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Fragen und AntwortenWorum es im Kirchenstreit von Bergisch Gladbach wirklich ging

Lesezeit 8 Minuten
Eine Frau sitzt alleine in der Kirche St. Laurentius in Bergisch Gladbach.

Gehen oder bleiben? An der Art und weise, wie in Bergisch Gladbachs katholischer Kirche eine neue Pastorale Einheit eingerichtet werden soll, hat sich eine heftige Auseinandersetzung entzündet.

Scharfer Protest, Rücktrittsforderungen und Wut. Die wichtigsten Fragen, Antworten und weitere Hintergründe zur Krise in der katholische Kirche von Bergisch Gladbach.

Offener Protest, Rücktrittsforderungen an Kreisdechant und Erzbischof, in Tränen ausbrechende Gemeindemitglieder, dann der Rücktritt des Kreisdechant vom Modellprojekt zum 1. März – und die Kehrtwende aus Köln. Die Auseinandersetzung zwischen katholischen Kirchengemeinden in Bergisch Gladbach und dem Erzbistum hatte sich an der Verkündung eines „Modellprojekts“ für eine größere Pastorale Einheit, die das gesamte Stadtgebiet umfasst, entzündet. Wir fassen zusammen, was dahinter steckt.

Was ist die Pastorale Einheit Bergisch Gladbach, um deren Einführung gerungen wird?Angesichts zurückgehender Zahlen von Priestern, aber auch von Gemeindemitgliedern hat die katholische Kirche im Erzbistum Köln bereits vor mehreren Jahren ein Projekt gestartet, um Kirchengemeinden zu größeren Einheiten zusammenzufassen.

In einem Prozess unter dem Titel #ZusammenFinden, in dem auch die Gremien der Gemeinden beteiligt wurden, haben sich im vergangenen Jahr vier der fünf katholischen Seelsorgebereiche im Gebiet der Stadt Bergisch Gladbach für eine vom Erzbistum vorgeschlagene größere Pastorale Einheit Bergisch Gladbach ausgesprochen, das heißt: eine Einheit, in der alle fünf Gemeinden unter Leitung eines Pastoralteams mit Priestern, Pastoral- und Gemeindereferenten zusammengefasst würden.

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Dabei hatten insbesondere Refrath/Frankenforst und Bergisch Gladbach-West gleich kritische Fragen zum konkreten „Zusammenfinden“ im zweiten Schritt des Prozesses mit nach Köln geschickt. Die Gemeinden in Bensberg (St. Nikolaus) und Moitzfeld (St. Joseph) hatten sich außer Stande gesehen, ein Votum abzugeben, weil darin „sehr wesentliche Themen für die Zukunft der Gemeinden, unter anderem zur Seelsorge . . . nicht enthalten“ seien. Die beiden Gemeinden haben bereits seit der Versetzung ihres Pfarrers Andreas Süß nach Neuss im Sommer 2021 keinen eigenen leitenden Pfarrer mehr.

Auch nachdem das Erzbistum das für den 1. März geplante Modellprojekt am Freitag (3. Februar) abgesagt hat, soll in Gesprächen mit den Gemeinden ausgelotet werden, ob es ein neues Modellprojekt zu einem späteren Zeitpunkt geben kann.

Was die Gemeindemitglieder und auch einige Seelsorger so verärgert?Am Wochenende des 14./15. Januar hat das Erzbistum per Verkündungsschreiben (Proklamandum) in den Gottesdiensten angekündigt, dass bereits zum 1. März ein „Modellprojekt“ in Bergisch Gladbach umgesetzt werde. In dem sollen die eigentlich erst für den Herbst angekündigten Zusammenfassungen vorgezogen werden.

Zugleich wurde bereits über das Personal entschieden und verkündet, dass die Pfarrer von Refrath/Frankenforst (Winfried Kissel) und Paffrath/Hand/Schildgen (Seelsorgebereich Bergisch Gladbach-West, Wilhelm Darscheid) bereits zum 1. März ihren Verzicht auf ihr Amt als leitender Pfarrer erklären und Kissel dann sofort seine Pfarrei verlassen, Darscheid nach einer Übergangszeit als Subsidiar Ende November anderenorts eine neue Leitungsaufgabe übernehmen sollen.

Auch in der Pfarrei St. Laurentius protestieren Ehrenamtler, einige Kommunionhelfer und Lektoren sind übergangsweise in einen „stillen Streik“ getreten.

Warum haben die Gemeinden in dieser Schärfe protestiert, wenn sie doch am Prozess #ZusammenFinden beteiligt waren?Weil ihnen zum einen zuvor stets zugesichert wurde, sämtliche Veränderungen würden erst im September erfolgen und über Personalfragen werde erst zum Schluss entschieden.

