HistorieVerkehrsgarten ist in Waldbröl auch heute noch ein schönes Stück Kindheit

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Dieses Foto des Waldbröler Verkehrsgartens stammt wohl aus dem Jahr 1964. Darauf zu sehen sind Marianne Schneider (Zweite von links, dunkle Jacke) und ihre Schulklasse.

Dieses Foto des Waldbröler Verkehrsgartens stammt wohl aus dem Jahr 1964. Darauf zu sehen sind Marianne Schneider (Zweite von links, dunkle Jacke) und ihre Schulklasse.

Die Schilder sind rostig, schmutzig und stark verwittert, die Farbe ist längst abgeblättert. Und manches der 17 Verkehrszeichen ist kaum noch zu erkennen. Auf den Gehwegen hat sich das Moos breitgemacht, auf dem holprigen Asphalt winden sich weiße Linien, etliche Löcher klaffen darin und die Strecke ist unterwegs kaum zu erkennen. Der Waldbröler Verkehrsgarten hat bessere Zeiten erlebt. Schief hängt das Tor in den Angeln des Gitterzauns. Doch in Vergessenheit geraten ist das Gelände an der Oststraße nicht, im Gegenteil. Tausende von Kindern und Jugendlichen aus dem Süden Oberbergs üben da das Fahrradfahren und lernen, wie sie sich sicher im Straßenverkehr bewegen.

In Oberberg ist die Stadt Waldbröl die erste Kommune, die einen solchen Übungsplatz besitzt

Eröffnet wird der Verkehrsgarten am 21. Oktober 1963 unter Bürgermeister Hans Horn. Damals darf sich Waldbröl rühmen, den ersten Verkehrsgarten in Oberberg zu haben. Im Juni 1964 weiht Gerhard Kienbaum, Landesminister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr in Gummersbach den zweiten ein. Wahrscheinlich später bekommt dann auch Bergneustadt einen. Dieser ist, ebenso wie der in der Marktstadt, heute noch erhalten. Es ist die Zeit, als Waldbröl 14 Volksschulen hat, zudem die Hollenbergschule, die Realschule und eine Sonderschule, so die Bezeichnung damals. Die Verkehrsfibeln heißen „Peter und Uschi auf der Straße“ und „Hört auf den Rat der Polizei“, zu hunderten lässt die Landesregierung die kunterbunten Gratis-Hefte auch an Oberbergs Nachwuchs verteilen.

Denn viel zu viele Kinder finden bundesweit auf den Straßen den Tod. Die Verkehrserziehung gehört fest zum Stundenplan, es geht hinaus an die frische Luft und in Waldbröl eben in den Verkehrsgarten. Und am Ende gibt’s auf dem Fahrrad sogar eine Prüfung: 70 Punkte sind ein „Sehr gut“, die Note wird auch ins Schulzeugnis geschrieben.

„Da haben wir strammgestanden, denn für die Prüfung kam ein echter Polizist“, erinnert sich Sabine Behnke-Ludwig an ihre Zeit an der nahen Wiedenhofschule. Die 56 Jahre alte Kauffrau aus der Ortschaft Hufen ist eine von vielen, denen der einst beliebte Verkehrsgarten in bester Erinnerung geblieben ist – und die dort gerne wieder Kinder ihre Runden fahren sähe. „Dort zu üben war damals nicht nur spektakulär für uns, sondern auch sehr wichtig“, urteilt Behnke-Ludwig über die Verkehrserziehung und verrät: „Es gab ein Loch im Zaun, durch das wir geschlüpft sind, um auch heimlich zu spielen oder Fahrrad zu fahren.“

Kalle Mülling aus Marienheide, heute Vorsitzender der Verkehrswacht Oberberg, war einer der Polizeibeamten, die in Waldbröl Kindern die Fahrrad-Prüfung im Verkehrsgarten abnahmen.

Kalle Mülling aus Marienheide, heute Vorsitzender der Verkehrswacht Oberberg, war einer der Polizeibeamten, die in Waldbröl Kindern die Fahrrad-Prüfung im Verkehrsgarten abnahmen.

