Die Sprache der Heimat ist nicht (mehr) die Sprache der Jugend. Da der Nachwuchs kaum oder kein Eifeler Platt spricht und dies in Elternhaus und Schule nicht gefördert wird, droht der echte Dialekt zu verschwinden.
EIFELLAND. Gegen die Übermacht des Kölschen ist im Rheinland kein Kraut gewachsen, sagt Dr. Georg Cornelissen, Leiter der Abteilung Sprachforschung beim Amt für rheinische Landeskunde beim Landschaftsverband Rheinland. Neben dem Bayerischen habe es eine Medienpräsenz entfaltet, die die übrigen Dialekte des Landes an die Wand drücke. Für das Überleben des Eifeler Platts hingegen sieht Conelissen wenig Chancen. Seit 1985 erforscht der 53-jährige Sprachwissenschaftler rheinische Mundarten. Obwohl durch den in der ARD gezeigten Film Teufelsbraten der rheinische beziehungsweise kölsche Dialekt bundesweit in weichgespülter Form salonfähig wurde, ist Cornelissen dennoch überzeugt, dass er irgendwann stirbt.
Auch die Eifel - das ist Cornelissens Überzeugung - die heute noch die dialektstabilste Region sei, werde als letzte drankommen. Diesem Prozess könne hier ebenfalls nicht entgangen werden, weil es nichts gebe, was für das Plattdeutsche spreche. Der Dialekt hat keine Lobby mehr - auch nicht in der Eifel. Da müsse man nur mal am Samstag auf den Sportplatz gehen, wenn die Jugendmannschaften spielen und zuhören, wie die Jugendlichen miteinander sprechen. Das sei die Zukunft der Sprache. Er glaube auch nicht, dass alle Kinder heute noch Platt verstehen oder gar sprechen. Wenn die Alten einmal ausgestorben sind, wird keine Mundart mehr gesprochen, denn die wenigsten Eltern sprechen überhaupt je Plattdeutsch mit ihren Kindern.
Was sich wohl am längsten halten würde, so die Prognose des Sprachforschers, sei der so genannte Regiolekt, eine durch den Dialekt geprägte Umgangssprache wie Bremisch (Bremer Schnack), Missingsch (Hamburg), Hessisch, Niederrheinisch, Rheinischer Regiolekt, Ruhrdeutsch und Sächsisch. Ins Standarddeutsch sind daraus schon allgemein gebräuchliche Vokabeln eingeflossen: Klüngel (Vetternwirtschaft) aus dem Kölschen, Schmarrn (Unfug) aus dem Bayerischen und Fränkischen, Knöllchen (Strafzettel) aus dem Rheinischen...
Ohnehin sei im Plattdeutschen - so auch in der Eifel - die Klangfarbe der Sprache von Ort zu Ort verschieden. Da unterscheide sich beispielsweise das Dreiborner deutlich vom Monschauer Platt. Bestimmte Laute werden anders ausgesprochen oder betont. Eine Fragebogenaktion in der Nord- und Südeifel, die wir durchgeführt haben, ergab zudem, dass die Antworten der älteren Leute total anders als die der Jüngeren ausfielen, erklärt Cornelissen.
Nach 25 Jahren Arbeit hat er ein riesiges Archiv aufgebaut, als Gedächtnis der Region, wie er sagt. Über 1200 Tonbänder liegen dort, um der Nachwelt auch den Klang des Eifeler Platts zu erhalten, sollte es eines Tages wirklich nur noch von wenigen Menschen gesprochen werden.
Düstere Aussichten für das Eifeler Platt? Das sieht auch der 84-jährige frühere Hellenthaler Gemeindedirektor Werner Rosen aus Schleiden, so: Das Eifeler Platt stirbt aus. Es wird in den Familien nicht mehr als Hauptsprache angewandt. Er erinnert sich noch gut, als er in den 20er Jahren eingeschult wurde. Damals lernten wir Hochdeutsch als erste Fremdsprache. Da schon habe es gar als unschicklich gegolten, sich Fremden gegenüber als Eifeler auszugeben - geschweige denn, Platt zu sprechen. Dat sinn die stinke Eefler Buure, habe es geheißen. Erst lange nach dem Krieg - etwa in den 60er und 70er Jahren - habe die Eifel eine Aufwertung erfahren, so Rosen. Vom wilden Eifeler Bergvolk, als das wir bezeichnet wurden, sind wir jetzt stolzes Nationalpark-Volk geworden, sagt er schmunzelnd.
Auch ihn, so Rosen, habe der Film Teufelsbraten beeindruckt, zeige er doch, wie es noch bis in die 60er Jahre wirklich war: Mädchen brauchen keine höhere Schulbildung, die heiraten ja doch. Der klassische Weg für die Eifeler Mädchen sei es gewesen, die gute alte Volksschule zu besuchen und häufig in Stellung nach Köln oder Aachen als Haushaltsperle zu gehen und die gehobene Küche zu erlernen. Außergewöhnlich war für die Mädels der Besuch eines Gymnasiums. In der Eifel waren es nur wenige Mädchen, die auf das erste Mädchenlyzeum für höhere Töchter Ende der 20er / Anfang der 30er Jahre in Schleiden gingen. Meist stammten sie aus den Honoratioren-Familien. Unterrichtet wurden sie seinerzeit von Nonnen. Klar, dass es auch hier verpönt war, Platt zu sprechen.
Ganz hoffnungslos allerdings steht es vielleicht doch nicht um das Eifeler Platt. Einer der Pioniere, die sich um das Bestehen dieser Mundart verdient gemacht haben, ist Fritz Koenn, der auch für die Rundschau die wöchentliche Mundart-Kolumne Ferkes Wellem verfasst. Seine Verdienste darf man nicht vergessen, erklärt Rosen. Bereits mehrere Bücher der Begriffe in Eifeler Mundart habe dieser verfasst, unter anderem eine Art Wörterbuch von A bis Z Abelong - bis Zau dich Jong. Auch in Platt gehaltene Messen - De Helig Mess op Efeleer Platt - oder Theateraufführungen in Mundart trügen dazu bei, dass der Klang dieser Sprache auch bei den jungen Leuten nicht in Vergessenheit geriete.