Kölner mit iranischen Wurzeln pendeln täglich zwischen Funktionieren und innerem Zusammenbrechen, während sie um Familie und Freunde in der Heimat bangen. Sie fordern mehr politische Unterstützung.
„Niemand ist sicher“Das sagen Menschen in Köln zur Lage im Iran

Dieser Screenshot aus einem Video soll brennende Autos während eines Protests in Teheran zeigen.
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Die Informationen und Bilder, die uns vom gewalttätigen Einschreiten des herrschenden Regimes gegen Demonstrierende im Iran derzeit täglich erreichen, sind vor allem für die Kölnerinnen und Kölner belastend, die selbst einen Bezug zu dem Land haben. Während sie hier in Freiheit ihrer Arbeit und ihrem Leben nachgehen, sind sie erfüllt von tiefer Sorge um Angehörige und Bekannte in ihrer Heimat. Manche können oder wollen vor Schmerz nicht darüber sprechen, andere haben Angst vor Repressalien. Einzelne jedoch geben ihren Sorgen auch öffentlich Ausdruck und wünschen sich, dass die Grausamkeiten im Iran bald ein Ende haben.

Omid Bayat
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„Ich bin vor gut 40 Jahren als kleiner Junge mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen“, erinnert sich der Gastronom Omid Bayat, der den Club „Reinecke Fuchs“ und das Rheinpark Cafe betreibt. Sein Vater habe vor der Revolution für die Regierung gearbeitet, er wurde verfolgt, hatte Todesangst. Nach Jahren gelang ihm die Ausreise. „Ich war nie wieder in dem Land, meine Heimat fehlt mir“, erzählt Bayat: „Das ist ein ganz tiefer Schmerz, es sind Wunden, die man mit durchs Leben nimmt.“ Manchmal wache er nachts weinend auf, weil er an seine Familie im Iran denke. Zu den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen der Menschen im Iran kämen auch enorme wirtschaftliche Probleme. Es seien nicht die ersten Proteste, bisher seien solche immer schon im Keim brutal erstickt worden. „Aber jetzt ist das Ausmaß so groß, dass das nicht mehr unterdrückt werden kann“, hofft Omid Bayat: „Vielleicht geht das Regime jetzt wirklich dem Ende entgegen. Ich hoffe zugleich, dass im Einsatz für die Freiheit nicht so viele sterben müssen.“
„Absurde Entmenschlichung“
Diesen Wunsch teilt auch die Unternehmerin Emitis Pohl, die im Alter von 13 Jahren ohne ihre Eltern aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet war. „Das, was im Moment im Iran passiert, ist eine absurde Entmenschlichung – und die Welt schaut zu!“, argumentiert sie. Sie bekomme täglich mehr als 100 Nachrichten und teils brutale Videos aus ihrer Heimat: „Das macht mir ziemlich zu schaffen.“
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Emitis Pohl
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Ihre Gefühle beschreibt sie als Mischung aus Machtlosigkeit, Wut und Verzweiflung: „Ich spüre Ohnmacht, befinde mich in einem Zwiespalt zwischen Schreien und Schweigen.“ So habe sie auch US-Präsident Donald Trump angeschrieben, damit er endlich handle und die Demonstrierenden unterstütze. Wichtig sei es, dass auch in Köln die verschiedenen Seiten der iranischen Community zusammenhalten, das Leid sichtbar machen und für Demokratie im Iran werben, so Emitis Pohl: „Das Ziel muss Freiheit sein.“
Dafür engagiert sich auch die Unternehmensberaterin Neda Paiabandi. Die Kölnerin ist kurdische Iranerin, Menschenrechtsaktivistin und Vorsitzende der Initiative „Woman – Life – Freedom – Unity“. Willkürliche Verhaftungen, Folter, sexualisierte Gewalt, Todesurteile und das gewaltsame Verschwindenlassen seien keine Einzelfälle, sondern Teil eines repressiven Systems im Iran. Gleichwohl sei der gesellschaftliche Zusammenhalt in dem Land bemerkenswert, so Paiabandi: „Die Proteste sind längst Ausdruck eines tiefen gesellschaftlichen Bruchs mit dem Regime.“

Neda Paiabandi
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Trauer, Wut und Ohnmacht beschreibt sie als Gefühle, wenn sie an die Gewalt gegen Demonstrierende im Iran denkt: „Und gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit.“ Viele aus der iranischen Community in Köln würden sich derzeit täglich einpendeln zwischen Funktionieren und innerem Zusammenbrechen: „Wir versuchen, unseren Alltag zu bewältigen, während innerlich alles schreit.“
Internationale Aufmerksamkeit erhofft
Die Angst um Angehörige sei allgegenwärtig, sie gelte aber nicht nur der eigenen Familie, sondern jeder Person, die sich auf die Straße stelle: „Jeder Tag kann für sie der letzte sein.“ Niemand sei sicher.
Internationale Aufmerksamkeit sei nun entscheidend, sagt Neda Paiabandi. Sie fordert konsequenten und wirksamen politischen Druck. Dazu gehöre, die Revolutionsgarden als Terrororganisation einzustufen, deren Vermögen und Konten in Europa einzufrieren sowie gezielte Sanktionen gegen Verantwortliche zu verhängen.
„Die Zivilisten im Iran kämpfen auf den Straßen für Menschenrechte, die in der Charta der Grundrechte unserer Europäischen Union verankert sind“, sagt die Film- und Theaterschauspielerin Sarah Sandeh, die im März bei der Premiere von „die Orestie“ im Schauspielhaus in der Rolle der Elektra Premiere feiern wird und derzeit mitten in den Proben dafür ist: „Es beschämt mich, wenn ich sehe, wie die Menschen im Iran für ihre Freiheit ihr Leben riskieren und wir hier nur um unsere eigene Existenz kreisen.“

Schauspielerin Sarah Sandeh.
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Tom Haller
Das Regime versuche, die massenhaften Tötungen, Verletzungen und Verhaftungen von Demonstranten durch die Sperre des Internets zu verschleiern, auch zu telefonieren sei nicht möglich. „Das bereitet mir Sorgen, ich kann kaum schlafen, bin unruhig und fühle mich mit sämtlichen Menschen verbunden, die ebenfalls Angst um ihre Familien und Freunde haben, ganz gleich auf welchem Teil der Erde diese auch sein mögen“, erklärte Sandeh gegenüber der Rundschau.
Die Menschen im Iran seien schon während der Proteste 2022 im Stich gelassen worden: „Dieses Mal hat es seit Anfang der Proteste ganze zwei Wochen gedauert, bis sich Herr Merz zu Wort gemeldet hat, ob nun Taten folgen, werden wir sehen.“ Die Revolutionsgarden müssten endlich auf die Terrorliste der EU gesetzt werden, fordert auch sie. „Das Regime muss international isoliert und geächtet werden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen muss sich mit der Situation in Iran befassen und die gewaltsame Niederschlagung der Proteste verurteilen“, so die Schauspielerin.