Karl-Friedrich – „Kalle“ – Mülling ist einer der Polizeibeamten, die mit Argusaugen hinschauen, wenn kleine Leute auf der gut 3500 Quadratmeter großen Anlage in den Sattel klettern. 1978 ist er von Köln nach Gummersbach versetzt worden, 1982 übernimmt er auch in Waldbröl die Verkehrserziehung. Hunderte von Kindern schickt er über den Parcours: „Bis es hieß, Kinder sollten nicht mehr auf einem solchen Platz und damit einem geschützten Raum, sondern mitten im richtigen Verkehr das Radfahren lernen“, blickt der 72-Jährige aus Marienheide zurück.

Oberbergs Verkehrswacht würde der Stadt Waldbröl auch finanziell unter die Arme greifen

Heute ist er Vorsitzender der Verkehrswacht Oberberg und findet: „Die Anlage ist doch gut, man sollte sie wieder nutzen. Eltern könnten sie in Patenschaften pflegen.“ Und sollte sich Waldbröls Rathaus entscheiden, wieder Leben in den Verkehrsgarten zu bringen, werde die Verkehrswacht das unterstützen, „auch bei der Finanzierung“.

Marianne Schneider, bald 74 Jahre alt, kennt das Gelände seit dem Beginn. Ein Foto zeigt die Waldbrölerin mit anderen Jugendlichen, sie sind startklar für eine Übungsstunde. „Das Bild muss von 1964 sein. Ich erkenne es an meiner Frisur“, sagt Schneider. „Ich erinnere mich gut daran, dass dort richtig funktionierende Ampeln standen. Der Park war eingezäunt und verschlossen.“

Auf Einladung dieser Zeitung haben sich Sabine Ludwig-Behnke (von links), Daniela Saynisch, Thomas Braatz und Reinhard Grüber im Verkehrsgarten zum Schwelgen in Erinnerungen getroffen. Unser Foto zeigt die Gruppe auf dem Gelände und einem der Verkehrszeichen dort.

Auf Einladung dieser Zeitung haben sich Sabine Ludwig-Behnke (von links), Daniela Saynisch, Thomas Braatz und Reinhard Grüber im Verkehrsgarten zum Schwelgen in Erinnerungen getroffen.

Wer ihn nutzen möchte, der erhält den Schlüssel bei Gerhard Kattwinkel, der gegenüber wohnt. Seit 1960 ist der Mann Wächter über den Wiedenhofpark nebenan, für die neue Aufgabe überweist ihm die Stadt fortan zehn D-Mark pro Monat – bis 1972: Das Rathaus lässt zehn Schlüssel fertigen und an die Schulen verteilen, damit diese selbst aufschließen.

Denn schon 1967 berichtet diese Zeitung von „einer mangelnden Nutzung der Verkehrsgärten in Gummersbach und Waldbröl“. Grund dafür sind der Umzug der Verkehrserziehung auf die echte Straße, auch Beschädigungen sind ein Problem – und nicht nur die: Diebstähle beschäftigen ebenfalls die Verwaltung. Im Oktober 1964 vermisst Stadtoberinspektor Karl Stentenbach „vier Schläuche und einen Reifen“. In einem Rundbrief an die Schulen fordert er dazu auf, den Verbleib dieser Dinge zu klären: „Da die Fahrzeuge ständig unter Verschluß sind, muß angenommen werden, daß die Entwendung während der Zeit erfolgt ist, zu der die Kinder Zutritt zu den Fahrzeugen hatten.“ Alle Fahrzeuge parken in einem Schuppen, von diesem zeugt inzwischen nur noch eine Betonplatte am Rand.

Die mobilen Verkehrsgärten schaden auch dem Übungsplatz in Waldbröl zusehends

Ebenso setzt das Aufkommen mobiler Verkehrsgärten den bestehenden Anlagen zu: Präsentiert wird der erste für Oberberg im Juli 1967 ausgerechnet in Waldbröl und dort im Berghotel der Familie Barth an der Denkmalstraße, bestückt hat ihn der Mineralölkonzern Shell: Sechs Tretautos, sechs Fahrräder, 42 Schilder und eine Kreidestreumaschine gehören zum Inventar – die knuffigen Autos heißen fortan „Shell-Autos“, später auch „Go-Karts“ und noch später „Kettcars“.