Zum anderen wurde auch das „Modellprojekt“ Bergisch Gladbach lediglich durch die Verkündung in den Gottesdiensten per sogenanntem „Proklamandum“ bekanntgegeben. Insbesondere angesichts des Prozesses, der das gemeinsame „Zusammen-Finden“ der neuen Struktur im Namen trug, fühlen sie sich vor vollendete Tatsachen gestellt und zudem mit aus ihrer Sicht falschen Personalentscheidungen konfrontiert.

Sowohl Winfried Kissel als auch Wilhelm Darscheid genießen in ihren Gemeinden ein hohes Ansehen und haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Veränderungen, darunter auch einige Einsparmaßnahmen, gemeinsam mit ihren Gemeindemitgliedern umgesetzt.

Wo sind die Entscheidungen getroffen worden, die zahlreiche Menschen In Bergisch Gladbach derart verärgert haben?Das Erzbistum und auch Kreisdechant Norbert Hörter, der als Pfarrer der Stadtpfarrei St. Laurentius eigentlich die Leitung des neuen Seelsorgeteams übernehmen sollte, sagten, dass die Personal- und Modellprojektentscheidungen im Generalvikariat des Erzbistums getroffen worden seien, wo es eigens für die Bildung der neuen pastoralen Einheiten eine eigene Hauptabteilung gibt.

Deren Leiter Markus Bosbach befand sich im Januar allerdings nicht im Dienst und hatte daher erst im Februar Stellung dazu bezogen, im Wesentlichen dabei eingeräumt, was bereits der eingeschaltete Erzbischof zugegeben hatte: Dass Fehler im erzbischöflichen gemacht worden seien. Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki hatte sich am Dienstagabend nach dem am Wochenende zuvor der Protest auf das Proklamandum offen ausgebrochen war, schriftlich zu Wort gemeldet. Dabei wurde er so zitiert, dass er bis dahin nicht mit der Entscheidung zum Modellprojekt Bergisch Gladbach befasst gewesen sei.

Warum haben Gemeindemitglieder bei der Pfarrversammlung in Refrath auch den Rücktritt von Kreisdechant Norbert Hörter gefordert?Der Kreisdechant hatte zwar im Interview mit dieser Zeitung am Montag nach dem Proklamandum erklärt, er sei lediglich gefragt worden, ob er die Leitung des Modellprojekts übernehme, habe aber mit den Personalentscheidungen nichts zu tun und wisse auch nicht, was mit den Pfarrern Darscheid und Kissel im Generalvikariat besprochen worden sei.

Dass er allerdings komplett unbeteiligt daran sei, nahmen ihm zahlreiche Gemeindemitglieder nicht ab, zumal er bereits in der Vorbereitung des Prozesses zur Neustrukturierung der Seelsorgeeinheiten auf Erzbistumsebene (Pastoraler Zukunftsweg) eine zentrale Aufgabe in der Leitung eines Arbeitsfeldes innehatte.

Warum hatte Kreisdechant Norbert Hörter sich nicht den Fragen und der Kritik der Gemeindemitglieder vor Ort beispielsweise in der Pfarrversammlung in Refrath gestellt?Das ist eine gute Frage, die sich viele Betroffene und Beobachter gestellt haben. Im Interview mit dieser Zeitung im Vorfeld der Pfarrversammlung hatte er angekündigt, die Gemeinde müsse erstmal mit sich selbst besprechen, wie sie verfahren wolle. Auf die Nachfrage, ob er nicht meine, dort Wogen glätten zu können, hatte Hörter gesagt, man werde sich im neuen Pastoralteam weitere Schritte überlegen.

Nach der Pfarrversammlung allerdings hat er dann auf erneute Anfrage der Redaktion gesagt, er habe an der Pfarrversammlung nicht teilgenommen, weil er nicht eingeladen gewesen sei.

Warum bedarf es überhaupt eines vorgezogenen „Modellprojekts“?Kreisdechant Hörter hat seine Bereitschaft, ein solches „Modellprojekt“ zu übernehmen damit begründet, dass man dadurch personelle und finanzielle Mittel für die Einrichtung der neuen Pastoralen Einheit habe, die im regulären Prozess später nicht mehr allen zur Verfügung ständen. Aus diesem Grund hat er das „Modellprojekt“ auch als Chance bezeichnet.

Am Freitag (3. Februar) war bekannt geworden, dass Hörter bereits am 26. Januar gegenüber dem Erzbistum erklärt hatte, für die Leitung des Seelsorgeteams in einem zum 1. März startenden „Modellprojekts“ Bergisch Gladbach nicht zur Verfügung zu stehen.

