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Interview

Proteste
Woher nehmen die Menschen im Iran ihren Mut, Frau Behjat?

6 min
08.01.2026, Iran, Teheran: Dieses am 08. Januar aufgenommene und am 13. Januar via AP zur Verfügung gestellte Foto soll Iraner bei einem Protest gegen die Regierung in Teheran zeigen.

Eines der wenigen Fotos von den Protesten im Iran. Die Aufnahme vom 8. Januar soll eine Kundgebung in Teheran zeigen. Sie wurde der Nachrichtenagentur AP zur Verfügung gestellt.

Tausende Demonstranten sind im Iran von Einheiten des Regimes getötet worden. Gibt es trotzdem Hoffnung auf Demokratie in dem Land? Fragen an die Iran-Expertin Shila Behjat.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Dienstag gesagt, wir sähen die letzten Tage oder Wochen des iranischen Regimes. Wie realistisch ist das?

Die Proteste gegen das Regime sind keine Sache nur aus dem Januar 2026, sondern sie stehen in einer Reihe von Protesten, quasi seit Beginn der islamischen Revolution. Über 70 Prozent der Menschen im Iran wollen dieses Regime laut Umfragen nicht. In einer Umfrage fordern knapp 90 Prozent Demokratie. Das alles spricht dafür, dass der Bundeskanzler recht hat. Andererseits gibt es die Kommunikationssperre. Das brutale Vorgehen gegen die Demonstranten. Deshalb halte ich die Frage heute für offen, ob das Regime sich halten kann oder nicht.

Dringen solche westlichen Äußerungen trotz der Kommunikationssperre in den Iran durch – und was bewirken sie dann?

Zuletzt gab es wieder die Möglichkeit, zumindest über Festnetz zu telefonieren. Es gibt nach Schätzungen mehrere Tausend Starlink-Terminals im Land. Diese sind verboten, aber sie führen dazu, dass das Land nicht komplett von der Außenwelt abgeschnitten ist. Ohne Internetsperre nutzen viele auch VPN, um bestimmte Sperrungen von Seiten zu umgehen. So ist auch zu erklären, wie die Aufrufe von Reza Pahlavi, Sohn des gestürzten Schahs, die Menschen erreicht haben. Die Iraner verfolgen sicherlich, was Donald Trump sagt. Was sein Sondergesandter Steve Witkoff sagt. Ob Aussagen von Merz dort ankommen, hängt also weniger von der Kommunikationstechnik ab als von der Frage: Sind sie für die Menschen im Iran relevant? Da Deutschland, egal wer im Kanzleramt saß, immer eine Politik des Appeasement gegenüber diesem Regime versucht hat, nehmen die Leute vermutlich nicht mehr so richtig ernst, was ein Bundeskanzler sagt.

Mal verspricht Trrump den Demonstranten Hilfe, dann lobt er es, dass das Regime bisher noch keinen von ihnen hingerichtet hat. Kann sich im Iran da irgendjemand einen Reim drauf machen?

Trump spielt mit Hoffnung und Verzweiflung. Für ihn ist jede solche Aussage einfach ein Posting, und dann das nächste. Das Regime hat Menschen auf der Straße erschießen lassen, ihnen wurde mit Sturmgewehren in den Kopf geschossen. Es ist perfide zu sagen, das Regime habe doch davon abgesehen, die Todesstrafe zu vollstrecken. Abgesehen davon, dass es im Iran allein im letzten Jahr 1000 offizielle Hinrichtungen gab.

Sie sagen eben, 90 Prozent der Iraner seien für die Demokratie. Aber immerhin 13,5 Millionen, gut ein Fünftel aller Wahlberechtigten, stimmten bei der letzten Präsidentschaftswahl für den Hardliner Said Schalili.