Ausrichter der Fahrradprüfungen ist die Verkehrswacht – im November 1973 berichtet diese Zeitung, dass kreisweit daran 6000 Kinder teilgenommen haben. Und ganz im Geiste der Zeit titelt sie: „Schöne Preise für die Autofahrer von morgen“. Denn die Verkehrswacht lässt sich nicht lumpen, für die Besten lobt sie hochwertige Sachpreise aus und im Ponyhotel Knotte, Wiehl-Hübender, gibt es sogar einen Festakt.

„Die Mädchen bekamen einen Taschenrechner, wir Jungs ein Radio in der Form eines Oldtimers – ein eher doofes Spielzeug“, schildert Christoph Herrmann. Heute lebt der 57 Jahre alte Redakteur der Stiftung Warentest in Berlin, in der früheren Heimatstadt Waldbröl ist er aber gelegentlich anzutreffen. „Da sehe ich mit Bedauern, was aus dem Platz geworden ist – es wäre eine gute Sache, wenn sich jemand darum kümmern würde.“ Zu seiner Zeit reicht es bereits nicht mehr, in die Pedale zu treten: Seit 1978 gibt es auch eine theoretische Prüfung. „Großer Aufwand also, vor der Prüfung haben wir im Verkehrsgarten sicher fünf-, sechsmal geübt, manchmal heimlich.“

Waldbröler Vater nutzt mit seinen drei Kindern das Gelände an der Oststraße ebenfalls zum Üben

Der Nümbrechter Mike Vorländer lebt seit 20 Jahren in der Marktstadt und blickt zurück: „Wir wurden mit einem Bus von der Grundschule in Nümbrecht nach Waldbröl gefahren, um dort auf den Übungsplatz zu kommen. Die Schilder dort wurden immer wieder umgesteckt, also war die Vorfahrtsstraße plötzlich ganz woanders auf dem Platz.“ Der 44 Jahre alte Unternehmer ist Vater von drei Kindern und hat mit ihnen ebenso dort viele Male geübt.

Während ihrer Prüfung sei sie mal falsch abgebogen, gesteht derweil Daniela Saynisch, auch weiß die 50 Jahre Geschäftsfrau aus Waldbröl noch, dass sie ihre liebe Mühe hatte mit den Fahrrädern: „Ich fand die damals irgendwie schrottig – und es war ja auch nicht der gewohnte eigene Drahtesel.“ Im Mai 1980 sitzt auch Thomas Braatz fest im Sattel – er besteht, wie das Zeugnis des heute 55 Jahre alten Einzelhandelskaufmanns aus der vierten Klasse belegt, auch wenn ihm recht bange gewesen sei: „Leider finde ich den Fahrradausweis von damals nicht mehr.“

Von Thomas Braatz aus Waldbröl stammt das Schulzeugnis mit dem Vermerk der bestandenen Radfahr-Prüfung im Mai des Jahres 1980.

Von Thomas Braatz aus Waldbröl stammt das Schulzeugnis mit dem Vermerk der bestandenen Radfahr-Prüfung im Mai des Jahres 1980.

In späterer Zeit nutzen wohl nur noch die Roseggerschule und die Grundschule Wiedenhof den Verkehrsgarten für Übungsstunden. So ist dort etwa die Mofa-AG der Förderschule unterwegs: Die besteht nicht mehr. Und Fahrradstunden gebe es nur noch im Stadtgebiet, sagt Konrektorin Kerstin Claus-Ising. Dabei wäre es wünschenswert, einen solchen Platz in der Nähe zu nutzen, überlegt Julia Kolodziej, kommissarische Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Wiedenhof. Aber: „Der Zustand hält uns davon ab.“

