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Abschied in EuskirchenSie haben über 30 Jahre Frauen in Notlagen unterstützt

7 min
Die beiden Frauen sitzen auf Stühlen nebeneinander und lächeln in Richtung Kamera.

Nach über 30 Jahren Arbeit für Frauen helfen Frauen sind sie nun im Ruhestand, jedenfalls fast: Silvia Alt (l.) und Ellen Mende.

Ellen Mende und Silvia Alt sind jetzt Aktiv-Rentnerinnen. Der  Gewaltschutz bleibt für beide eine Herzensthema.

Man möchte fast behaupten, Silvia Alt und Ellen Mende gehören zum Inventar. Die eine im Schutzhaus für Frauen und Kinder in Euenheim, die andere in der Frauenberatungsstelle in Euskirchen. Beide haben sie Jahrzehnte die Arbeit des Trägervereins Frauen helfen Frauen mitgeprägt, haben sich in ihren jeweiligen Bereichen engagiert für Frauenrechte, Kinderschutz und gegen häusliche sowie sexualisierte Gewalt, haben Hunderte von Frauen in Not mit fachlich fundiertem Rat und großer Anteilnahme unterstützt und vertreten. Seit kurzem sind sie im Ruhestand.

„Ganz ehrlich: Ich bin jeden einzelnen Tag gerne zur Arbeit gekommen“, resümiert Silvia Alt, die mit der Eröffnung des Frauenhauses 1992 ihre Arbeit dort aufgenommen hat. Und das trotz der oftmals schweren Themen, denen die Sozialarbeiterin im Berufsalltag begegnete. Den vor der Gewalt geflüchteten Frauen und Kindern Schutz und Sicherheit zu bieten, ihnen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen und ihre Selbstbestimmung zu fördern, sei der Kern ihrer Arbeit gewesen. „Ich kann nur sagen, dass es wahnsinnig schön war, all diese Frauen ein Stück weit zu begleiten. Mitzubekommen, wie sie sich auf den Weg gemacht haben, war einfach nur toll“, so Alt.

Frauen stabilisieren und Optionen für Veränderungen sichtbar machen

Auch in der Frauenberatungsstelle geht es tagtäglich um sensible und belastende Inhalte, die die Ratsuchenden mitbringen. „Hier gilt es, Frauen soweit zu stabilisieren, dass sie Optionen für positive Veränderung sehen und Entscheidungen treffen können“, sagt Ellen Mende. Vielen Frauen habe sie erst einmal erläutern müssen, wie sich häusliche Gewalt zeige, eben nicht nur durch körperliche Angriffe. „Für manche Frauen ist es normal, angeschrien, erniedrigt und isoliert zu werden“, so die Diplom-Pädagogin und Traumafachberaterin.

Das Credo der beiden Mitarbeiterinnen hieß: professionelle Nähe schaffen. Also den Frauen, die in die Beratung oder ins Schutzhaus kommen, eine tragfähige emotionale Anbindung zu bieten, ohne dabei seine eigenen Grenzen aufzugeben. Ohne diese Art von Beziehungsarbeit könne bei den Ratsuchenden keine Veränderung angestoßen werden. Ellen Mende: „Mir war es immer wichtig, deutlich zu machen: Ihr seid dem nicht einfach nur ausgesetzt. Ihr habt Optionen, ihr könnt gestalten und verändern, auch in kleinen Schritten.“

Wenn ich zurückschaue, kann ich nur sagen, dass es wahnsinnig schön war, all diese Frauen ein Stück weit zu begleiten. 
Silvia Alt, Sozialarbeiterin

Am Anfang ihrer beruflichen Einsätze in den beiden Einrichtungen mussten Ellen Mende und Silvia Alt ganz andere Herausforderungen meistern. Ein Frauenhaus in Euskirchen? Häusliche Gewalt? In der politischen Landschaft des Kreises Euskirchen war man mehr als skeptisch, ob man so etwas im Kreis wirklich brauchen würde. „Das war nicht ganz einfach am Anfang, auch andere Institutionen und die Polizei haben das kritisch beäugt.“

