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AlfterGemeinwohl-Ökonomie bringt Studierende und die Geschäftswelt zusammen

Lesezeit 4 Minuten
Studierende der Alanus Hochschule unterstützten Bornheimer Unternehmen bei ihrer Gemeinwohl-Bilanzierung und stellten die ersten Ergebnisse nun auf dem Campus II der Hochschule vor.

Leckere Backwaren, Obst und Gemüse gab es zum Abschluss des ersten Praxisseminars zur Gemeinwohl-Ökonomie am Campus Villestraße.

Manchmal fangen große Ideen ganz klein an, zum Beispiel beim Einkauf von Kürbiskernen: „Können wir Rohstoffe wie diese für unsere Brötchen nachhaltiger einkaufen und dafür sorgen, dass die Menschen, die sie verkaufen, davon in Würde leben können?"

Fragen wie diese brachten Bäckermeister Frank Nelles und zwei weitere Unternehmer aus Bornheim mit Studierenden der Alanus Hochschule zusammen. Ihr gemeinsames Thema: Gemeinwohl-Ökonomie, also Wirtschaft mit Ethik.

Erstes Praxisseminar dieser Art

Die Geschäftsleute beteiligten sich an einem erstmals angebotenen Praxisseminar zur Gemeinwohl-Ökonomie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter. Ziel ist es, gemeinsam mit Studierenden aus unterschiedlichen Fachbereichen eine Gemeinwohl-Bilanzierung zu erreichen (siehe Infos am Textende).

Bei einer Präsentation der ersten Ergebnisse auf dem Campus II der Alfterer Hochschule, die in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, informierten die Unternehmer und Kooperationspartner über ihre Erfahrungen und die weiteren Visionen. Neben dem Breniger Biolandhof Apfelbacher nahmen Architekt Elmar Dalitz mit seiner Immobilienfirma sowie die Geschwister Sandra und Frank Nelles, Geschäftsführer in zweiter Generation der „Backmanufaktur Nelles“ aus Sechtem, teil.

Als Kooperationspartner hat die zuständige Stiftung Gemeinwohl-Ökonomie aus Hamburg neben Alanus noch die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Bornheim und den Bornheimer Unternehmerkreis gewonnen. Frank Nelles trieben aber noch viele weitere Fragen um: „Woher bekomme ich meine Energie, möglichst bezahlbar und nachhaltig?“ Wie schaffe ich ein gutes Klima unter den Mitarbeitern, und wie gelingt es über den Status Quo hinaus, unsere Unternehmensstruktur zu verbessern?“

Theorie und Praxis

Besonders wichtig ist den Geschwistern Nelles dabei, dass sich ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohlfühlen: „Wir sind mit unseren Eltern in der Backstube groß geworden, wir sind ein Familienunternehmen und unsere Mitarbeiter sind nicht nur unsere große Stütze, sondern auch Familie“, betonte Frank Nelles. Student Lukas Allmann schwärmte von dem „spannenden Konnex zwischen der Theorie an der Hochschule und der unternehmerischen Praxis“. Er führte ebenso wie seine Kommilitonen Interviews mit den Unternehmern, ermittelte die Stärken und Schwächen der teilnehmenden Firmen: „Wir waren dankbar, wie viele Informationen die Unternehmen für uns preisgegeben haben und dass alle sehr transparent waren. Davon profitieren dann beide Seiten“, lobte Allmann.

Für Immobilienunternehmer Elmar Dalitz waren die vergangenen Monate nach eigenen Angaben äußerst spannend, viele Impulse werde er für seine Firma mitaufnehmen: „Dieses Projekt ist ein bereichernder Standortfaktor für die Region und gewinnbringend für die Unternehmer, die sich gemeldet haben, an dem Projekt teilzunehmen.“ Eine Studentin ist sich sicher: „Es wird für alle Unternehmer künftig wichtig werden, sich mit der Gemeinwohl-Ökonomie zu beschäftigen. Jedes Unternehmen kann dadurch einen Mehrwert für sich gewinnen.“

Alanus-Rektor Professor Dr. Hans-Joachim Pieper ist sich sicher, dass Angebote wie diese ein positiver Standortfaktor für die Region sind: „Wir sind froh, dass sich so viele Unternehmer gefunden haben, die den Grundstock legen wollen für eine bessere Vernetzung zwischen den Studierenden und ihren Unternehmen.“ Aus der Perspektive des Landes Nordrhein-Westfalen sprach Gemeinwohl-Berater Christoph Harrach, der neben seiner Kollegin Anne Berg das Seminar geführt hatte: „Wir haben hier eine große Diversität bei den Teams und den Unternehmern bemerkt und durch die Einbindung der Wirtschaftsförderungsgesellschaft und des Unternehmernetzwerkes bekam die Sache so richtig Drive. Wir konnten richtig in die Breite gehen.“

Dies sei beispielsweise in der NRW-Modellregion Höxter, wo Harrach ebenfalls ein Gemeinwohl-Projekt begleitet hatte, nicht der Fall gewesen. Für Joachim Strauß, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft Bornheim, war ein „Funke übergesprungen“, der zeige, dass es jetzt erst richtig losgehe und er freute sich, dass sich bereits weitere Unternehmen gemeldet hätten.


Infos

Am Praxisseminar Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) nahmen Studierende der Alanus Hochschule aus den Studiengängen „BWL – Wirtschaft neu denken“ sowie „Philosophie, Kunst und Gesellschaftsgestaltung“ teil, um mit den beteiligten Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz zu erarbeiten. Dabei steht nicht die Profitmaximierung im Vordergrund, sondern die Entwicklung nachhaltiger Strategien, etwa um ökologischer und ressourcenschonender zu handeln, dafür zu sorgen, dass mehr Wertschöpfung in der Region bleibt, Mitarbeiter in den Betrieben menschlicher und Zulieferer solidarischer behandelt werden und Ungleichheit dadurch zurückgeht.

Nach dem Kick-off im September, folgte das Praxisseminar „Gemeinwohl-Ökonomie“, das nun abgeschlossen worden ist. Die Studierenden und Unternehmer präsentierten ihre ersten Erfahrungen, in den kommenden Monaten werden diese ausgewertet und evaluiert, bevor den Firmen im Juni die Gemeinwohl-Zertifikate, mit denen sie dann auch bei ihren Kunden werben können, überreicht werden. Für die professionelle Beratung durch das GWÖ-Team zahlt ein Unternehmen jeweils rund 5000 Euro. Die Kooperation soll zwischen den drei Akteuren soll fortgesetzt werden.


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