Ein Feuerwehrsprecher erklärt, warum es auf der Autobahn nach einem Unfall zu Folgeunfällen kommt – und wie man sich richtig verhält.
Unfallort Rhein-ErftNach einem Crash besteht ein gefährliches Zeitfenster für weitere Unfälle

Unfall auf der A1 nahe des Bliesheimer Keuzes. Die Unfallbeteiligten warten schon hinter der Abgrenzung auf Rettungskräfte.
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Dutzende von Kilometern Autobahn, die sich zwischen Bedburg und Wesseling durch den Kreis ziehen. Zigtausende Pendler, die tagtäglich auf diesen Wegen zu ihrem Arbeitsplatz gelangen. Und es vergeht kaum ein Tag, an dem es auf den vielbefahrenen Strecken keinen Unfall gibt. Die meisten enden glimpflich, bleibt es bei Blechschäden und gegebenenfalls leicht Verletzten. Manche jedoch nicht, so wie Anfang Februar auf der A61 bei Bergheim, als drei Insassen eines Mercedes ihr Leben verloren. Aus ungeklärter Ursache war der Wagen gegen eine Betonspundwand geraten und quer auf der Fahrspur zum Stehen gekommen; ein nachfolgender Kleintransporter erfasste ihn, alle drei Insassen starben an der Unfallstelle.
Erfahrungsmäßig ist die Zeit zwischen einem Unfall und dem Eintreffen der Rettungskräfte die gefährlichste Zeit für die am Unfall beteiligten Menschen, aber auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer, die versuchen, noch schnell an der ungesicherten Unfallstelle vorbeizukommen
Noch viele Minuten, bevor Feuerwehr und Polizei an einer Unfallstelle eintreffen, sind diejenigen gefordert, die nicht unmittelbar involviert sind, aber vor allem eins nicht tun dürfen: untätig sein. Ulrich Krämer verhielt sich Anfang Februar bei dem verheerenden Unfall mustergültig. Er löste gezielt einen Stau aus, indem er die Warnblinkanlage einschaltete und bremste die hinter ihm fahrenden Autos aus, bis sie vor der Unfallstelle zum Stehen kamen.
Als Erster vor Ort wollte er den Opfern helfen, stellte aber schnell fest, dass jede Hilfe zu spät kam. Es gibt aber auch Fälle, die gänzlich anders verlaufen. Solche kennt Sebastian Draxl. „Da spielen sich mitunter haarsträubende Szenen ab“, sagt der Sprecher der Feuerwehr Bergheim. So erinnert er sich an einen Einsatz – ebenfalls auf der A61 – vor längerer Zeit. Schon bei der Anfahrt durch die Rettungsgasse konnte er das brennende Auto auf der rechten Fahrspur der A61 sehen.
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Autos fahren an brennendem Pkw vorbei, statt zu helfen
„Erfahrungsmäßig ist die Zeit zwischen einem Unfall und dem Eintreffen der Rettungskräfte die gefährlichste Zeit für die am Unfall beteiligten Menschen, aber auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer, die versuchen, noch schnell an der ungesicherten Unfallstelle vorbeizukommen“, berichtet Draxl. Denn nicht nur Fahrzeugsplitter, Glas und leicht brennbare Betriebsflüssigkeiten könnten auf der Fahrbahn liegen – auch Personen könnten plötzlich die Fahrbahn kreuzen, die sich aus den Unfallfahrzeugen in Sicherheit bringen wollen oder von Ersthelfern gerettet werden. Beim Fahrzeugbrand auf der A61 hatten sich die Insassen bereits selber hinter der Leitplanke in Sicherheit gebracht. Von seinem erhöhten Einsatzfahrzeug aus konnte Draxl gut beobachten, wie der Verkehr vor dem brennenden Pkw ins Stocken geriet. „Doch keiner hielt an – alle fuhren sie auf der linken Spur an dem brennenden Fahrzeug vorbei.“
Um eine Unfallstelle abzusichern, stellen die Feuerwehrleute an solchen Einsatzstellen auch auf der Autobahn ihre Fahrzeuge immer so ab, dass eigentlich kein Wagen mehr vorbeifahren kann – eigentlich. Erste Hilfe ist verpflichtend. „Ich hatte den Türgriff schon in der Hand und die Autotür auch schon einen Spalt geöffnet – dann jedoch routinemäßig in den Rückspiegel geguckt“, berichtet Draxl. Im gleichen Augenblick sei dann mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit noch ein Wagen zwischen den Feuerwehr- und Rettungswagen und dem brennenden Fahrzeug vorbeigerauscht. „Das war ganz schön knapp.“
Kein Verständnis für Straßensperrungen
Er wolle sich gar nicht ausmalen, was hätte passieren können, wenn seine Kollegen bereits auf der Autobahn gestanden hätten, um den Löschangriff vorzubereiten. Das Verständnis der Bevölkerung für Straßen- und Durchfahrtssperrungen an Unfall- und an Einsatzstellen ist bei einem Teil der Verkehrsteilnehmer einfach nicht mehr vorhanden“, sagt der Feuerwehrmann. Bei einem anderen Einsatz in Bergheim sei ein Pkw-Fahrer sogar über den Bürgersteig gefahren, um an dem von der Feuerwehr zur Sperrung quer auf der Straße stehenden Drehleiterwagen vorbeizukommen. Gleiches bestätigt auch Polizeisprecher Christoph Bermel, der auch für die Autobahnen im Rhein-Erft-Kreis zuständig ist.