Es galt also erst einmal, ziemlich dicke Bretter zu bohren, bis die Arbeit von Frauen helfen Frauen schließlich über die Kreisumlage bezuschusst wurde. „Das hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert. Heutzutage haben wir wirklich einen guten Stand im Kreis und werden gewertschätzt“, versichert Ellen Mende. Die Frauenberatungsstelle sei nach wie vor eine freiwillige Aufgabe im Etat des Kreises. Dass daran bisher nicht gerührt werde, lasse Rückschlüsse auf die breite Unterstützung „in allen demokratischen Parteien“ zu.

Ob es auch etwas gebe, was früher besser gelaufen sei als heutzutage? Silvia Alt muss nicht lange überlegen: „Bis 1996 lag das Sorgerecht bei demjenigen, bei dem die Kinder lebten, also meistens bei den Frauen. Das hat unsere Arbeit natürlich viel leichter gemacht.“ Im Laufe der Jahre wurden den Vätern immer mehr Rechte eingeräumt – im Grunde eine begrüßenswerte Entwicklung, nicht aber in Fällen von häuslicher Gewalt, so die Sozialarbeiterin. „Für uns wurde es dadurch zusehends schwierig, die Mütter und Kinder im Frauenhaus zu schützen.“

Das Gewalthilfegesetz von 2002 hat vieles verbessert

Die Mehrzahl der Väter habe das Recht auf Umgang ausgenutzt, um auf die Mütter weiterhin Einfluss zu nehmen, sie zu manipulieren, zu bedrohen und ihnen Angst zu machen. Bis heute werde häusliche Gewalt in der Familienhistorie viel zu wenig berücksichtigt, wenn es um das Umgangsrecht gehe: „Auch beim Jugendamt und am Familiengericht“, ist Silvia Alt überzeugt.

Als einen Meilenstein während ihrer Berufsjahre bewerten Ellen Mende und Silvia Alt das Gewalthilfegesetz, das 2002 in Kraft getreten ist. „Das hat vieles in unserem Berufsalltag erleichtert“, resümiert Mende. So etablierten sich beispielsweise Abläufe, die für die Betroffenen hilfreich sind: Der Täter wird seither der Wohnung verwiesen, auch können gerichtliche Anordnungen wie ein Kontakt- und Annäherungsverbot verhängt werden.

Oft wissen die Ratsuchenden nicht, was häusliche Gewalt bedeutet

In den Anfängen der Frauenberatungsstelle sei Gewalt in der Beziehung noch eher selten Thema in der Beratung gewesen. Das mag an der Scham betroffener Frauen, aber auch an der Unerfahrenheit im Umgang mit der Thematik gelegen haben. „Heutzutage ist es ganz normal, dass man Ratsuchende konkret fragt, wenn man im Hintergrund häusliche Gewalt vermutet“, so Ellen Mende. Nicht selten würden Frauen das verneinen, ihr Mann würde nicht schlagen, nur manchmal an den Haaren ziehen oder sie gegen die Wand drücken.

Es sei mitunter schwer, das System der Macht dahinter zu verstehen. „Häusliche Gewalt kommt nicht über Nacht, sondern entwickelt sich“, erklärt Alt. „Bei uns war es fast immer so, dass die Frauen zunächst isoliert wurden, mit niemanden mehr Kontakt und keinen Zugang zu Geld hatten. Bis jeder Schritt, den sie machten, kontrolliert wurde. So entstehen Bedingungen, die eine Flucht kaum möglich machen für die Betroffenen.“

Recht haben und Recht bekommen, das ist immer noch ein Unterschied. 
Ellen Mende, Sozialpädagogin

Hat sich im Laufe der Jahrzehnte etwas an der Bereitschaft der Opfer geändert, Anzeige zu erstatten? Und wie sieht es mit Verurteilungen von Tätern aus? Die beiden Fachfrauen schütteln die Köpfe. „Ich hatte im letzten Jahr einige wenige Verhandlungen vor dem Familiengericht, bei denen im Sinne der Betroffenen geurteilt wurde. Aber das waren in über 30 Jahren absolute Ausnahmen“, resümiert Silvia Alt.

