USA-ExperteDer Amerika-Erklärer

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Amerikakenner an einem Tisch: Claus Kleber, Alexander Graf Lambsdorff, Maybrit Illner, Nicholas Smith, Deborah Feldman und Andrew Denison (v.l.) in der ZDF-Talkshow.

Amerikakenner an einem Tisch: Claus Kleber, Alexander Graf Lambsdorff, Maybrit Illner, Nicholas Smith, Deborah Feldman und Andrew Denison (v.l.) in der ZDF-Talkshow.

Königswinter – Es ist ein sehr ruhiges Fleckchen Erde am äußersten Rand des 261-Seelen-Örtchens Pleiserhohn. Tiefste Provinz. Von einer kleine Holzhütte aus hat man einen schönen Ausblick über eine hügelige Landschaft. Vor dem Häuschen kauen vier Thüringer Landziegen auf altem Brot und schauen neugierig durch die Glasscheiben. „Sunset Lounge“ nennt Andrew Denison schmunzelnd sein Refugium. „Ein schöner Ort, um den Sonnenuntergang zu genießen“, findet der aus dem Bundesstadt Wyoming stammende Amerikaner.

In der Ecke ein gemütlicher Sessel, auf dem Schreibtisch ein kleiner Computer, unter dem Tisch ein Heizlüfter, der brummend für ein bisschen warme Luft sorgt. So sieht er aus, der Ort, von dem aus Denison analysiert, wie eine Weltmacht tickt.

Zuletzt allerdings saß der Amerikaner vor allem im Fernsehstudio oder vor dem Radiomikrofon. Denn der seit 1995 in Pleiserhohn lebende Denison ist ein gefragter US-Experte. Nach der überraschenden Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, auch für den Amerikakenner mit den vier Thüringer Landziegen zunächst ein Schock, war er zum wiederholten Mal Gast bei Maybrit Illner und auf Phoenix nahezu auf Dauersendung. Die Nachfrage in Deutschland, Amerika erklärt zu bekommen, sei groß, sagt der Politikwissenschaftler im Gespräch mit der Rundschau. Denison war unter anderem auch bei Anne Will und im Internationalen Frühschoppen. Er hält Vorträge, arbeitet für Zeitschriften und schreibt gerade an einem Buch. Dessen Thema: Die Zukunft Amerikas und die Konsequenzen für Deutschland. „Transatlantic Networks“ heißt sein Zentrum für politische Bildung und Beratung mit Sitz in Pleiserhohn. Er, ein Amerikaner, der Deutsch spricht und gerne über Politik redet, habe eine Nische gefunden, meint der Experte selbst.

Mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen

Im Alter von fünf Jahren kam Denison mit seiner Familie aus Wyoming („Das ist in der Mitte von Nichts“) erstmals nach Deutschland. Sein Vater war als Physiker bei der Max-Planck-Gesellschaft tätig. Am Rhein hat der kleine Andrew Burgen und Schlösser gesehen – und sich „in Deutschland verliebt“, wie er heute sagt. Zwei Jahre blieb die Familie in Heidelberg, dann ging es zurück in die USA, bevor er mit seiner Familie als 16-Jähriger nach Zürich kam. 1982, wieder in Wyoming, befasste sich der Student in einem Forschungsprojekt mit der Friedensbewegung. In Deutschland war das die Zeit der Großdemonstrationen in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss. Andrew Denison selbst stand in seiner Heimat der Friedensbewegung vor, war aber zugleich Mitglied der Nationalgarde. „Ein bisschen bipolar“, räumt er augenzwinkernd selbst ein. Eine Austauschstudentin aus Deutschland namens Ursula lernte er hier kennen und lieben. Sie trägt heute den Nachnamen Denison und ist Mutter seiner zwei Söhne im Alter von 16 und 20 Jahren.