Das ist richtig. Allerdings geht es um ein Land mit 90 Millionen Einwohnern. Wahlen waren noch nie frei. Zugelassen werden nur Kandidierende, die die Islamische Republik nicht infrage stellen und somit den theokratischen Prinzipien ergeben sind. Das Regime versucht, die Leute darüber hinaus zum Wählen zu zwingen. Trotzdem ist nicht einmal die Hälfte hingegangen. Und am Ende wurde mit Mahsud Peseschkian von den beiden Kandidaten der im Vergleich gemäßigtere gewählt – ein wirklich gemäßigten gab es nicht. Und nicht zu vergessen:  Das Regime hatte 47 Jahre Zeit, nicht nur Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern auch ein System von Abhängigkeiten zu schaffen. Der Iran könnte nach wie vor eigentlich  ein sehr wohlhabendes Land sein und kann trotz Sanktionen Öl momentan noch exportieren. Und dann beginnt das typische Spiel autokratischer Regime: Die einen werden begünstigt, andere von allen Rechten abgeschnitten. Und natürlich gibt es auch viele, die das Regime aus ideologischen Gründen stützen.

Viele junge Menschen haben sich jedenfalls von der Form des Islam total abgewandt, die das Regime propagiert.
Shila Behjat

Wie religiös ist die Bevölkerung im Iran?

Viele junge Menschen haben sich jedenfalls von der Form des Islam total abgewandt, die das Regime propagiert. Als Symbol für den theokratischen islamischen Staat gilt das Kopftuch. Schon 2020, vor den Protesten unter dem Motto Frau – Leben – Freiheit, waren laut Umfragen 70 Prozent gegen den Kopftuchzwang. Und die 47 Jahre, die das Regime existiert, haben auch eine andere Seite: Eine ganze Generation ist unter diesem System aufgewachsen und bringt den Islam allein damit in Verbindung. Und die Mehrheit lehnt das System eben ab.

Frau – Leben – Freiheit, dieses Motto gibt es seit der Ermordung von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022, einer jungen Frau, die sich gegen den Kopftuchzwang gewehrt hatte. Welche Rolle spielen Frauenrechte, Menschenrechte überhaupt, bei den Protesten und welche die wirtschaftliche Lage?

Schon 2022 war es so, dass viele Menschen den Zwangshijab als Symbol dafür sahen, dass die ganze junge Generation in diesem Land keine Zukunft mehr hat. Wenn ich mit jungen Iranerinnen gesprochen habe, war das das Hauptmotiv. Sie sind abgeschottet. Auch vor der totalen Internetsperre gab es eine massive Zensur. Das Thema Freiheit und das Thema Wirtschaft greifen ineinander. Die katastrophale Dürre im Jahr 2025 war nicht einfach eine Naturkatastrophe. Das war auch ein Versagen der Behörden, die über Jahre hinweg nicht geschafft haben, die Zwölf-Millionen-Stadt Teheran sicher mit Wasser zu versorgen. Die Verzweiflung der Menschen über die in jeder Hinsicht desaströse Lage ist der Motor, der sie bewegt, auf die Straße zu gehen, obwohl sie wissen, dass sie erschossen werden können.

Ich kann nur den Menschen Glauben schenken, die absolut davon überzeugt sind, dass das Regime fallen wird.
Shila Behjat

Mit den Schüssen hat das Regime es zuletzt geschafft, weitere Kundgebungen zu unterbinden. Hat die Demokratiebewegung gegen so viel Brutalität eine Chance?

Wir wissen, wie schwer es nach zwölf Jahren Nationalsozialismus war, dieses System aus den Köpfen und aus den Institutionen zu verdrängen. Und im Iran konnte sich das System 47 Jahre lang verfestigen. Manchmal verliere ich da die Hoffnung, und dann spreche ich wieder mit Menschen im Iran und sehe etwas anderes. Ich hatte einen Kontakt mit einer sehr jungen Person und habe ihr geschrieben: Das darf doch diesmal nicht umsonst gewesen sein. Die Antwort: Wir kommen der Sache immer ein Stück näher, immer ein Stück Freiheit, immer weiter. Das ist die Einstellung vieler Menschen im Iran, und ich kann mir von außen kein Urteil darüber erlauben. Ich kann nur den Menschen Glauben schenken, die absolut davon überzeugt sind, dass das Regime fallen wird.

