Krebserregende Chemikalien im Kinderspielzeug, hormonell wirksame Schadstoffe in Kunststoffflaschen oder giftige Lacke in Möbeln - ständig erreichen uns neue Meldungen über gefährliche Stoffe in Produkten aus unserem täglichen Leben. Jüngst in die Kritik geraten sind Fahrradanhänger für Kinder, die laut Stiftung Warentest und ADAC mit Phthalaten und Polycyclischen aromatischen Wasserstoffen belastet sind. Viele Verbraucher sind verunsichert und fragen sich, was sie überhaupt noch bedenkenlos essen, trinken oder anfassen können. „Wir haben uns nie Gedanken über irgendwelche Schadstoffe gemacht und uns hat es auch nicht geschadet“, lautet dagegen ein häufiges Argument der älteren Generationen. Recht haben sie ja irgendwie. Oder? Welche Gefahr steckt wirklich hinter den kompliziert klingenden Chemikalien? Die EU-Richtlinie „Reach“ soll diese Frage klären und dem Verbraucher mehr Sicherheit bieten.
Gefährliche Weichmacher?
„Die in unseren alltäglichen Produkten vorkommenden Schadstoffe sind nicht tödlich“, sagt Ibrahim Chahoud, Umwelttoxikologe an der Charité Berlin. „Harmlos sind sie deshalb aber nicht.“ Erst seit 1981 sind toxikologische Tests für Chemikalien, die neu auf den Markt kommen, vorgeschrieben. Viele Stoffe, die schon länger verwendet werden, sind deshalb nur unzureichend auf ihre Gefährlichkeit hin getestet. Die neue europäische Chemikalienverordnung Reach sieht vor, alle Chemikalien, die vor 1981 auf den Markt gebracht wurden, nachträglich zu untersuchen. Dazu gehört auch Bisphenol A (BPA).
„Seitdem Weichmacher wie BPA für die Herstellung von Kunststoffen verwendet werden, ist der Prozentsatz der Menschen, die an Unfruchtbarkeit leiden, deutlich gestiegen“, gibt Ibrahim Chahoud zu bedenken. Kausal lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Störung und den chemischen Stoffen zwar nicht nachweisen, da Unfruchtbarkeit viele Ursachen haben kann. Chahoud weist jedoch darauf hin, dass die schädigende Wirkung der Weichmacher, zu denen auch die Phthalate gehören, heute zumindest anhand von Tierversuchen experimentell bewiesen sei.
Hilfe oder Hysterie
„Man neigt in letzter Zeit schon dazu, vorsichtshalber auf eventuelle Gefahren durch Schadstoffe hinzuweisen, bevor es nachher heißt, man habe nichts gesagt“, räumt der Toxikologe ein. Schließlich galt auch Asbest, ein Baustoff, von dem man heute weiß, dass er krebserregend ist, einst als unbedenklich. Dennoch ärgern sich viele Menschen mittlerweile über die vielen Warnungen, empfinden sie als unnötige Panikmache. „Der Verbraucher muss nicht ständig in Angst vor Giften in seiner Umwelt leben“, sagt Ibrahim Chahoud. „Er sollte aber wissen, ob er zu einer Risikogruppe gehört, die besonders auf Schadstoffe in der Umgebung achten muss.“ Denn das Risiko, das von potenziell schädlichen Stoffen ausgeht, hängt erstens von der vom Körper aufgenommenen Menge und zweitens vom Menschen ab. Während Allergiker, Asthmatiker und Eltern kleiner Kinder verstärkt auf Schadstofffreiheit Wert legen sollten, sind gesunde Erwachsene in der Regel weniger gefährdet, Schäden durch Umweltgifte davonzutragen. Sie sollten hauptsächlich bei ihrer Nahrung auf einen geringen Schadstoffgehalt achten, lautet der Rat des Toxikologen. Wer versuche, Schadstoffe komplett zu vermeiden, werde ohnehin zwangsläufig scheitern. „Man kann in einer modernen Gesellschaft nicht ohne Chemie leben“, sagt Ibrahim Chahoud. „Das wäre illusorisch und meiner Meinung nach auch nicht wünschenswert.“ Damit der Verbraucher entscheiden kann, wann er besondere Vorsicht walten lässt, müsse er jedoch informiert sein. „Man kann von ihm nicht erwarten, dass er im Supermarkt jede Büchse studiert, bevor er sie kauft“, sagt er. Die Chemikalien in unserer Umgebung und das von ihnen ausgehende potenzielle Risiko realistisch einzuschätzen sei Auf gabe der Verbraucherschützer.
Dieser Aufgabe soll auch mit der neuen EU-Verordnung Folge geleistet werden. Es wird allerdings lange dauern, bis alle Altstoffe getestet wurden. Bis dahin bringt sie dem Verbraucher vor allem eins: Er kann von seinem Recht Gebrauch machen, beim Hersteller Informationen über Schadstoffe im Produkt einzuholen.