1985 kamen beide zum Studium nach Hamburg. Andrew Denison machte seinen Master mit einer Abschlussarbeit über die konventionelle Rüstungskontrolle in Europa. Da wurde gerade Michail Gorbatschow zum Staatschef in der Sowjetunion und leitete mit seiner Glasnost und Perestroika die Abwicklung des Warschauer Pakts und das Ende des Kalten Krieges ein – hochspannende Zeiten für einen Politikwissenschaftler. Es folgte ein Studium an der Johns Hopkins Universität in Washington. Über ein Promotionsstipendium kam Denison 1991 zur Friedrich-Ebert-Stiftung nach Bonn. Sein Forschungsthema diesmal: die Außen- und Sicherheitspolitik der SPD. 1995/96 folgten zwei Jahre an der Uni Bonn. „Damals“, sagt er, „entschlossen wir uns, hier zu bleiben.“

Mit zwei seiner vier Thüringer Landziegen: Amerika-Erklärer Andrew Denison an seinem Wohnort Pleiserhohn.

Mit zwei seiner vier Thüringer Landziegen: Amerika-Erklärer Andrew Denison an seinem Wohnort Pleiserhohn.

1992, zur Wahl Bill Clintons zum Präsidenten, sei er erstmals gebeten worden, die Geschehnisse jenseits des Atlantiks zu kommentieren. Seither ist das mindestens alle vier Jahre der Fall. Damals habe er einen Spruch formuliert, der bis heute Gültigkeit habe: „Im Wahlkampf kann man sagen, was man will, im Weißen Haus tut man, was man tun muss. Denn die Präsidenten kommen und gehen, aber die Interessen Amerikas bleiben bestehen.“

Vor diesem Hintergrund sieht der Experte auch die Wahl Trumps, „so furchtbar ich das finde“, vergleichsweise gelassen. „Zusammenarbeit wo möglich, widerstehen wo nötig“, müsse es jetzt in Washington heißen. Trump sei schwer zu fassen, vertrete extreme Positionen, um dann zurückzurudern. Denison: „Die Kritiker haben Trump wörtlich, aber nicht ernst genommen. Die Befürworter haben ihn nie wörtlich genommen aber gemeint, er bringt was Neues.“

Transatlantische Themenpalette

Im Gespräch mit dem Amerikakenner in seiner kleinen Hütte am Rande von Pleiserhohn, vor der die vier Thüringer Landziegen auf dem alten Brot kauen, geht es schnell durch die transatlantische Themenpalette. Die Bedeutung und Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, die Rolle von Demokratien bei der Friedenserhaltung, die vor Europa liegenden Herausforderungen, die USA als zwiegespaltener Staat („Pragmatismus und Idealismus“), die Wahl Bill Clintons („mit vielen Hoffnungen verbunden“), seines Nachfolger George W. Bush („mehr mit Ängsten verbunden“) und die „historische Wahl“ Barack Obamas zum ersten schwarzen US-Präsidenten als „eine Art Wiedergutmachung für unsere ganze schlimme Geschichte“ – die Analysen und Einschätzungen scheinen nur so aus Andrew Denison herauszusprudeln.

Die Ära Obama, die viele Menschen ernüchternd betrachten angesichts der hochfliegenden Erwartungen, verteidigt Andrew Denison. So habe der erste schwarze Präsident der USA sein ganzes politisches Kapital eingesetzt, um die Weltwirtschaft zu retten. Stichwort Banken- und Finanzkrise. Die Republikaner („Blockade, Blockade, Blockade“) hätten dagegen viele Projekte – Beispiel Krankenversicherung – erschwert oder sogar verhindert.

Mit Blick auf den zurückliegenden Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton verweist der Politikwissenschaftler, der alle zwei, drei Jahre für mehrere Wochen in den USA ist, bei allen Gegensätzen auf ein gemeinsames Thema: Investitionen in die Infrastruktur. In diesem Bereich habe es in der Vergangenheit viele Versäumnisse gegeben. „Infrastruktur“, sagt Andrew Denison, kurz bevor er mit den zwei jüngeren der vier Thüringer Landziegen zu einem seiner regelmäßgen Spaziergänge aufbricht, „wird zum Wort des Jahres in den USA. Vielleicht braucht Amerika ja gerade jetzt einen Bauunternehmer als Präsidenten.“

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