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Interview

Wissenschaftlerin
„Der Osten wird in der Regel als defizitär dargestellt“

8 min
Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 die deutsche Wiedervereinigung

Mit einem Feuerwerk am Brandenburger Tor in Berlin feierten rund eine Million Menschen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 die deutsche Wiedervereinigung

Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, erklärt im Interview, warum Vorurteile fortbestehen, weshalb DDR-Geschichte in Schulen vernachlässigt wird und warum ein unterschiedliches Staatsverständnis bis heute nachwirkt.

Vor dreieinhalb Jahrzehnten endete die deutsche Teilung – doch noch immer scheint es Ost und West in den Köpfen zu geben. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, spricht im Interview über alte Wunden, zu wenig DDR-Geschichte in der Schule und eine vermeintliche Einheitlichkeit in einem vielfältigen Land.

Frau Kaminsky, wann haben Sie zuletzt eine Ostalgie-Show gesehen?

Das ist schon ewig her. Die letzte Ostalgie-Show, die ich mir bewusst angeguckt habe, war damals die, in der Katarina Witt im Blauhemd saß. Ich fand diese Show unerträglich.

Wieso?

Als es diese Ostalgie-Shows gab, war es für viele Menschen aus dem Osten eine harte Zeit. Sie hatten das Gefühl, über Nacht alles verloren zu haben. Egal, wie sie zur DDR standen, es war ihre Heimat – und vieles, was mit der DDR und dem Leben dieser Menschen zu tun hatte, war entwertet. Ich verstehe das Bedürfnis, auf eine leichte Art auf das Vergangene zurückzublicken. Ich habe aber kein Verständnis dafür, dass die Verhältnisse so verharmlost werden.

Wie präsent ist Ost und West noch in den Köpfen?

Ich habe den Eindruck, wir sind ein vereintes Land. Es gelten überall die gleichen Gesetze und Regeln. Natürlich gibt es mentale Unterschiede, aber die gibt es auch zwischen München und Flensburg, zwischen Stadt und Land, zwischen Großstädten und Kleinstädten, zwischen unterschiedlichen Milieus – ich frage mich manchmal, welcher Grad an Einheitlichkeit jedes Jahr um den 3. Oktober herum beschworen werden soll. Wir feiern in vielen Bereichen Diversität und Vielfalt. In Bezug auf deutsche Einheit wird das aus meiner Sicht auf dem Altar einer vermeintlichen Einheitlichkeit geopfert.

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Wenn wir diese vermeintliche Einheitlichkeit aufgreifen: Die Beziehung zwischen Ost und West ist durchaus geprägt von Vorurteilen. Warum haben wir es nicht geschafft, diese abzulegen?

Die mentalen Prägungen bestehen fort, die Menschen über mehrere Generationen in den unterschiedlichen Systemen gemacht haben – im Westen in der Demokratie, im Osten unter diktatorischen Verhältnissen. Dazu kommen die Erfahrungen aus der Transformationszeit. Ein Großteil der Bevölkerung im Osten ging mit unglaublicher Euphorie und Optimismus in die Einheit. Niemand, weder auf politischer noch auf gesellschaftlicher Ebene, hat damit gerechnet, dass diese Anpassungsprozesse so lange dauern würden. Es gab viele Illusionen. Mit der deutschen Einheit wurde offenbar, wie zerrüttet die Wirtschaft und die Infrastruktur der DDR waren, wie weit sie hinter modernen Industrienationen herhingen.

Und könnten diese Vorurteile auch darin begründet sein, dass wir falsche Narrative benutzt haben, wenn wir über die DDR gesprochen haben?

Ich denke, dass sich relativ früh, in den 1990er Jahren, das Bild des „abgehängten Ostens“ etablierte, wo die Menschen erst eine Demokratie lernen müssen. Durch rechtsextreme Übergriffe und fremdenfeindliche Geschichten hat sich auch das Bild etabliert, der Osten sei „Dunkel-Deutschland“. Es gab sehr früh diese pauschalen Zuweisungen, bis hin zu Aussagen, die Menschen im Osten müssten erst einmal Demokratie lernen. Das hält teilweise bis heute an. Der Osten wird in der Regel als defizitär dargestellt. Wenn über den Osten berichtet wird, dominiert das Bild von Krisen und Problemen. Dabei kommt man ganz offensichtlich nie ohne einen Verweis auf den Westen aus – der Westen ist immer der Maßstab, an den sich der Osten anpassen soll. Aber zu sagen: Wir sind ein Land und wir sind unterschiedlich. Und im Westen kann man auch eine Menge vom Osten lernen, diese Denkweise fehlt oft.