„Ein Stoff, der die Gesundheit von Menschen schädigen kann, wird aber erst dann zum Risiko, wenn der Mensch wirklich Kontakt damit hat“, sagt Ariane Girndt vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). „Allein der Nachweis, dass ein gefährlicher Stoff in einem Produkt enthalten ist, sagt noch nichts über ein Gesundheitsrisiko aus.“ Es kommt darauf an, ob ein potenzieller Schadstoff auch tatsächlich „migriert“, das heißt, etwa über Haut, Atemwege oder Speichel vom Produkt in den Organismus gelangt. „Wissenschaftlich zuverlässige Aussagen über das Risikopotenzial eines Stoffes lassen sich nur dann treffen, wenn man weiß, in welchen Mengen er aus dem Produkt austritt“, so Girndt.
Genau das versucht man beim Verbrauchermagazin Öko-Test laut Chefredakteur Jürgen Stellpflug bei der Beurteilung der untersuchten Produkte zu berücksichtigen. „Bei einigen Artikeln wie etwa Kinderspielzeug sind Migrationsmessungen jedoch hinfällig“, erklärt Stellpflug. „Das eine Kind nimmt das Spielzeug nur in die Hand, das andere steckt es in Mund, wobei eine Migration natürlich wahrscheinlicher wird.“ Sinn machen solche Untersuchungen laut Stellpflug aber etwa bei Jeansknöpfen, die Nickel enthalten. „Das Vorkommen von Nickel ist an und für sich kein Problem, solange der Stoff nicht aus den Knöpfen entweicht“, so der Öko-Test-Chef. In diesem Fall schauen die Tester deshalb, wie viel von dem Stoff sich durch Reibung löst. „Bei Möbeln und Haushaltsgegenständen komme ich mit den eventuell enthaltenen Schadstoffen kaum in Berührung“, räumt Stellpflug ein. „Genauer hinschauen sollten Verbraucher bei Produkten, mit denen man direkten Kontakt hat, also Lebensmitteln oder Textilien“, rät der Experte. Diese werden bei Tests auch kritischer bewertet. „Findet Öko-Test etwa in einem Fön Flammschutzmittel, wird das Produkt deshalb nicht gleich als ungenügend eingestuft. Einen entsprechenden Verweis auf den Schadstoff gibt es aber schon“, so Stellpflug. Der Verbraucher müsse dann selbst entscheiden, ob er das für bedenklich hält oder nicht.
Babys im Kontaktbereich
Höhere Achtsamkeit ist jedoch generell bei Schwangeren, Neugeborenen und Kleinkindern angebracht, warnt Ibrahim Chahoud. Sie reagieren empfindlicher auf Schadstoffe. Auf Billigware und Produkte, die regelrecht nach Chemie stinken, sollte bei Kinderartikeln unbedingt verzichtet werden. „Hormonell wirksame Stoffe wie Phthalate und Bisphenol A können zudem die Entwicklung des Kindes beeinflussen“, sagt der Toxikologe. Und im Unterschied zum Erwachsenen sei eine Störung der Entwicklungsprozesse beim Kind irreversibel. Eine mögliche Folge ist eben eine spätere Unfruchtbarkeit. „Hier hilft nur die Vermeidungsstrategie“, rät Chahoud. Eltern und Schwangere sollten möglichst auf die Verwendung von Kunststoffartikeln verzichten, da diese hormonell wirksame Stoffe enthalten, und wo es geht auf Alternativen zurückgreifen, also etwa statt Plastik- lieber Glasfläschchen für das Baby verwenden. Ebenso sollten Milch und Tee für das Baby nicht in Plastikflaschen in der Mikrowelle erwärmt werden, da auf diese Weise Chemikalien von der Flasche in die Flüssigkeit übergehen können. Da Kinder auch Dinge in den Mund nehmen, die nicht in direktem Zusammenhang mit der Nahrung stehen, sollte bei allen Babyprodukten auf einen niedrigen Schadstoffgehalt Wert gelegt werden. „Berührt das Kind zum Beispiel den Kinderwagen mit der Hand und führt diese dann zum Mund, nimmt es auf diesem Wege auch eventuell im Wagen befindliche Chemikalien auf“, so Chahoud.
„Chemikalien sind immer potenziell gefährlich. Man sollte sich deshalb über Risiken informieren, aber nicht in Panik geraten“, rät Ibrahim Chahoud. „Ein Flugzeug kann schließlich auch immer abstürzen, aber wenn keine Wolke am Himmel ist, nehmen wir das Risiko in Kauf. Erst wenn ein starkes Unwetter aufzieht, bleiben wir lieber am Boden.“
