Für Ukrainer, die vor dem Krieg geflohen sind, ist es das erste Weihnachten im fremden Land und oft fernab von ihrer Familie. Wie fühlen sie sich? Ein Beispiel aus Rheinbach.
Ukrainer in RheinbachMit dem Herzen in der Heimat

Gemeinsam haben Micha und Manuela Wipper (links) mit ihren ukrainischen Gästen Dima (kniend), Alina und Anna Tyshchenko (hinten rechts) den Weihnachtsbaum in ihrem Rheinbacher Zuhause geschmückt.
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„Wir alle leben zurzeit in einer Art Pause, in die wir gar nicht gehen wollten: Wir hatten unsere Leben, gefüllt mit Arbeit und Ausbildung.“ Jeder habe sich nun so sicher untergebracht, wie es möglich sei, und wünsche sich, dass alles wieder so werde, wie es einmal war. „Aber das wird nicht geschehen.“ Das sagt die Ukrainerin Anna Tyshchenko. Mit ihrer Mutter Alina und dem jüngeren Bruder Dima wird sie die Weihnachtsfeiertage bei ihrer Gastfamilie in Rheinbach verbringen und im Januar wird in der Westukraine mit der Familie von Onkel und Tante und der Großmutter gefeiert.
„Weihnachten ist bei uns ein Fest für die Familie“, erzählt Anna. Und das soll sich auch in diesem Jahr nicht ändern. „Jesus wurde geboren! Loben wir ihn!“ So begrüßen sich Ukrainer während der Weihnachtsfeiertage, die bei ihnen auf den 6. und 7. Januar fallen. „Die Idee von Weihnachten ist: Wir schließen unsere Türen und konzentrieren uns auf unsere Familie.“ Das bedeute aber nicht, dass sich niemand mehr um das kümmere, was in der Welt vor sich gehe, fügt Anna hinzu. Es bedeute vielmehr, dass alle um Normalität bemüht seien: „Auch wenn wir im Keller feiern müssen.“ Es sei notwendig, dem Leben auch in schweren Zeiten Gutes abzugewinnen: „Sonst würde ich verrückt werden.“
Mit dem Bus entkommen
Über den Krieg, in dem einer ihrer Onkel bereits verwundet wurde, werde nicht viel geredet. Die 20-jährige Studentin war mit Mutter und Bruder aus ihrer Heimatstadt Sloviansk geflüchtet, die ganz in der Nähe der russischen Grenze liegt. „Wir entkamen mit einem Bus, als die russische Armee 50 Kilometer von uns entfernt war“, schildert Anna ihr Entkommen. Sie kommuniziert in Englisch und spricht und versteht dank eines VHS-Sprachkurses bereits einfache deutsche Sätze.
Nach drei Tagen Flucht sei ihre Familie am 11. März mit dem Zug von Berlin in Rheinbach angekommen. Für ihre Mutter Alina sei die geglückte Flucht ein Wunder: „Es ist Gott zu verdanken, dass wir sicher in Deutschland angekommen sind.“ Unendlich dankbar ist die kleine Familie ihren Rheinbacher Gastgebern, die ihnen ein sicheres Dach über dem Kopf gegeben haben und ihnen viel Zuneigung und Verständnis entgegenbringen. Seit März wohnen Anna und ihre Familie bei dem Ehepaar Wipper in Rheinbach, vorher waren sie in den Containerunterkünften am Schornbusch untergebracht. Die Wippers freuen sich beide, dass die ukrainische Familie bei ihnen ist: „Sie sind alle drei einfach wahnsinnig höfliche, zurückhaltende, hilfsbereite und gebildete Gäste. Die Familie ist einfach nur toll.“
Zum ersten Mal erleben die Tyshchenkos jetzt in Rheinbach die vorweihnachtliche Zeit und lernen neue Bräuche kennen: „Wir stellen zu Hause wohl Kerzen auf, aber wir haben keinen grünen Kranz.“ Einen geschmückten Baum wiederum gibt es in der Ukraine zu Silvester, komplett mit Kugeln und Lichtern. Gerne hat Anna ihrer deutschen Gastgeberin bei der Weihnachtsbäckerei geholfen und Plätzchen mit einer besonderen Glasur versehen: „Wir haben wirklich viele Sterne gebacken.“ Von dem Gebäck, das in einer speziellen Dose aufbewahrt wird, nascht sie jeden Tag ein Stück.
