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„Gender-Dating-Gap“ Warum Frauen sich bei Dates dümmer und ärmer machen als sie sind

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"Echt? Ist ja mega spannend, was du so erzählst!" - so reagieren viele Frauen beim Date mit einem Mann.

Köln/Berlin – „Noch bevor ich eintrete, bin ich froh, dass ich die Bar zwei Straßen weiter als Treffpunkt vorgeschlagen habe. Alte Tinder-Regel: Bloß nicht zu weit weg verabreden, es lohnt sich ja meistens doch nicht. Wir bestellen Rotwein und dann sprechen wir über unsere Jobs.“ So beginnt Anne-Kathrin Gerstlauers Hörbuch „Der Gender-Dating-Gap und die Liebe“ über ein Phänomen, das selbst die klügsten und toughesten Frauen kennen: Wenn sie einen Mann daten, machen sie sich automatisch kleiner, dümmer und erfolgloser als sie sind.

Auch Gerstlauer, der mehrfach ausgezeichneten Journalistin und ehemaligen stellvertretenden Chefredakteurin des Online-Portals Watson, ist das schon passiert. „Ich habe mein Jahresgehalt im Gespräch erheblich nach unten korrigiert, weil ich sonst doppelt so viel verdient hätte wie er.“ Warum tun Frauen das? In ihrem Hörbuch geht Gerstlauer dieser Frage anhand von eigenen Erfahrungen und vielen Studien nach. Sie beschreibt darin eigene mittelmäßige Dates wie das oben genannte, bei dem der Mann ausschließlich von sich erzählte und dann noch versuchte, ihr ihren Job zu erklären. Oder das mit dem Typen, der immer nur Salat aß und sich wunderte, dass sie im selben Viertel wohnte wie er, „muss man sich ja auch leisten können.“

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Anne-Kathrin Gerstlauer

Das geht nicht nur ihr so: „Die Frauen, die ich kenne und kennenlerne, mit denen ich seit Jahren befreundet bin oder die ich für dieses Hörbuch zum ersten Mal getroffen habe, sind witzig, schlagfertig, sie haben ein Thema, für das sie einstehen, sie sind klug, und wenn es ihnen nicht gut geht, holen sie sich Hilfe, sie haben gerade ihr eigenes Start-Up gegründet oder eine neue Ausbildung angefangen, weil der alte Job sie nicht mehr erfüllt hat. Jede von ihnen weiß Geschichten von mittelmäßigen Dates zu erzählen.“

Dating findet nicht auf Augenhöhe statt

Gerstlauer ist davon überzeugt, dass Dating nicht auf Augenhöhe stattfindet. Männer erklären die Welt, Frauen hören zu. Männer wollen einerseits eine Frau mit eigenem Kopf, zu selbstbewusst darf sie dann aber auch wieder nicht sein. Und bloß nicht mehr verdienen als er. Frauen sind aber auch nicht viel eindeutiger. Sie wollen auf keinen Fall einen muskelbepackten Macho, aber trotzdem eine starke Schulter zum Anlehnen. Sie wollen selbstbestimmt sein, warten aber trotzdem darauf, dass der Mann sich zuerst meldet. Was ist da los?

Frau Gerstlauer, wann kam der Punkt, an dem Sie merkten, dass fast alle Frauen die gleichen Dating-Erfahrungen machen und an dem Sie beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen?

Anne-Kathrin Gerstlauer: Ich bin in einem Alter, wo ziemlich viele Frauen mit ihrer Situation unzufrieden sind. Sie gehen ständig auf mittelmäßige Dates und haben das Gefühl, dass die Männer sich gar nicht richtig für sie interessieren. Wenn sie von ihrem Job erzählen, wird das heruntergespielt und niemand fragt nach. Von vielen Frauen habe ich auch gehört, dass der Mann fast die ganze Zeit redet und sie quasi gar nicht vorkommen. Trotzdem sagen viele Männer am Ende, dass das ein tolles Gespräch gewesen sei. Viele Frauen schieben es dann auf sich selbst, dass es mit dem Mann nicht passt oder glauben, dass es am Online-Dating liegt. Je öfter ich mit meinen Freundinnen darüber gesprochen habe, desto öfter hatten wir das Gefühl: „Wenn wir ein bisschen leiser und weniger selbstbewusst wären, wäre das wahrscheinlich einfacher.“ Ich habe dann beschlossen, mich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, habe mit vielen Frauen gesprochen und mir Studien angeschaut. Die zeigten ziemlich deutlich, dass wir das nicht nur so empfinden, sondern dass es in Wirklichkeit noch viel schlimmer ist.

Das erinnert mich an eine Bekannte, die bei der Polizei ein Sondereinsatz-Kommando leitet, also Geiseln befreit und Häuser stürmt. Sie wundert sich immer, warum sie Single ist. Halten Männer stärkere Frauen nicht aus?

Manche Männer sind sicher von so einem Job eingeschüchtert, weil sie dann neben der Frau nicht prahlen können. Sie sind es ja gewohnt, dass sie bewundert werden. So eine Schieflage war lange Zeit möglich, weil Frauen einfach nicht so viele Möglichkeiten für erfolgreiche und erfüllende Jobs hatten. Es gibt eine neue Ordnung und neue Gesetze. Die Frau ist nicht mehr automatisch unter dem Mann. Dafür haben wir noch keine neuen Regeln gefunden.