Dort, wo heute noch der Verkehrsgarten ist, da war in Waldbröl einst ein großer Teich

Gekostet hat der Verkehrsgarten übrigens 61.884 D-Mark und 67 Pfennige – das geht aus einer Anfrage der Stadt Siegburg hervor, die sich in den Dokumenten zu der Anlage findet, die Waldbröls Stadtarchivar Volker Wetzler jüngst zusammengetragen hat. 50.000 D-Mark kommen indes als Förderung aus der Landeskasse. Bevor gebaut werden kann, muss Wasser verschwinden: „Vorher waren dort drei Teiche – der größte war da, wo der Verkehrsgarten ist“, erinnert sich der Ur-Waldbröler Reinhard Grüber (84). Fahrlehrer ist er von Beruf gewesen und hat in den 1970ern katholischen Jugendgruppen dort Verkehrsunterricht erteilt.

Dass es den Verkehrsgarten heute noch gibt, ist auch dem Scheitern von Plänen im Dezember 1972 geschuldet, das Gelände einem privaten Pächter aus der Ortschaft Bröl zu übergeben, damit dieser darauf Minigolf-Schikanen bauen kann: Der Vertrag dafür schlummert ebenfalls im Archiv, die Unterschriften fehlen. Auch das Vorhaben, in Waldbröl eine Jugendverkehrsschule einzurichten, sind da längst vom Tisch.


Was geschieht mit dem Verkehrsgarten?

In Vergessenheit geraten ist das Gelände an der Oststraße auch im Rathaus nicht. „Wir haben es auf der Agenda“, versichert Bürgermeistermeisterin Larissa Weber. „Zurzeit planen wir, den Verkehrsgarten als Verkehrsübungsplatz zu erhalten.“ Einen Zeitplan oder gar erste Entwürfe gibt es aber noch nicht.

Gleichwohl liegt der Rathauschefin dieser besondere Ort am Herzen: „Waldbröl entwickelt sich zu einer fahrradfreundlichen Stadt, deswegen ist der Verkehrsübungsplatz für Kinder optimal, um schon von klein auf und in einem geschützten Bereich das Laufrad- und Fahrradfahren zu erlernen, zu üben und die ersten Verkehrsregeln zu lernen.“ Auch liege der Platz „schön zentral, in der Nähe von Kindergarten, Grund- und Förderschule“. Weber: „Familien könnten ihn ebenfalls nutzen.“ Rudolf Bergen, Klimaschutz- und Mobilitätsmanager der Marktstadt, habe das Thema bereits auf dem Tisch.

Mobilitätsmanager Bergen, heute 34 Jahre alt und Ende der 1990er Jahre Viertklässler der Grundschule am Wiedenhof, hat selbst etliche Runden dem Platz gedreht, etwa zur Vorbereitung auf die Radfahr-Prüfung: „Mich hat es damals fasziniert, endlich mal im ,richtigen‘ Straßenverkehr Fahrrad zu fahren. Die Chance, selbstständig an Ampeln, Kreuzungen und mit Verkehrszeichen zu üben, war einmalig und eines meiner Highlights.“

Auch habe er in jener Zeit seine Leidenschaft für die Mobilität und den Straßenverkehr entdeckt. Heute, nach einem Studium des Verkehrsingenieurwesens und als Mobilitätsmanager der Stadt Waldbröl, finde er es wertvoll, den Übungsplatz perspektivisch für weitere Generationen aufzuwerten und in Schuss zu halten: „Vor allem mit Blick auf die Sicherheit unserer Kinder im Straßenverkehr.“

Für die Fraktion der SPD im Stadtrat kündigt der Stadtverordnete Frank Marmor an, seine Partei werde sich dafür einsetzen, dass bereits 2025 Geld im Haushalt bereitsteht, um den Platz zu ertüchtigen und in seiner alten Funktion zu erhalten: „Dafür sind keine großen Mittel notwendig.“ Mit dem Spielplatz nebenan und dem bald neugestalteten Wiedenhofpark ergebe sich dort eine „grüne Stadtecke“, führt Marmor aus.

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