Alte Flutmarken, Erzählungen zu Wasserständen, historische Fotos - Thorsten Krause hat nach der Flut 2021 aus dem Umfeld des Swistbachs Daten zu früheren Hochwasserereignissen zusammengetragen.
HochwasserhistorieSwisttaler verbessert Vorhersagen mit seinen Daten

Thorsten Krause zeigt am Pegel Essig, wo bei der Starkregenkatastrophe 2021 der Schwimmer stand, die Skala an der Treppe war überflutet.
Copyright: Manfred Reinnarth
Thorsten Krause aus Odendorf spricht am Mittwoch, 18. März, im Zehnthaus in Odendorf ab 19.30 Uhr bei freiem Eintritt über „Historische Hochwasserereignisse vor der Flut 2021“. Gastgeber ist der Zehnhausverein. Die Rundschau hat mit Krause über seine Kenntnisse gesprochen.
Fangen wir doch mal damit an: Wer ist Thorsten Krause?
Ich bin 56 Jahre alt und in Buxtehude, also in Niedersachsen geboren. Ich habe bei der Bundeswehr in Hamburg Elektrotechnik studiert, und bin 1996 als Soldat nach Flamersheim gekommen, um mich mit IT-Systemen zu befassen. 2002 bin ich ausgeschieden, habe 2006 in Odendorf gebaut.
Mit Wasser haben Sie nichts zu tun gehabt?
Nein. Ich habe nicht mal gewusst, dass es hier den Rodderbach gibt. Das ist mir nach der Flut 2021 bewusst geworden. Ich kannte die Steinbachtalsperre, bin da drum gewandert, aber dass da ein Fluß rein fließt und wieder raus, habe ich nicht gewusst. Der 14. Juli 2021 hat bei mir den Bedarf erzeugt, zu verstehen, was passiert ist. Dazu habe ich das methodische Rüstzeug meiner Ausbildung genutzt. Ich habe Kontakt mit dem Erftverband aufgebaut, und die haben mich wegen meines Wissens an die Bezirksregierung gemeldet.
Von Ihren Kenntnissen als Toddy Kra bei Facebook haben schon viele erfahren ...
Ja, eigentlich sollte keiner wissen, wer Toddy Kra ist, aber das ist völlig in die Hose gegangen. Ich habe mich mit den Hochwasserkarten von 2013 befasst, die 2019 aktualisiert wurden, und schnell festgestellt, dass sie viel zu knapp gehalten sind. Dazu habe ich die Frage gestellt: Warum? Aus meinen gesammelten Daten ergaben sich Kritikpunkte, und die flossen mit in den Abschlussbericht der Bezirksregierung ein. Meine Zutaten passen genau zur Methodik, des jährlichen Landtagsbericht von NRW-Umweltminister Oliver Krischer. Schon 2023 standen in der Hochwasserstatistik die historischen Hochwasser mit drin. Aber der Pegel Essig ist aus dem Jahr 2000, die ersten Karten von 2013 – damit lässt sich keine hundertjährige Statistik interpolieren, das wäre Datenschrott.
Also haben Sie selbst die fehlende Geschichte recherchiert?
Genau. Es gab einen Artikel von Professor Thomas Roggenkamp aus Bonn über historische Hochwasser, auch an der Ahr, zu 1804 und 1910. Mein Vortrag wird mit dem Engelsley-Tunnel beginnen, das ist der Straßentunnel in Altenahr, den auch hier viele kennen. Der ist 1832 gebaut worden, und jeder kann die teils recht hoch angebrachten Hochwassermarken sehen. Die Swist und die Erft haben eine Vorgeschichte mit Jahreszahlen wie 1888, 1984 und 1961 – dazu sind mir viele Fragen gekommen, die ich der Landesverwaltung gestellt habe, und die hat mich in ihr Auswertungsteam genommen.
Das war es aber beileibe noch nicht was Sie dazu mit viel Einsatz geleistet haben ...
Ich bin von Haus zu Haus gegangen und habe überall geklingelt und auch die Alten befragt – in Rheinbach, vereinzelt in Meckenheim, bis Metternich war ich unterwegs. So konnte ich alte Flutmarken finden und Angaben, wo zu welchem Datum das Wasser stand, obwohl dazu nichts in Karten verzeichnet war. Aus Flerzheim habe ich ein datiertes Foto erhalten, womit ich Pegelstände im Gelände einmessen konnte.

An einer Tür in Flerzheim sind historische Hochwasserstände markiert.
