Abo

Holocaust-JahrestagGast aus Israel sprach bei Gedenkfeier in Nümbrecht

4 min
Ein Mann und eine Frau an einem Pult.

Bei der Gedenkfeier in Nümbrecht übersetzte Marion Reinecke den Vortrag von Shai Hod aus Israel.

Mit einer Feierstunde im Rathaus beging Nümbrecht den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ein Gast aus der Partnerstadt berichtete aus Israel.

Eine Gedenkstunde zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ fand am Dienstagabend im Foyer des Nümbrechter Rathauses statt. Der 27. Januar war 1996 anlässlich des Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offiziell zum nationalen Gedenktag erklärt worden. Seitdem organisiert die Gemeinde Nümbrecht gemeinsam mit dem Freundeskreis Nümbrecht-Mateh Yehuda alljährlich diese Gedenkfeier.

„Der Holocaust betrifft nicht nur Deutschland und Europa, sondern die gesamte Menschheit“, betonte Bürgermeister Thomas Hellbusch in seiner Begrüßung. Der Gedenktag jähre sich nun zum 30. Mal, und nach wie vor stehe im Fokus, sich an die Gräuel der Nazis zu erinnern und Verantwortung zu übernehmen: „Es ist notwendig, sich gegen jede Form von Hass und Antisemitismus zu stellen.“

Eigens für die Gedenkfeier nach Nümbrecht gekommen

Marion Reinecke, die Vorsitzende des Freundeskreises Nümbrecht-Mateh Yehuda, stellte als besonderen Gast Shai Hod vor, den Sicherheitsbeauftragten der Homeland Security in der Partnerstadt. Er war eigens für diese Veranstaltung aus Israel nach Nümbrecht gekommen. Sie schilderte, dass es für ihn sehr emotional bewegend sei, die Geschichte seines Großvaters zu erzählen, und übersetzte dessen Vortrag aus dem Englischen.

„Heute ist ein Moment, in dem die Welt innehält, um in menschliche Abgründe zu blicken“, leitete Hod ein. Auf dem Grabstein seines Großvaters stehe ein Gedicht, dass dessen ganzes Leben zusammenfasst: „Als ich unter Tränen geboren ward, war die Freude groß. Doch als Knabe, um zu leben, ward das Weinen mir verwehrt. Heute, einsam vor dem Sonnenuntergang, ist es mir wohl, wieder zu weinen.“ Yaacov Rozenboim wurde 1924 in Polen geboren. Nach dem Einfall der Nazis sei dessen Onkel, dessen einziges „Vergehen“ sein Judentum gewesen sei, bis zum Kopf eingegraben und anschließend mit einer Sense enthauptet worden: „Diese Gräueltat war nicht nur ein Angriff auf den Körper, es war die Auslöschung des Begriffs Menschlichkeit.“

Die nachfolgende Deportation in ein Ghetto mit Hunger, Krankheit und Tod hatte sein Großvater ebenfalls in einem Gedicht beschrieben: „Zwölf Millionen Augen, 30 Millionen Liter Blut – ein Meer von Blut.“ Nachdem ihm die Flucht aus dem Ghetto gelang und er Unterschlupf in einer Hundehütte gefunden hatte, wurde er gefasst und kam in ein Konzentrationslager, wo er Zwangsarbeit leisten musste.

Nach der Befreiung durch US-amerikanische Soldaten und dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging Rozenboim als 25-Jähriger nach Israel, gründete dort eine Familie und malte die Schrecken, er durchlitten hatte. Am Ende seines Lebens fasste er den Flug einer Friedenstaube in die Freiheit in ein Gedicht. Shai Hod betonte: „Die Hoffnung, die mein Großvater am Ende seines Lebens fand, war kein Vergessen. Es war die Befreiung, die das Erinnern gewährt.“

Musikalisch äußerst einfühlsam umrahmt wurde die Veranstaltung von dem Kölner Professor Igor Epstein mit seiner Geige, ebenfalls ein Nachkomme eines KZ-Überlebenden. Frank Bohlscheid, Vorsitzender der Oberbergischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, unterstrich, dass das demokratische System derzeit von inneren und äußeren Kräften bedroht sei: „Zu hoffen, dass es von alleine besser wird, ist eine Illusion. Nur wenn sich viele offen zur Demokratie bekennen, haben wir eine Chance.“


Zur aktuellen Lage in Israel

In einem Gespräch mit dieser Zeitung schilderte Shai Hod, Sicherheitsbeauftragter der Homeland Security in der israelischen Stadt Mateh Yehuda, dass die letzten Monate die Bevölkerung in der Partnerstadt von Nümbrecht schwer traumatisiert haben. Zwar gebe es derzeit keine Raketenangriffe mehr, doch sei eines der Hauptthemen in Israel die Vorbereitung auf einen weiteren Angriff aus dem Iran. Die Bürger bewegten sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wiederaufbau eines normalen Alltags und der Bewältigung des erlittenen Traumas: „Der posttraumatische Stress ist enorm hoch“, konstatierte der Gast aus Israel. Viele Menschen hätten die Erlebnisse noch nicht richtig realisieren können.

In den vergangenen zwei Jahren seien rund 40.000 Raketen auf Israel abgefeuert worden. Zudem sei der Grenzbereich des Staates Israel zu Libanon und Syrien ein brodelnder Kessel: „Wir arbeiten an einem Leben für eine bessere Zukunft und wir beten für den Frieden“, sagte Hod.

Der aktuelle Zustand sei schrecklich und kaum zu ertragen: „Wir müssen da unbedingt herauskommen.“ Vor der Eskalation habe es einen regen grenzüberschreitenden Verkehr in die Nachbarländer gegeben: „Ich wünsche mir, eines Tages wieder ganz in Ruhe eine Tasse Kaffee in Damaskus trinken zu können.“