Beim Crash Kurs NRW berichten Betroffene und Einsatzkräfte eindringlich, wie schnell ein Moment im Straßenverkehr alles verändern kann.
Tödliche VerkehrsunfälleBilder, die unter die Haut gehen – 100. Crash Kurs im Kreis Euskirchen

Stumme Erinnerung an einen alles verändernden Moment. Allein im vergangenen Jahr starben zehn Menschen im Kreis im Straßenverkehr.
Copyright: Tom Steinicke
David Gimkiewicz ist 21 Jahre alt. Er ist lebensfroh, spielt Fußball und fährt gerne Rennrad. Am 4. November 2010 bricht er mit zwei Trainingskollegen zu einer Rennradfahrt auf, die er nicht überlebt. Als die Einsatzkräfte gegen 5.20 Uhr an der Unfallstelle auf der L162 eintreffen, ist David Gimkiewicz noch bei Bewusstsein – genau wie die beiden Trainingskollegen. Dann wird er bewusstlos, muss reanimiert werden. Doch alle Versuche scheitern. Auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt der 21-Jährige.
Als seine Mutter Barbara nach Hause kommt, war die Polizei schon da. Davon erfährt sie von Nachbarn. Sie ruft die Polizei an, will wissen, warum die Beamten sie aufgesucht haben. Sie erfährt es nicht. Noch nicht. Nicht am Telefon. „Ich wusste sofort, dass etwas passiert ist“, sagt sie heute. Als die Beamten dann erneut in Niederelvenich eintreffen, bricht für Barbara Gimkiewicz eine Welt zusammen.
Während des Vortrags einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat, ist es mucksmäuschenstill
Fragen tun sich im Nachgang des Unfalls auf – Fragen, die teilweise eher belanglos erscheinen: Wo ist das Handy des Sohnes? Was ist mit dem Haustürschlüssel passiert? Aber auch Fragen, die Mütter wohl nie loslassen. „Warum kann ich mich minuziös an den Tag erinnern, aber warum habe ich nicht gespürt, dass mein Sohn gerade gestorben ist?“, nennt Gimkiewicz eine. Fragen, auf die es auch 16 Jahre später keine Antworten gibt.
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Während die Mutter erzählt, ist es in der Aula des Schulzentrums in Bad Münstereifel mucksmäuschenstill. Rund 150 Schüler der Real- und Hauptschule sitzen auf ihren Stühlen, schweigen, einige kämpfen mit den Tränen. An den Zehntklässlern geht der Crash Kurs NRW, der Teil des Verkehrsunfallpräventionsprogramms für junge Erwachsene ist, nicht spurlos vorbei. Der Fall des 21-jährigen David geht ihnen nahe – schließlich war er am 4. November 2010 ungefähr in ihrem Alter.

In der Aula des Schulzentrums in Bad Münstereifel fand der 100. Crashkurs der Euskirchener Polizei statt.
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Die Schüler unterschrieben nach dem Vortrag auf einem Plakat.
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Es sind Schilderungen wie die von Barbara Gimkiewicz, die den Crash Kurs NRW so authentisch machen. Die Vortragsreihe ist das Verkehrsunfallpräventionsprogramm der Polizei und richtet sich speziell an Schülerinnen und Schüler ab den 10. und 11. Klassen in weiterführenden Schulen sowie Berufskollegs.
„Ziel ist es, die Zahl der Verkehrsunfälle – vor allem solcher mit beteiligten jungen Erwachsenen – nachhaltig zu senken“, erklärt Jörg Meyer, Polizist, Verkehrssicherheitsberater und Leiter des Crash Kurs NRW im Kreis Euskirchen. Seit vielen Jahren ist die Polizei mit dem Crash Kurs unterwegs. Man könne Prävention nicht messen, sagt er: „Doch die Erfahrungen zeigen, dass die Bilder und Worte lange in den Köpfen der Schüler bleiben.“
Crash Kurs ist bereits zum fünften Mal in Bad Münstereifel
Das Team vom Crash Kurs NRW ist bereits zum fünften Mal am Schulzentrum in der Kurstadt – insgesamt hat am Freitag in Bad Münstereifel sogar schon die 100. Veranstaltung des Präventionsprogramms im Kreis Euskirchen stattgefunden. „Unsere Schüler sind fürs Autofahren noch etwas jung, dafür zerlegen sie sich mit ihren 80ern oder 125ern“, sagt Dr. Stefanie Kump, stellvertretende Schulleiterin der Realschule. Die 90 Minuten, die wohl keinen der Schüler unberührt lassen, werden laut Kump im Klassenverbund sowohl vor- als auch nachbereitet.