Welche Rolle spielt Schah-Sohn Reza Pahlavi?

Er war schon 2022 in einer Gruppe vertreten, die versucht hat, die Opposition zu einen. Er hat dann immer deutlicher aus dem Ausland heraus die Opposition bestärkt und ist damit immer bekannter geworden. Sein Versprechen ist, dass er nach einer Übergangszeit ein Referendum kommt, in dem die Menschen sagen, wie es weitergehen soll. Es gibt natürlich Leute, die sagen, dass sein Plan eher auf eine konstitutionelle Monarchie als auf ein parlamentarisches System hinauslaufen könnte. Aber das ist nicht so eindeutig. Bemerkenswert war, wie viele Menschen seinem Aufruf zu Protesten gefolgt sind. Darunter viele Leute, die absolut keine Monarchie wollen. Andere sind besorgt, weil unter Reza Pahlavis Vater als Schah die Minderheiten sehr gelitten haben. Vertreter ethnischer Minderheiten wie der Kurden und auch religiöser Minderheiten sind alarmiert und sagen, jede Führungsfigur muss zunächst versprechen, den Iran als multiethnisches und multireligiöses Land zu führen.

Shila Behjat, Berlin 2024.

Die Journalistin und Iran-Expertin Shila Behjat, Foto: Markus C. Hurek / Hanser Verlag.

Sie haben Deutschland vorhin Appeasement vorgeworfen. Was müssten wir und andere westliche Staaten tun?

Erst einmal: das Regime noch mehr unter Druck setzen. Etwa durch die Listung der Revolutionsgarden als Terrororganisation und durch schärfere, strukturierte Sanktionen. Sehr wichtig fände ich es aber auch, auch offiziell von politischer Seite Gesprächsdrähte zur Opposition aufzubauen.

Wen könnte man da ansprechen – und würde man diese Leute nicht in größte Gefahr bringen?

Sie sind schon in Gefahr. Es gibt sehr exponierte Persönlichkeiten wie die Frauenrechtlerinnen Narges Mohammadi und Nasrin Sotudeh. Solche Menschen stehen ohnehin unter Hausarrest. Es wäre hilfreich, sie aufzuwerten. Wir müssen uns immer fragen, wie wir das Regime nicht nur schwächen, sondern ihm wirklich schaden können. Im Wissen darum, dass es eine russisch-iranische Partnerschaft gibt und die Unterstützung aus China.

Trump spielt mit dem Gedanken an eine Militärintervention. Würde das helfen?

Das ist ein Spiel mit der Panik über die Gewalt und Brutalität des Regimes. Welcher Mensch mit Herz könnte ernsthaft nicht wollen, dass das Leid der Menschen im Iran endet? Donald Trump scheint das aber nicht ganz ernst zu nehmen. Und man muss sehen: Die frühere Abhängigkeit des Iran von US-amerikanischen und britischen Unternehmen war eines der großen Hindernisse auf dem Weg zu einer echten Demokratie.

Könnte der israelische Geheimdienst Mossad etwas ausrichten?

Bei den jüngsten Luftschlägen Israels gab es einen kurzen Moment, in dem es schien, als wollten sie die Führung des islamischen Regimes komplett ausschalten. Ich persönlich würde aber sagen: Langfristig Erfolg haben wird ein Umsturz, der von innen kommt. Und natürlich wünsche ich mir, dass nach einem Sturz dieses Regimes die Beziehungen zwischen beiden Ländern wieder zur Normalität gelangen. Das Regime schürt schon bei kleinen Kindern antiisraelische Feindbilder, und ich kann nur hoffen, dass sie nach einem Ende des Regimes tatsächlich verschwinden.