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Neues BuchMissbrauch des Christentums

4 min

Der Kölner Autor Arnd Henze.

Der Kölner Arnd Henze schreibt über religiösen Nationalismus – nicht nur in den USA.

Wie Präsident Donald Trump und die „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA) das politische und gesellschaftliche Leben in den USA derzeit in rasanter Geschwindigkeit umgestalten, lässt sich an einzelnen Nachrichten kaum noch nachvollziehen. Der Kölner Journalist Arnd Henze hat in seinem aktuell erschienenen Buch „Mit Gott gegen die Demokratie - Warum der christliche Nationalismus alle angeht“ (Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 20 Euro) eine detailreiche und lesenswerte Bestandsaufnahme abgeliefert, deren Lektüre auch hierzulande zunächst bedrückend wirkt. Christlich-religiösen Nationalismus, wie er derzeit im Weißen Haus vorzufinden sei, bezeichnet Henze als „eine der gefährlichsten Ideologien der Welt“. Der Autor ist Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und berichtet als Fernsehjournalist seit vielen Jahren über Außen- und Sicherheitspolitik, auch aus den USA.

Religiöse Überhöhung

Auf der Grundlage zahlreicher Quelle beschreibt Henze, wie entsprechende Gruppierungen in den USA diktatorisch die Gesellschaft erobern wollen. Auf der Grundlage „rassistischer Vorstellungen von weißer Vorherrschaft“ werde versucht, einen „Krieg im Inneren“ zu entfesseln: „Wo politische und juristische Rationalität nicht ans Ziel führen, bleibt nur die religiöse Überhöhung.“ Arnd Henze beschreibt, wie Donald Trump für christliche Nationalisten zur Verkörperung der Rache gegen „alle Kränkungen und Demütigungen durch den woken Zeitgeist“ geworden sei: „Das Versprechen, die ‚Diskriminierung gegen Weiße‘ zu beenden, bedient die tiefsitzende Verlusterfahrung einer weißen Mittelschicht, die ihre frühere gesellschaftliche Hegemonie nicht als rassistisches Privileg, sondern als gottgegeben und naturgemäß verstanden hat.“

Kenntnisreich zeichnet er dabei nach, wie bereits in den 1960er Jahren in den USA reaktionäre und wissenschaftsfeindliche Stimmungen Fuß gefasst hatten. Noch im Jahr 1967 sei in Tennessee ein Lehrer entlassen worden, weil er die Evolution unterrichtet hatte. Nun sieht Henze ein Wiederaufflammen solcher Ideologien, die unter vermeintlicher Religiosität gerechtfertigt würden.

Ringen um Vergleiche

Intensiv ringt der Autor um Vergleiche mit der Zeit des Nationalsozialismus, die wegen der Einmaligkeit von dessen Menschheitsverbrechen immer schwierig sind. Gleichwohl weist er darauf hin, dass es auch die evangelische Kirche in Deutschland bereits vor 1933 „nationalistisch, autoritär und militaristisch geprägt“ gewesen sei. Viele hätten die Machtergreifung von Adolf Hitler und den Nazis vehement begrüßt, es habe aber auch Tendenzen gegeben, die solche Ideologien als unvereinbar mit dem christlichen Glauben gebrandmarkt hatten.

Letztlich gehe es auch heute in den USA um eine „Überwindung der Trennung von Staat und Religion und um einen religiös-totalitären Herrschaftsanspruch über den säkularen Staat und die Gesellschaft“. Ziel sei es, letztlich einen „totalitären Anspruch auf Kontrolle aller gesellschaftlichen und politischen Bereiche“ durchzusetzen. Bei der Polizeibehörde FBI, in Medien und Kultur sei das in Nordamerika bereits zu beobachten. Die Übergriffe der Einwanderungsbehörde ICE in den letzten Monaten seien als „finale Absage an den demokratischen Rechtsstaat“ zu sehen. Und das betreffe eben nicht nur die USA: Henze beschreibt auch, dass die politische Bewegung um Trump nicht alleine die USA im Auge habe: Es gehe auch um eine Zerschlagung der Europäischen Union, wozu auf unserem Kontinent „patriotische Parteien“ umworben werden.

Eintreten für Demokratie

Demokraten und Zivilgesellschaft sollten in den USA, aber auch in Europa, für ihre offenen Gesellschaften eintreten, appelliert Arnd Hernze, indem er in seinem Buch Gründe zur Sorge, aber auch zur Hoffnung systematisch aufbereitet. Besonders lobt er in diesem Zusammenhang für Deutschland den konstruktiven Austausch, der in evangelischen und katholischen Akademien möglich sei – und er appelliert an alle, transatlantische Freundschaften als persönliche Kontakte zu pflegen, um dem Autoritarismus etwas entgegenzusetzen.

Der Fernsehjournalist und Publizist (Jahrgang 1961) sowie berufenes Mitglied der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Er hat Theologie in Göttingen, Heidelberg und Berkeley, CA studiert. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich mit internationalen Krisen und Konflikten. Von 2012 bis 2019 war er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio, er hat darüber hinaus auch schon direkt aus den Vereinigten Staaten berichtet. Viele seiner Reportagen wurden mit Preisen ausgezeichnet.