Grundsätzlich liegt den Verantwortlichen daran, die Schaffung neuer Strukturen erst einmal an einem Beispiel, einem „Modellprojekt“, auszuprobieren, um aus den Erfahrungen für die Umsetzung im restlichen Erzbistum zu lernen.

Warum wurde für das „Modellprojekt“ ausgerechnet Bergisch Gladbach ausgewählt?Eine offizielle Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Allerdings bieten einige Rahmenbedingungen Anhaltspunkte dafür, warum die Verantwortlichen im Erzbistum Bergisch Gladbach ausgewählt haben: Zum einen ist hier der regionale Kreisdechant der leitende Pfarrer der zentralen Stadtpfarrei.

Zum anderen hat Norbert Hörter insbesondere durch seine Arbeit in leitenden Aufgaben bei dem bereits vor mehreren Jahren gestarteten Projekt „Pastorale Zukunftsweg“ eine erhebliche Vorerfahrung mit den Zielen der Zusammenfassung von Pfarreien zu größeren Einheiten.

Nicht zuletzt pflegt er ein gutes Verhältnis zum Personalchef des Erzbistums Mike Kolb, der als Diözesanjugendseelsorger und Rektor von Haus Altenberg (2006 bis 2016) lange im rheinisch-bergischen Kreisdekanat tätig war.

Warum sollten die leitenden Pfarrer in Bergisch Gladbach-West und Refrath überhaupt Bergisch Gladbach verlassen?Ein Ziel der Neustrukturierung der Pastoralen Einheiten ist ja gerade, dass angesichts der zurückgehenden Priesterzahlen doch in allen Pastoralen Einheiten im Erzbistum wieder mindestens ein Pfarrer vor Ort ist. Die Pfarrer aus Refrath/Frankenforst und Bergisch Gladbach-West sollten daher – laut Erzbistum – anderenorts leitende Aufgaben übernehmen, wo Stellen derzeit vakant sind.

Nach Absage des Modellprojekts zum 1. März dürfen die beiden Seelsorger vorerst bleiben, perspektivisch, so das Erzbistum am 3. Februar, sei jedoch für die Pastorale Einheit Bergisch Gladbach lediglich ein leitender Pfarrer an der Spitze eines Seelsorgeteams vorgesehen.

Wo sollen die Pfarrer aus Refrath/Frankenforst und Bergisch Gladbach-West künftig eingesetzt werden?Dazu hat sich das Erzbistum bislang nicht geäußert. Auch die Betroffenen sagen, dass ihnen das noch nicht mitgeteilt sei.

Geht denn die Rechnung des Erzbistums mit der „Personalverschiebung“ auf?Nach dem Proklamandum vom 14./15. Januar sah es nicht danach aus. Pfarrer Kissel hatte angekündigt, sich erst einmal eine Auszeit nehmen zu wollen, Pfarrer Darscheid wollte und durfte eine Doktorarbeit fertigstellen. Grundsätzlich ist fraglich, wie sich derart vor den Kopf gestoßene Mitarbeitende wie die beiden Pfarrer künftig einsetzen lassen oder ob dadurch nicht am Ende nur weitere Personalausfälle bewirkt werden.

Wie geht es jetzt weiter?Mit der Rücknahme des Proklamandums vom 14./15. Januar erklärte Monsignore Markus Bosbach, der Leiter Hauptabteilung Entwicklung Pastorale Einheiten, dass die betroffenen Pfarrer zwar vorerst auch über den 1. März hinaus im Amt bleiben, in der „zukünftigen Personalplanung“ werde es jedoch „wie im gesamten Erzbistum Köln“ auch in Bergisch Gladbach „perspektivisch“ nur einen Pfarrer und ein Personalteam geben, so Monsignore Bosbach in seiner „Verlautbarung“ vom Freitag, 3. Februar, ein.

Allerdings sei der Zeitpunkt „noch nicht festgelegt“. Was dies für die kommenden personellen Konstellationen in Bergisch Gladbach bedeute, werde „auf der Basis der anstehenden Diskussionen mit den Gremien und deren Voten geplant und in Abstimmung mit den einzelnen Seelsorgerinnen und Seelsorgern in Gesprächen kommuniziert“, sicherte Bosbach zu.

Bis zu den Sommerferien sollen sich die Seelsorgebereiche per Votum entscheiden können, ob sie für oder gegen die Teilnahme an einem neuen Modellprojekt zu einem späteren Zeitpunkt sind.

Die letzte Entscheidungsgewalt darüber haben die Verantwortlichen im Erzbistum, in letzter Instanz erneut Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki.

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