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„Das Geld fehlt“
Was Rhein-Bergs Landrat Arne von Boetticher (CDU) für das kommende Jahr plant

5 min
Landrat Arne von Boetticher sitzt in seinem Büro an einem Tisch.

Arne von Boetticher spricht über Finanznot, Verantwortung und was jetzt auf die Bürger zukommt.

Im Gespräch erzählt der Landrat, wie seine ersten Wochen liefen und was er sich für 2026 in Rhein-Berg vorgenommen hat.

Seit wenigen Wochen ist Arne von Boetticher (42) Landrat des Rheinisch-Bergischen Kreises – und bereits mitten in einer dichten Themenlage. Über Haushaltsnot, Katastrophenschutz, Nahverkehr, den Spagat zwischen Sparzwang und Modernisierung sowie seine Ziele für 2026 haben Oliver Wahl und Guido Wagner mit ihm gesprochen.

Herr von Boetticher, wie sind Sie im Kreishaus gestartet?

Sehr gut. In den ersten Wochen habe ich mich stark auf die Verwaltung konzentriert. Ich bin sehr herzlich und kollegial aufgenommen worden und habe viel Unterstützung erfahren.

Mit welchem Thema haben Sie sich zuerst beschäftigt?

Das allererste Thema weiß ich ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau. Es ging vom ersten Tag an mit vielen Themen gleichzeitig los – ich müsste im Mailverkehr nachschauen.

Was macht Ihnen am meisten Freude im neuen Amt?

Die Begegnungen, Gespräche mit Bürgermeistern, Treffen mit engagierten Menschen im ganzen Kreis, persönliche Anliegen – diese Vielfalt ist enorm spannend. Deshalb freue ich mich auch auf die erste Bürgersprechstunde. Ich will wissen, was die Menschen umtreibt.

Was war schwieriger als gedacht?

Nicht einzelne Themen, sondern die Dichte. Die Vielzahl an Terminen und Inhalten ist anspruchsvoll. Vieles kannte ich aus dem Wahlkampf, aber nicht in der Tiefe, die jetzt erforderlich ist.

Gab es positive Überraschungen?

Ja, die große Offenheit der Kolleginnen und Kollegen. Es gibt eine echte Bereitschaft für frische Ideen und neue Wege.

Wie führen Sie eine Verwaltung mit rund tausend Mitarbeitenden?

Transparent, wertschätzend und auf Augenhöhe. Ich erwarte Eigenverantwortung und Initiative. Als Landrat kann ich nicht alles selbst wissen oder entscheiden. Ich vertraue darauf, dass jeder seine Arbeit gut macht. Bei zentralen Themen gebe ich allerdings die Richtung vor und entscheide selbst.

Wie kommt das an?

Ich nehme wahr, dass sich viele über den frischen Wind freuen und dass das motiviert.

Was ist die größte Herausforderung 2026?

Ganz klar die Finanzen. Wenn ich an Herausforderungen denke, sehe ich zuerst das besorgte Gesicht meines Kämmerers. Das Geld fehlt überall. Trotzdem wollen wir die Verwaltung serviceorientierter, digitaler und effizienter machen – und genau das ist der Spagat.

Dem Kreis geht es also ähnlich finanziell schlecht wie den Städten und Gemeinden?

Ja. Die Haushaltslage ist desaströs. Bund und Land übertragen den Kommunen immer mehr Aufgaben, ohne sie ausreichend zu finanzieren. Gleichzeitig steigen etwa die Sozialausgaben stark. Unser Eigenkapital beim Kreis ist 2029 nahezu aufgebraucht.

Das der Kommunen ist in der Regel längst aufgebraucht. Was heißt das nun für den Kreis konkret?

Der Kreistag hat beschlossen, bis 2029 insgesamt 85 Millionen Euro einzusparen – das ist außergewöhnlich. Zusätzlich müssen wir jährlich weitere fünf Millionen Euro einsparen, um die Städte und Gemeinden nicht noch stärker zu belasten.

Allein schafft das der Kreis nicht.

Nein. Am besten sparen wir gemeinsam. Dafür brauchen wir eine engere Zusammenarbeit mit den Kommunen. Wir müssen ehrlich prüfen, wo wir Dinge zusammenlegen oder effizienter machen können.

Was wäre da denkbar?

Es gibt viele Verwaltungsbereiche, in denen der Kreis und die Kommunen stärker zusammenarbeiten könnten. An Auftragsvergaben denke ich da zuerst, aber nicht nur. Im Oberbergischen zum Beispiel gibt es einen gemeinsamen Bauhof.

Gibt es dafür denn in Rhein-Berg Rückhalt bei der Bürgermeisterin und den Bürgermeistern?

Ich nehme eine große Offenheit wahr. Alle stehen unter Haushaltsdruck. Jetzt geht es darum, die Möglichkeiten der Zusammenarbeit gemeinsam auszuloten und zu konkretisieren.

Sie bringen Erfahrung aus Rettungsdienst, Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Was hilft Ihnen heute am meisten?