Männer schwärmen für Frauen, die intelligent und witzig sind, gut aussehen und erfolgreich im Job sind. Aber nur aus der Ferne. Zuhause wollen sie dann anscheinend doch lieber die treusorgende Ehefrau, die sich dem Mann unterordnet und in der alten Rolle bleibt. Stimmt das?

Das habe ich bei meiner Recherche sehr oft gehört. Manche Männer schreiben in ihr Online-Dating-Profil, dass sie Feminist sind, weil sie wissen, dass das bei bestimmten Frauen gut ankommt. Diese Männer sind dann aber nicht die, die sich auch wie Feministen verhalten. Dass Frauen lieber nicht zu schlau und erfolgreich sein sollen, wird ihnen allerdings nicht immer ins Gesicht gesagt. Viele Männer tun so, als fänden sie eine selbstbewusste Frau cool, gehen dann am Ende aber doch. Manche Männer sagen aber auch ganz direkt, dass sie nicht auf Frauen stehen, die zu tough und unabhängig sind.

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Viele Frauen wirken heutzutage recht selbstbewusst. Aber sind sie es wirklich?

Wenn Frauen selbstbewusst sind, werden sie ganz schnell als arrogant eingestuft. Die Maßstäbe sind anders als bei Männern. Und egal, wie selbstbewusst man nach außen wirkt: Ich kenne keine Frau, die nicht immer noch gehörige Selbstzweifel hat, weil ihr so oft gesagt wurde, dass sie nicht gut genug ist. Das kann ein Mann sein, Freunde und Freundinnen oder auch der Vater, der ihnen das Gefühl gibt, nicht gut genug zu sein. Es gibt ein neues Selbstbewusstsein, aber die inneren Zweifel sind immer noch da.

Kommt die Schieflage beim Dating vielleicht auch daher, dass wir uns gerade in einer Art Prozess befinden? Alte Rollen lösen sich auf, Frauen werden selbstständiger und erfolgreicher, aber trotzdem wollen wir anscheinend unbedingt den Männern gefallen.

Früher war alles total klar. Der Mann hat die aktive Rolle. Er fragt nach einem Date, zahlt das Essen und ruft an. Wie in anderen Bereichen des Lebens auch hat sich das gewandelt, aber keiner weiß so richtig, wie er damit umgehen soll. Frauen übrigens auch nicht. Wir wollen keinen Macho mehr, aber er soll schon immer noch größer sein als wir. Er soll Sachen angehen, aber trotzdem super sensibel sein. Da sind wir in der Emanzipation auch noch nicht am Ende des Tages angekommen, wenn wir selber diesen Rollenbildern verfallen sind.

Frauen machen sich bei Dates sehr häufig viel kleiner als sie sind. Sie stellen sich dümmer, korrigieren ihr Gehalt nach unten und reden nur wenig über ihren Job. Ist dieses Understatement typisch Frau?

In einem Experiment an der Harvard University gaben Frauen in einem Vorstellungsgespräch niedrigere Gehaltsvorstellungen an, wenn sie wussten, dass männliche Singles im Raum sind. Verheiratete Frauen machten das nicht. Ich habe auch schon mein Gehalt nach unten korrigiert und kenne ganz viele Frauen, die beim Date lange nicht über ihren Job sprechen, um den Männern ein gutes Gefühl zu geben. Frauen machen sich nicht einfach so aus Spaß kleiner. Sie machen das, weil dieses Verhalten belohnt wird. Man hat kurzfristig damit Erfolg. Aber am Ende ist es ein Teufelskreislauf.

Wie könnte man das ändern? Sollten Frauen lieber ganz ehrlich sein?

Ich möchte anderen Frauen nicht sagen, was sie machen sollen. Mir selbst hat es auf jeden Fall geholfen, mich in diesen Dingen zu reflektieren. Viele Verhaltensweisen sind mir nämlich erst aufgefallen, als ich konkret darüber nachgedacht habe, wie oft ich mich kleiner gemacht habe oder bestimmte Sachen nicht mehr erzählt habe. Der erste Schritt ist also, zu reflektieren, dass man sich so verhält. Und dann geht es darum, in kleinen Schritten zu versuchen, das zu ändern. Sehr wichtig ist auch, mit anderen darüber zu sprechen. Das macht man viel zu selten. Wenn man einmal damit anfängt, merkt man, dass es den anderen ganz genauso geht. Dieses Wissen hilft vielleicht dabei, sich in Zukunft anders zu verhalten, weil man ein anderes Selbstbewusstsein bekommt. Wer es sich zutraut, kann auch die Männer darauf ansprechen. Wenn mir mal wieder jemand meinen Job erklären will, frage ich ganz freundlich: „Sag‘ mal, hast du mir gerade meinen Job mansplaint?“ Die meisten machen das gar nicht mit Absicht und fühlen sich ertappt. Sich das mal zu trauen, hilft auf jeden Fall. Selbst wenn man selbst nicht mit dem Mann zusammen bleibt, hat man auf jeden Fall einen guten Dienst für die nächste Frau getan.