehen?
Also im Rückspiegel sieht man immer besser. Diese volle Invasion auf die Ukraine habe ich nicht kommen sehen. Es war schon klar, es passiert etwas. Putin schickt seine Truppen nicht nur, um ein Manöver zu machen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass die Russen tatsächlich glauben, sie könnten die ganze Ukraine einnehmen. Aber spätestens seit der Annexion der Krim war schon zu sehen, dass da eine sehr aggressive imperiale Politik gegenüber Nachbarländern vollzogen wird und dass sich da jemand nicht zufrieden gibt mit dem Status quo. Das, finde ich, war absehbar. Putin hat seine Absichten ja auch recht frühzeitig in Reden und Schriftstücken angekündigt. Und das amerikanische Denkfabrik-Projekt 2025 steht auch nicht nur so aus Versehen im Schaufenster rum. Insofern muss man sich schon auch diese langen Linien angucken, um dann eben nicht mehr so vollkommen überrascht zu sein. Das ist natürlich in erster Linie auch Aufgabe von Politik.
Das führt uns aktuell und unmittelbar zu Grönland. Auch das haben Trump und diverse amerikanische Präsidenten vor ihm schon übernehmen wollen.
Aber nicht mit Gewaltandrohung gegen einen Verbündeten, soweit ich das sehe. Natürlich haben wir diesen Reflex zu sagen: Das wird ja wohl nicht wirklich ernsthaft passieren, oder: Das können die doch nicht ernsthaft tun! Es ist vielleicht die große Aufgabe unserer Zeit, uns eben von diesen Gewissheiten und in mancher Hinsicht auch manchem Wunschdenken zu verabschieden.
Die heute journal-Ausgabe unmittelbar vor unserem Gespräch hatte düstere Themen: Gebeutelte Europäer in Davos, Putins Attacken auf die Energie-Infrastruktur der Ukraine, Zugunglück in Spanien, Debatte um die telefonische Krankschreibung. Da kann man nachrichtenmüde werden, oder?
Wir können uns die Welt nicht schöner malen, als sie ist. Gerade an einem Tag, an dem so viel passiert. Wir versuchen in Sendungen aber auch das Positive hervorzuheben, wenn wir beispielsweise über Initiativen berichten, die erfolgversprechend sind, oder wo etwas gut funktioniert. Aber letztendlich ist das auch nicht die Aufgabe von Journalismus. Und wenn Sie diese spezifische Sendung ansprechen: Am Ende der Sendung hatten wir einen Oscar-Anwärter.
Am Ende bleibt immerhin die Kultur.
Ja, die Kultur rettet uns.
Sind Sie selbst manchmal nachrichtenmüde?
Das ist ein bisschen so, als wenn Sie Ärzte fragen: Wollen Sie noch weiter Kranke behandeln? Ist doch irgendwie auch unerfreulich auf Dauer. Nein, dann hätte ich den falschen Job. Es fasziniert mich, auch wenn es mich beunruhigt, manchmal natürlich auch frustriert oder stresst.
Wenn man die gemeinsame Faktenbasis nicht mehr hat, auf der man dann auch hart diskutieren kann, dann wird es wirklich schwierig.
Ein dickes Fell braucht man also schon?
Ja, das braucht man in unseren Zeiten auf jeden Fall.
Es gibt Anfeindungen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, es gibt Fake News, es gibt KI, so viele Dinge, die Ihren Job gefährden oder gar überflüssig machen könnten. Wie sehen Sie das?
Ich glaube, dass Medien generell in einer schwierigen Zeit angekommen sind, schon seit längerem. In den USA wird recht systematisch die Pressefreiheit attackiert mit Methoden, die wir zum Teil auch schon aus anderen Ländern kennen: mit Drohungen, mit Ausschluss von Journalisten aus Pressekonferenzen oder dem Kappen von Zugängen. Medienhäuser werden mit Milliardenklagen überzogen und damit natürlich auch existenziell bedroht, Journalisten werden permanent beleidigt und ihre Arbeit als Fake News beschimpft. Das Pendant in Deutschland ist dann die Lügenpresse oder Mainstreampresse. Es geht also im Prinzip gegen diejenigen, die vor einem großen Publikum Fakten liefern und kritisch nachfragen oder auch für bestimmte Grundwerte unserer Gesellschaft stehen. Und das meine ich jetzt nicht parteipolitisch, sondern bezogen auf unsere Verfassung oder auf das, wozu auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk verpflichtet ist: Demokratieförderung gegen völkischen Chauvinismus, Aufklärung gegen Rassismus, gegen Antisemitismus. Wenn man all das nicht will oder das eben attackieren will, finden sich natürlich verschiedenste Methoden. Erst recht, wenn man an den Hebeln der Macht sitzt. Und dann wird es auch für Journalisten wirklich gefährlich. Wir erleben, ob mit oder ohne Anlass, dass versucht wird, Journalisten einzuschüchtern oder zu verunsichern - mit Shitstorms, mit Morddrohungen oder anderen Methoden, die der digitale Raum heutzutage liefert.
Gilt das für Sie persönlich auch?
In unterschiedlichen Abstufungen. Man weiß natürlich, dass einem das jederzeit aus irgendeinem Anlass passieren könnte. Und sei es, dass man irgendwo einen Fehler macht oder eine Formulierung verrutscht oder man sich sonstwie angreifbar macht. Oder dass es auch einfach gewünscht wird, einen zu attackieren.
