Es ist verblüffend, aber wahr: Wladimir Putin zeigt Schwäche. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass der russische Präsident vor Kraft kaum laufen konnte. Nach der Krim-Annexion 2014, dem Eintritt in den Syrien-Krieg 2015, dem Brexit-Referendum und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten 2016 wirkte der Westen plötzlich heillos unterlegen. Trotz aller wirtschaftlichen und militärischen Überlegenheit. Putin trumpfte damals groß auf. Und erst ein halbes Jahr ist es her, dass sich der Kremlchef per Verfassungsänderung die Möglichkeit sicherte, bis 2036 weiterzuregieren.
Damals wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, dass Putin schon Anfang 2021 wie ein Getriebener wirken könnte. Nervös. Hektisch. Ratlos, was zu tun sein könnte. Genau diesen Eindruck aber vermittelte er in der vergangenen Woche, nach den ersten Massenprotesten gegen seine Herrschaft seit fast zehn Jahren. Anlass war die Rückkehr von Putin-Herausforderer Alexei Nawalny nach Moskau, wo er sofort inhaftiert wurde. Am Sonntag gingen zwischen Pazifik und Ostsee wieder Zehntausende Menschen auf die Straße, um ein Zeichen gegen Korruption und Willkürherrschaft zu setzen. Zugleich forderten sie die Freilassung Nawalnys. Denn der 44-Jährige ist zwar mittlerweile der mit Abstand bekannteste Oppositionelle im Land. Über nennenswerte Machtressourcen verfügt er aber nicht, weder in Haft noch in Freiheit.
Projektionsfläche für die Unzufriedenheit in Russland
Nawalny dient vor allem als Projektionsfläche für die Sehnsüchte der Unzufriedenen in Russland, insbesondere in der jungen Generation. Umso erstaunlicher ist es, dass Putin und seine berüchtigten Polittechnologen so verunsichert wirken. Im Angesicht der Proteste fällt ihnen nichts anderes ein, als schwer bewaffnete Sonderpolizisten aufmarschieren zu lassen, die wahllos und extrem brutal auf Menschen einprügeln oder sie wegsperren. Die sonst so ausgefeil te Steuerung des politischen Prozesses über die mediale Manipulation bis hin zur Schaffung kompletter Gegenwirklichkeiten versagt auf ganzer Linie.
Zu bestaunen war das zuletzt bei den kläglichen Versuchen, die Wirkung von Nawalnys Skandalvideo über „Putins Palast“ zu neutralisieren. „Alles Lüge“, ließ der Kreml zunächst wissen.
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Das Problem: Kaum jemand glaubt das noch. Und es gelingt Putin auch nicht mehr, sich als „guten Zaren“ inmitten einer korrupten Oligarchenkaste zu inszenieren. Das hat mit dem Wandel der Öffentlichkeit zu tun. YouTube und Instagramm schlagen auch in Russland inzwischen das kremltreue Fernsehen. Jedenfalls bei den Jungen, ohne die sich keine Zukunft gestalten lässt. Wenn nicht alles täuscht, hat die Zarendämmerung begonnen.