Copyright: Thorsten Krause
Aus Palmersheim gibt es ein Foto aus einem Dachfenster, das ganz genau den Wasserstand im Hochwasser zeigt. Die Bilder bestätigen die Pegelstände, die sich aus den Berechnungsmodellen der heutigen Software ergeben, wobei aus Wassermengen und Geländeverläufen über bestimmte Zeiträume die Überflutungshöhe erkennbar wird. Dieses Foto hat also die Software validiert. So war zum Beispiel die Frage, wo das Wasser aus der Steinbach und von Schweinheim lang geflossen ist: Ein Teil durch Odendorf, ein Teil aber auch über Palmersheim und Weidesheim Richtung Erft, wie meine Befragungen bei den Anwohnern ergab, nicht etwa zum Schießbach.
Kurios, weil doch nach der Flut 2021 die Schießbachverrohrung an der Autobahn 61 zerstört war ...
Da hat sich das Wasser, wie auch die heutigen Modelle zeigen, von Miel entlang der Autobahn Richtung Ollheim bewegt und den Schießbach betankt. Im weiteren Verlauf der Autobahn ist im Modell zu sehen, wo das Wasser nach Heimerzheim reinläuft.
In Odendorf haben Sie auch Bewohner befragt?
Ich habe einen alten Landwirt hier aus dem Ort gesprochen, der mir dann irgendwann sagte: Anfang der 60er Jahre standen dort die Kühe schonmal im Wasser. Daraus kann ich ja zwei Dinge ableiten: Der Bach war draußen, es gab also Hochwasser, und die Kühe sind nicht weggeschwommen, so hoch war es dann doch nicht.
Sie waren aber im Archiv?
Vor allem im Kreisarchiv. Ich habe irres Zeug zur Steinbachtalsperre gesehen, als ich mich durch die ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts gelesen habe, als erst „mit Hitlergruß“ und später mit „Heil Hitler“ unterzeichnet wurde. Das war gruselig! Das kannte ich nur aus der Schule. Im Gemeindearchiv von Swisttal gab es aus den 60er Jahren noch ein genaues Szenario, was beim Versagen der Steinbachtalsperrenmauer wäre, wo man in diesem Fall noch trocken gestanden hätte. Und das wäre, nach heutiger Kenntnis, hingekommen.
Wie weit reicht der Blick zurück?
Älter als 1888 – da wird es bereits dünn! Am Orbach kann man noch Ausspülungen sehen, die von früheren Hochwassern zeugen. Für Bad Münstereifel gibt es Aufzeichnungen aus der Tuchindustrie, die Hochwasser dokumentieren, aber am Swistbach oder am Orbach? Fehlanzeige. Für die Steinbachtalsperre habe ich Unwettererwähnungen mit Überlieferungen aus Rheinbach-Loch verglichen. Die sind aber verschieden.
Die Orbacheinfassung ist doch viel jünger ...
Sie ist von 1969, und dazu gibt es auch noch ein Heftchen mit allerhand Details. Etwa vom Frühlingshochwasser, das den Bau beeinträchtigt hat. Und solch ein Frühlingshochwasser fiel auch genau in die Sanierungsphase der Steinbachtalsperre 1989. Jetzt haben wir gerade eine Hochwasserpause nach 2021. Im Februar 2022 war zuletzt ein höherer Wasserstand. Aber das war eigentlich noch kein Hochwasser. Gefühlt aber eben schon.
Hatten Sie 2021 Wasser im Haus?
Tatsächlich nicht, obwohl ich hier im Bereich des Bendenwegs wohne, und der Name deutet ja schon auf nasse Wiesen hin. Ein Nachbar mit einem baugleichen Keller kam extra gucken, ob mein Keller wirklich trocken ist, weil er es nicht glauben konnte. Ich hatte wohl einfach Glück. Es gab ein Rauschen unter der Bodenplatte, das war spooky.
Was haben Sie an Vorkehrung getroffen?
Ich habe jetzt eine eigene Wetterstation im Garten. Für den Bürgerverein betreibe ich zudem sieben Wetterstationen, zumal der Erftverband nur eine hat, an der Steinbach. Dort steht auch von mir eine, drei am Sürstbach, drei am Altendorfer Bach. So kann ich mit meinem Regenwissen inzwischen relativ genau vorhersagen, ob und wo Niederschläge aus der Umgebung zu Wasseransammlungen werden.
Der Vortrag im Zehnthausverein ist kein Zufall ...
Ich bin Beisitzer im Verein und bin im Vorstand gefragt worden, ob ich etwas zum Kulturprogramm beisteuern kann. Ich werde alte Fotos zeigen können, leider keines vom Orbach von 1961 oder zu Miel 1984. Zu 1984 habe ich aus dem Gemeindearchiv einige Fotos zu Odendorf und Heimerzheim. Prinzipiell ist jedes Foto interessant mit deutlich (Hoch-)Wasser im Orbach von vor 2000. Wer so etwas hat, kann es mir oder dem Verein gerne zur Verfügung stellen, oder einfach zum Vortrag mitbringen.