Daraus ergibt sich die Frage: Wie wichtig ist es, sich auch nach wie vor mit der DDR-Geschichte zu befassen?

Es gibt ja den schönen Satz: „Alles, was ich nicht weiß, muss ich glauben." Wenn viele Schüler die Schulen verlassen, ohne dass sie im Geschichtsunterricht über das Jahr 1945 hinausgekommen sind, dann gedeihen auf diesem Boden der Unwissenheit Vorurteile. Wir sehen, was in den sozialen Medien passiert, wo sehr viel Verharmlosung und Schönfärberei der DDR betrieben wird, mit Kommentaren wie „Heute ist ja auch nicht besser als damals. Damals war alles sicher, damals war alles gut.“ Wie soll man das einschätzen, wenn das Wissen fehlt? Hier sind vor allem unsere Schulen und das Bildungswesen gefragt. Die Geschichte von heute wird vor allem durch die letzten Jahrzehnte geprägt. Hier muss tatsächlich viel mehr in politische und historische Bildung investiert werden.

In der Wissenschaft ist die DDR-Geschichte immer Teil der neuesten Geschichte. Einen eigenen Lehrstuhl für DDR- und Teilungsgeschichte gibt es gar nicht. Wie erklären Sie sich das und wäre ein solcher Lehrstuhl bedeutsam?

Auf jeden Fall. Ein solcher Lehrstuhl, dauerhaft gesichert, ist Goldstaub. Von diesem Lehrstuhl aus könnten auch entsprechende Impulse für die Lehrerfortbildung gesetzt werden. Ich halte es für einen großen Mangel, dass es das nicht gibt. Die DDR wurde sehr frühzeitig zu einer Fußnote der deutschen Geschichte erklärt. Und wenn etwas so früh zu einer Fußnote erklärt wird, ist damit natürlich eine Degradierung und eine „ist nicht so wichtig“-Botschaft verbunden.

Diesen Fehler würden Sie gerne begradigen?

Ja, aber universitäre Bildung, Lehre und Forschung sind Ländersache und Sache der Universitäten. Insofern sind die Bundesländer gefragt, solche Lehrstühle zu ermöglichen. Die neue Bundesregierung hat eine neue Förderrichtlinie zur DDR-Forschung herausgebracht und will gezielte Strukturimpulse setzen.

Wird dieses Ziel aus Ihrer Sicht erfüllt?

Die geplanten Forschungsverbünde sind wichtig, weil sie Lücken füllen. Sie tragen dazu bei, dass es eine Vernetzung zwischen Forschung, politisch-historischer Bildung, Gedenkstätten und anderen Akteuren gibt. Insofern ist das eine Möglichkeit, die Defizite zu mindern. Aber das ersetzt natürlich nicht die Einrichtung von regulären Lehrstühlen, die über Jahrzehnte gesichert sind. Themen wie „deutsche Teilung“, „kommunistische Herrschaft“ und „Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur“ werden uns in der Zukunft noch viel stärker beschäftigen. Wir können am Beispiel der DDR deutlich machen, was eigentlich die Unterschiede zwischen einem autoritären System und einer Demokratie sind.

Die AfD plakatiert „vollende die Wende". Demonstranten in Ost und West skandieren „Wir sind das Volk". Der Protest von damals wird gekapert. Und damit verbindet sich die Frage, ob eine Spaltung nicht mehr nur zwischen Ost und West verläuft, sondern auch andere Gräben zieht.