Ellen Mende, die seit einiger Zeit psychosoziale Prozessbegleitung anbietet (und das auch weiterhin), ermutigt Frauen dazu, Anzeige zu erstatten, wenn sie Gewalt erfahren haben. Auch damit die Tat öffentlich wird und so in die Statistik einfließt. Trotzdem würden solche Verfahren häufig eingestellt. „Darauf müssen die Frauen vorbereitet sein. Eine solche Mitteilung der Staatsanwaltschaft darf man nicht persönlich nehmen.“ Mende ist der Meinung, dass die Opfer dennoch mit hoch erhobenem Haupt aus der Sache herausgehen können. „Recht haben und Recht bekommen, das ist immer noch ein Unterschied. Tatsächlich habe ich es sehr selten erlebt, dass Verurteilungen zustande gekommen sind.“

Gewalt gegen Frauen und Kinder: eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Gewalt gegen Frauen und Kinder sei keine Privatangelegenheit, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Darin sind sich Ellen Mende und Silvia Alt einig. Vorschläge, wie man dieser Aufgabe gerechter werden könnte, haben die beiden Altgedienten so einige. „Man müsste die Istanbul-Konvention umsetzen. Dann allerdings bräuchte es ein zweites Schutzhaus im Kreis Euskirchen“, sagt Alt.

Inspiration böten auch andere Länder, allen voran Spanien: „Hier gibt es  eine eigene Gerichtsbarkeit für häusliche Gewalt. Und Täter werden per elektronischer Fußfessel daran gehindert, Betroffenen nahezukommen.“ Schon jetzt könnten auch hiesige Gerichte bei häuslicher Gewalt die Täter zu Gewaltpräventionsmaßnahmen verpflichten. „Das passiert aber leider nicht“, so Alt.

Trotz Ruhestand: Silvia Alt und Ellen Mende legen in Zukunft nicht die Füße hoch. Beide sind jetzt Aktiv-Rentnerinnen: Silvia Alt in der Flexiblen Familienhilfe, Ellen Mende in der psychosozialen Prozessbegleitung. Hier unterstützt sie besonders belastete Opfer und Zeugen von Straftaten vor, während und nach einem Strafverfahren. „Und das mache ich wirklich total gerne.“


Vom Frauentreff zum Trägerverein dreier Einrichtungen

Efeu heißt der erste Euskirchener Frauentreff, aus dem 1987 die Initiative Frauenhaus Euskirchen hervorgeht. Zwei Jahre später gründet sich der gleichnamige Verein.

Im Jahr 1991 geht die Frauenberatungsstelle an den Start, ausgestattet mit einer ABM-Stelle, die sich zwei Frauen teilen. Im Jahr darauf kauft der Verein ein Haus in der Euskirchener City, das mit finanzieller Unterstützung des Kreises und der Kommunen sowie viel Eigenleistung der Vereinsfrauen saniert wird. Im September 1992 kann das erste Euskirchener Frauenhaus schließlich eröffnet werden, dessen genaue Adresse damals geheim gehalten wird. Fünf Mitarbeiterinnen werden eingestellt, sie teilen sich drei Vollzeitstellen.

1996 nennt sich der Verein um und heißt ab sofort Frauen helfen Frauen. 1999 wird eine weitere Einrichtung des Vereins eröffnet: die Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte und Familienplanung. Außerdem baut der Verein ein neues Frauenhaus, da die Kapazität der alten Immobilie nicht ausreicht.

2016 wird die Geheimhaltung aufgegeben, das Frauenhaus wird zum Schutzhaus für Frauen und Kinder. Um die Sicherheit für die Bewohnerinnen auch weiterhin gewährleisten zu können, wird ein Sicherheitskonzept mit Kamera- und Notrufsystemen installiert.