Rainer Brück ist seit mehr als 30 Jahren im Kreis Euskirchen im Rettungsdienst tätig. „Als ich so alt war wie ihr jetzt, hatte ich das Gefühl, dass ich unverletzlich bin“, sagt er zu den jungen Erwachsenen während des 90-minütigen Vortrags. Längst wisse er, dass man das nicht ist. Dafür habe er in den vergangenen drei Jahrzehnten zu viel Leid auf den Straßen im Kreis Euskirchen miterlebt. Er sei bei etwa 30.000 Einsätzen während seiner Zeit beim Rettungsdienst gewesen, so Brück.
Unsere Schüler sind fürs Autofahren noch etwas jung, dafür zerlegen sie sich mit ihren 80ern oder 125ern.
Auf wie viele Einsätze Feuerwehrmann Alexander Rheindorf kommt, verrät er nicht. Aber auch er berichtet von zwei Einsätzen, die ihn bis heute nicht loslassen. „Für die Seelen von Einsatzkräften gibt es keine Schutzausrüstung“, sagt Rheindorf, der eines der Gründungsmitglieder des Crash Kurses in Euskirchen ist.
An seinen ersten Arbeitstag bei der Euskirchener Polizei kann sich der Mechernicher Angelo Rubino noch gut erinnern. „Ich musste mit zu einer Leichenschau“, erinnert er sich. Im Februar 2014 war das. Wenige Tage zuvor verunglückte auf der L11 zwischen Satzvey und Mechernich eine 20 Jahre alte Frau tödlich. Sie kam aus ungeklärter Ursache von der Fahrbahn ab und prallte gegen einen Baum. Die Mechernicherin starb noch an der Unfallstelle.
Seit dem Unfall ist Nicole Holland querschnittsgelähmt
Die Beifahrerin, die Mutter der 20-Jährigen, überstand den Unfall körperlich mehr oder weniger unverletzt. Die seelischen Spuren, die der Tod ihrer Tochter hinterlassen hat, sind nicht messbar. Auch bei Polizist Rubino hat der Unfall bis heute Spuren hinterlassen. Er gibt den Jugendlichen eine Botschaft mit auf den Weg: „Bitte setzt euch nicht mit Drogen oder Alkohol im Blut hinters Steuer. Bitte passt gegenseitig aufeinander auf.“
Das sagt auch Nicole Holland. Sie verunglückte am 14. Februar 1994 auf der L206 zwischen Kall und Keldenich schwer und ist seitdem querschnittsgelähmt. „Es lohnt sich nicht, das Leben für einen Augenblick wegzuwerfen“, so Holland.
Iris Mäusl vom Kriseninterventionsdienst (KID) des Deutschen Roten Kreuzes ist oft ehrenamtlich dabei, wenn die Polizei den Angehörigen die schlimmen Nachrichten überbringt. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Kraft es braucht, um die Klingel zu drücken – denn dann gibt es kein zurück mehr. Das Leben ist dann für die Menschen auf der anderen Seite der Tür nicht mehr dasselbe“, schildert Mäusl diesen Moment.
Im vergangenen Jahr verloren auf den Straßen im Kreis Euskirchen zehn Menschen ihr Leben.
Das Team
Zum Team von Crash Kurs NRW im Kreis Euskirchen gehören: Barbara Gimkiewicz, Nicole Holland (beide Betroffene), Iris Mäusl, Angelika Wagner, Ludwig Szopinksi (KID-DRK), Alexander Rheindorf (Feuerwehr), Rainer Brück (Rettungsdienst), Angela Fuchs, Christina Specht, Lydia Hüpgen, Angelo Rubino, Marco Herschbach und Jörg Meyer (alle Polizei).