Es ist keine Erklärung, viele aktuelle Phänomene auf Ost und West zu reduzieren. Wir haben auch im Westen hohe Wählerquoten für die entsprechenden Parteien. Die Spaltungen in der Gesellschaft verlaufen nicht mehr zwischen Ost und West. Die Polarisierung, die wir erleben, wird meiner Meinung nach durch Fragen zwischen Stadt und Land, zwischen Repräsentation und Nicht-Repräsentation bestimmt. Und wir sehen ja auch in anderen Ländern, was passiert, wenn große Bevölkerungsteile sagen: „Wir fühlen uns nicht mehr gesehen und gehört“, und dann die wählen, die versprechen, dass sie ihre Interessen vertreten.

Damit einhergehend ist ja immer wieder dieser Blick auf den Osten, dass es dort ein hohes Verbitterungspotenzial gibt. Wie erklären Sie sich das?

Nun, über 70 Prozent wählen diese Parteien ja nicht. Die große Mehrheit hat eine andere Einstellung. Ich finde es oft schade, dass der Osten auf die Problemfälle reduziert wird. Der Osten ist dann ein Problemfall. Dass wir es mit globalen Problemen zu tun haben, gerät dabei aus dem Blick. Die demokratischen Systeme haben immer bewiesen, dass sie in der Lage sind, auf Krisen zu reagieren und sich selbst zu korrigieren. Wenn es ein Repräsentationsproblem gibt, muss man schauen, welche anderen Formen demokratischer Repräsentation es gibt, damit auch einzelne Bürger das Gefühl haben: „Ich werde hier nicht bloß angehört. Ich habe auch die Möglichkeit, meine abweichende Meinung produktiv einzubringen."

Glauben Sie, dass wir über ein unterschiedliches Demokratieverständnis und darüber, wie Politik handeln sollte, noch einmal verhandeln müssen?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob es einen Unterschied im Demokratieverständnis gibt. Ich denke, es gibt zumindest in den älteren Generationen noch ein unterschiedliches Staatsverständnis. Ein Verständnis darüber, welche Aufgabe der Staat hat. Bei den jüngeren Generationen verwischt sich das.

Wie sieht dieses unterschiedliche Verständnis von Staat aus?

Im Osten war „der Staat“ für alles verantwortlich: von der Wohnungsberatung über die Zuteilung von Berufsausbildung und Studienplätzen bis hin zum Feriendienst. Es gab nur eine Versicherung, nur ein Gesundheitssystem. Im Prinzip wurde dem Einzelnen wenig Eigenverantwortung abverlangt. Die Menschen in der DDR wurden dazu erzogen, keine Eigenverantwortung zu übernehmen. Nach 1990 war das eine Schocktherapie, als klar wurde: Der Staat kümmert sich um all das nicht mehr.

Glauben Sie, dass das alles, auch der Frust, noch bis heute nachwirkt?

Ja, das ist eine Frage, die ich mir auch immer wieder stelle. Einerseits wissen wir aus der Psychologie, dass Traumatisierungen sehr lange anhalten. Aber manchmal denke ich, es ist 35 Jahre her, und in diesen 35 Jahren haben viele eine Erfolgsgeschichte durchlaufen, die Kinder tolle Ausbildungen gemacht und die Welt bereist. Kann man darauf nicht auch stolz sein? Dass man diese harten 90er-Jahre gemeistert hat? Aber ganz offensichtlich sitzen diese Verletzungen, Verwundungen, diese Geringschätzung, die Missachtung so tief, dass es eben auch 35 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch ein Thema ist und massiv artikuliert wird.

Mit Blick auf 35 Jahre Deutsche Einheit: Was haben wir denn schon geschafft im Zusammenwachsen?

Wir haben eine gemeinsame staatliche und gesetzliche Grundlage für dieses Land. Die demokratischen Rechte und Freiheiten gelten für alle. Und darauf kann man viel aufbauen. Wenn man durch Ostdeutschland fährt, sieht man auch, was es für einen unglaublichen Fortschritt an Lebensqualität gegeben hat. Natürlich gibt es weiterhin Unterschiede. Aber: Gebiete des Ruhrgebiets haben ähnliche Probleme wie die strukturschwachen Gebiete im Osten. Ich glaube, es wäre sinnvoll, Probleme gesamtdeutsch zu denken, anstatt sie in „das ist ein ostdeutsches Problem“ und „das ist vielleicht ein westdeutsches Problem“ einzuteilen.