Wie können wir uns und Sie sich davor schützen?
Am Ende lebt eine Demokratie von Demokraten und die Pressefreiheit auch von der Bevölkerung, die eine freie Presse haben will. Eine Bevölkerung, die die Manipulationen von Leuten, die über Freiheit sprechen, aber eigentlich die Beschränkung von Freiheit meinen, wenn Dinge nicht so laufen, wie sie sich das vorstellen, auch durchschaut. Es braucht auch ein Verständnis dafür, warum der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland in der Nachkriegszeit überhaupt gegründet wurde und warum er finanziert wird, wie er finanziert wird: nämlich nicht abhängig von einer einzelnen Regierung oder einem einzelnen Milliardär. Und dass man es auch schätzt, dass zum Beispiel Sendungen wie das heute journal oder die Tagesschau immer noch so eine Lagerfeuerfunktion haben, wo ein breites Millionenpublikum zuschaut. Man muss ja nicht alles mögen, was man sieht und hört. Es geht uns in unserer Sendung um Seriosität und um Wahrhaftigkeit, um Einordnung und das Einbinden ganz unterschiedlicher Teile der Bevölkerung und auch parteipolitisch unterschiedlich verbundener Zuschauer. Wenn man die gemeinsame Faktenbasis nicht mehr hat, auf der man dann auch hart diskutieren kann, dann wird es wirklich schwierig.
Gibt es jemanden, den Sie unbedingt nochmal interviewen wollen, es aber bis jetzt noch nicht geschafft haben?
Schwer zu sagen. Eigentlich nicht. Ich würde mich freuen, wenn wir häufiger ausländische Regierungschefs in der Sendung hätten, gerade auch aus dem europäischen Ausland. Die meisten sind sehr auf ihre eigenen heimischen Medien fokussiert und sehen manchmal gar nicht den Mehrwert für sie, wenn sie in einen deutschen Fernsehsender gehen. Ich glaube, dass das in diesen Zeiten eigentlich immer wichtiger wird, wenn Europa sich untereinander verstehen, abstimmen und sehen will, wo die Reise hingeht, und wie die anderen denken.
Gab es auch mal etwas, das wirklich komisch und lustig war? Wo Sie sich zusammenreißen mussten, um nicht einen Lachanfall zu kriegen?
Ehrlich gesagt nicht. Es gab sicherlich nicht nur todernste Momente in unseren Sendungen, das soll ja auch nicht so sein. Aber dass ich jetzt einen Lachanfall bekommen hätte, ich fürchte, das kann ich jetzt nicht liefern. Ich hatte leider auch keinen Mann, der hinter mir durchs Bild lief, während wir auf Sendung waren.
Dann belassen wir es dabei. Die Szene ist bei Susanne Daubner ja gut aufgehoben. Wir müssen aber unbedingt noch auf Köln zu sprechen kommen, ihren Geburts- und langjährigen Heimatort. Sie haben von 1994 bis 1996 hier für die Rundschau gearbeitet. Haben Sie da noch irgendwas präsent?
Ja, erinnere mich da wahnsinnig gerne dran. Damals habe ich meine ersten journalistischen Meriten erworben und wirklich viel gelernt. Ich finde nach wie vor, dass eine Lokalredaktion der beste Ort ist, um Journalismus zu lernen und zu betreiben. Weil man eben auch so nah dran ist an den Ereignissen und wirklich jeden Tag rausgeht und mit Leuten spricht. Und ich hatte auch einfach tolle Lehrer in der Redaktion, die mir viel beigebracht haben und mich auch viel haben machen lassen.
Fällt Ihnen noch etwas Konkretes ein?
Ich kam über ein Praktikum zur Kölnischen Rundschau. Da war ich noch sehr jung und durfte über eine Japanreise berichten, die ich als Mitglied einer Kölner Jugendgruppe gemacht hatte. Mein erster Lokaltermin war, glaube ich, eine Musikgruppe, die in Köln irgendwo auftrat. Und dann wurde ich mit einem Fotografen losgeschickt. Dann gab es ein großes Foto und ich glaube, ich durfte die Bildunterschrift machen. Und dann erinnere ich mich auch noch an das Thema Sommerschlussverkauf und ein Solardach, das irgendwo eröffnet wurde, und dann war ich noch bei einem sehr beeindruckenden Konzert für Gehörlose.
Waren Sie damals schon so forsch, wie man Sie heute wahrnimmt?
Es macht einen Riesenunterschied, ob man Spitzenpolitiker interviewt oder ob man als Reporter unterwegs ist. Das ist auch heute noch so, wenn ich zum Beispiel Afrika-Reportagen oder Südamerika-Dokus mache und vor Ort mit Leuten im Gespräch bin. Die gehe ich natürlich nicht forsch an. Das ist nicht die richtige Methode, um Leute, die nicht jeden Tag mit ausländischen Journalisten zu tun haben, zum Sprechen zu bringen oder Vertrauen zu gewinnen. Man ist einfach in unterschiedlichen Rollen.
Würden Sie mal wieder für die Rundschau schreiben? Und wenn ja, was wäre Ihr Thema?
Wahrscheinlich wäre das dann eher ein Thema, das mit meinem heutigen Job zu tun hätte.
Ja. Das passt doch. Dürfen wir Sie also anfragen?
Unbedingt.