Vor allem meine Verwaltungserfahrung aus der Staatsanwaltschaft und der Ministerialverwaltung. Ich weiß, wie Verwaltung funktioniert. Und durch Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei habe ich einen engen Bezug zu diesen Bereichen und den Menschen, die dort tätig sind.

Was möchten Sie bis Jahresende erreicht haben?

Kein einzelnes Projekt, die meisten Projekte laufen langfristig. Aber ich möchte sagen können: Ich bin dem Vertrauen der Wählerinnen und Wähler gerecht geworden.

Katastrophen- und Zivilschutz sind wieder präsenter denn je.

Leider ja. Wir planen ein zentrales Katastrophenschutzlager für den Kreis. Außerdem haben wir Hilfsorganisationen stärker in unsere Einsatzkonzepte eingebunden und gezielt Qualifikationen, etwa für die Wasserrettung, gefördert.

Und der Rettungsdienst?

Dort haben wir viel weiterentwickelt, etwa beim Einsatzplan für den Massenanfall von Verletzten. Krisenmanagement bekommt insgesamt eine neue Bedeutung. Auch der Verteidigungsfall muss wieder mitgedacht werden – darauf stellen wir den Krisenstab neu ein.

Beim Verkehr sollen mit der Neuaufstellung des Nahverkehrsplans Angebot und Kosten zugleich verbessert werden. Wie soll das gehen?

Das ist schwierig, aber notwendig. Wir überprüfen das gesamte Busnetz und denken die Anbindung an Schiene und Radverkehr mit. Der neue Nahverkehrsplan soll bis Mitte 2028 fertig sein.

Was soll Ende 2026 spürbar anders sein?

Veränderung ist kein Wert an sich. Ich arbeite daran, dass sich die Lebensverhältnisse der Menschen – soweit der Kreis darauf Einfluss hat – verbessern. Ein Beispiel sind hier die Regionale 2025 – Projekte, die nun nach und nach sichtbar werden. Dazu gehören unter anderem der Gleispark auf dem Zanders-Areal oder der Grüne Mobilhof.

Liegt der Grüne Mobilhof im Plan?

Nach aktuellem Stand ja. Der Spatenstich für die Wasserstoffinfrastruktur ist für dieses Frühjahr geplant, die Inbetriebnahme für 2027.

Wovor haben Sie persönlich den größten Respekt?

Vor der Vielzahl der Anforderungen, die dieses Amt mit sich bringt.

Wie gelingt bei all dem die Balance zur Familie?

Durch klare Zeitstrukturen und bewusste Freiräume. Außerdem werde ich bei vielen Terminen von meinen vier Stellvertretern unterstützt.

Wenn Sie noch einmal neu starten könnten – würden Sie etwas anders machen?

Nein. Mein Start war gut. Meine Kinder haben mir sogar eine Schultüte gebastelt – das war ein besonderer Moment.

Was finden Ihre Kinder an Ihrem Beruf spannend?

Vor allem die Polizei. Meine Tochter besucht bald mit dem Kindergarten die Polizeiwache in Burscheid und fragte: „Ist das ist die Polizei vom Papa?“

Sie sind nach 14 Jahren der erste Landrat, der wieder im Kreis wohnt, in Leichlingen.

Das ist mir wichtig. Wenn ich mich mit Herzblut für unseren Kreis einsetze, möchte ich auch hier leben. Das stärkt die Identifikation – und für mich fühlt es sich richtig an.

Melden sich Bürgerinnen und Bürger mit konkreten Anliegen?

Ja, vor allem bei Problemen mit der Verwaltung, etwa bei der Ausländerbehörde oder im Baubereich. Das nehmen wir ernst und bearbeiten die Anliegen über die entsprechenden Stellen. Manchmal, wie etwa beim Verkehrslärm, können wir leider nur bedingt helfen, weil wir nicht in erster Linie zuständig sind.

Droht Projekten, die vom Strukturförderprogramm Regionale 2025 gefördert werden, durch die Finanznot der Kommunen auf der Zielgeraden die „Luft“ auszugehen, weil Eigenanteile nicht mehr erbracht werden können?

Nein. Das Abschlussjahr ist gesichert, auch die Zeit danach. Mit der Zukunftsallianz Bergisches Rheinland haben wir zudem eine starke kreisübergreifende Struktur geschaffen. Die Projekte sind Leuchttürme – und zugleich Startpunkte für langfristige Effekte.

Was ist aktuell Ihre wichtigste Aufgabe?

Zuhören, verstehen, wo es hakt – und dann Schritt für Schritt gestalten.

Droht durch Bahn- und Autobahnbaustellen in diesem Jahr ein Verkehrschaos?

Die Lage ist angespannt. Wir arbeiten eng mit unseren Partnern zusammen, haben aber nicht für alles die Zuständigkeit. Beim Schienenverkehr und bei der A4 liegen viele Entscheidungen außerhalb des Kreises.

Zum Schluss: Was prägt das Jahr 2026 insgesamt?

Eine große thematische Bandbreite – von Bildung über Rettungsdienst und Katastrophenschutz bis hin zu Mobilität mit der Fortschreibung des Nahverkehrsplans. Es wird ein anspruchsvolles Jahr.