Aufgewachsen in einer christlich-orthodoxen Familie respektiert die 20-Jährige den Glauben ihrer Gastgeber samt der jeweils unterschiedlichen Sitten und Gebräuche. So wird sie an Heiligabend mit Mutter und Bruder einen ruhigen Tag verleben, am ersten Weihnachtsfeiertag ist ein Abendessen mit ihren Gastgebern geplant. Noch vor Silvester geht es nach Hause in die Ukraine, allerdings in den westlichen Teil, der nicht so stark vom Krieg betroffen ist wie der Osten. Dort möchte sie mit den Verwandten im Januar Weihnachten feiern.
Die Kirchen sind jetzt unter der Kontrolle des Moskauer Patriarchats, das ist für uns nicht akzeptabel
Ein wichtiger Bestandteil der ukrainischen Weihnacht ist das traditionelle Essen, das in Anlehnung an die zwölf Apostel Jesu meist aus zwölf unterschiedlichen Gerichten und Beilagen besteht, erzählt Anna. Außerdem wird gesungen und erzählt, die Kinder vertreiben sich die Zeit mit Spielen. Geschenke werden nur im Familienkreis ausgetauscht. Auch die Sänger bekommen eine Gabe, berichtet Anna lächelnd. Wie an Sankt Martin in Deutschland ziehen die Kinder in manchen Gegenden der Ukraine nach dem Essen in die Nachbarschaft, um dort vor den Türen zu singen. Krippen sind nicht üblich. Den früher üblichen Kirchgang spare man sich heutzutage: „Die Kirchen sind jetzt unter der Kontrolle des Moskauer Patriarchats, das ist für uns nicht akzeptabel.“
Die wichtigste Speise des gemeinsamen Mahls am 6. Januar, ist das sogenannte Kutya, eine Art Porridge aus gekochtem Reis, getrockneten Früchten, Nüssen, Honig und Mohnkörnern. Allerdings werfe niemand aus ihrer Familie die traditionelle Speise an die Decke, um an den dort haftenden schwarzen Körnchen die Fruchtbarkeit für Felder und Tiere vorhersagen zu können, berichtet Anna amüsiert. „Vielleicht tun das einige Leute immer noch, aber wir nicht mehr.“ Wichtig sei es allerdings, das Gericht an Heiligabend bei Patentante und Patenonkel vorbeizubringen. Nach dem Essen wiederum werde eine Schale für die Jünger Jesu auf dem Tisch gestellt.
Altes Neujahr
Gereicht würden außerdem Teigtaschen (Varenyky) gefüllt mit Kartoffeln, Käse oder Kirschen, eine Suppe aus Roter Bete (Borschtsch), Fisch, gefüllte Kohlblätter (Holubtsi) sowie verschiedene eingelegte Gemüsesorten wie Paprika, Tomaten, Gurken und Pilze. „Jede Familie bereitet ein bis zwei warme Gerichte zu, der Rest besteht aus Speisen, die nicht gekocht werden“, beschreibt Anna die Arbeitsaufteilung. In der Nacht auf den 14. Januar wird in Annas Familie das sogenannte Alte Neujahr gefeiert. Besonders gern singen sie dann das ukrainische Neujahrslied „Shchedryk“, was so viel wie „reicher Abend“ bedeutet.
Das Lied basiert auf einem sehr alten ukrainischen Volkslied und erzählt die Geschichte einer Schwalbe, die im Frühling zu einer Familie fliegt und ihr ein reiches Jahr prophezeit. Wohl alle Ukrainer wünschen sich zum Fest nur eines: Frieden. Für Manuela Wipper wäre es eine Herzensangelegenheit, „dass alle Autokratien auf dieser Welt ein Ende finden“.