Viel zu oft müssten die Polizeibeamten bei den Einsätzen erleben, dass die Verkehrsteilnehmer die Anweisungen der Polizisten an den Unfallstellen und die mitunter temporär geänderte Verkehrsführung ignorieren. Und oft genug komme es sogar vor, dass Gaffer auf der Gegenspur den Verkehr ausbremsen, um Fotos und Videos von der Unfallstelle zu machen. Ist die Polizei bereits am Einsatzort, kümmert sie sich um die Verkehrsführung. Doch wie soll man sich als Unbeteiligter an einer Unfallstelle verhalten, an der der Unfall gerade erst passiert ist – wo noch keine Rettungskräfte und Polizeibeamten sind? Die Polizei sagt: Ganz wichtig sei es, erst einmal sich selbst zu sichern und den nachfolgenden Verkehr auf die Gefahrenstelle aufmerksam zu machen: Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anziehen und das Warndreieck aufstellen – und wenn möglich, parallel dazu die Polizei alarmieren.
Warndreieck 100 Meter vor Unfallstelle aufbauen
Auf der Autobahn empfiehlt Bermel, das eigene Fahrzeug möglichst weit hinter der Unfallstelle auf dem Seitenstreifen abzustellen. Das Warndreieck sollte hingegen etwa 100 Meter vor dem Unfallort aufgestellt werden. Zur eigenen Sicherheit sollten sich Helfer und Unfallbeteiligte nur hinter der Leitplanke aufhalten. „Nur wenn ein Anhalten aufgrund der Verkehrssituation auf der Autobahn nicht gefahrlos möglich ist, ist das Weiterfahren zulässig – in diesem Fall muss jedoch umgehend der Notruf 110 oder 112 gewählt werden.“ Generell sei jeder Verkehrsteilnehmer verpflichtet, Menschen zu helfen und auch Erste Hilfe zu leisten, die sich nach einem Unfall, Notfall oder Unglück, offensichtlich in einer Notlage befinden.
Dazu zählen auch lebensrettende Sofortmaßnahmen wie die stabile Seitenlage oder auch eine Wiederbelebung – und weitere Personen hinter die Schutzplanken in Sicherheit zu bringen. Polizeisprecherin Diana Schweren von der Kreispolizeibehörde ergänzt: „Das Wichtigste ist, bestehende Gefahren zu minimieren und weitere Gefahren zu verhindern. Bleiben Sie ruhig und entscheiden Sie situativ, wo Sie ihr Fahrzeug gefahrlos an einer Unfallstelle der Verkehrslage angemessen stehen lassen können, um zu helfen.“
Wichtig sei zunächst, sich selbst und die Unfallstelle abzusichern. Grundsätzlich sei es für die Unfallaufnahme auch notwendig, die Unfallörtlichkeit nicht zu verändern. Dabei müssten allerdings immer auch die Gegebenheiten des Verkehrsunfalls und der Örtlichkeit individuell betrachtet werden. Von einer Weiterfahrt rät Schweren allerdings ab, weil der Verkehrsteilnehmer in diesem Fall möglicherweise eine zumutbare und erforderliche Hilfe in einem Unglücksfall unterlässt und sich dadurch strafbar machen könnte.
Richtiges Verhalten am Unfall
Wie reagieren Verkehrsteilnehmer richtig, wenn sie auf einen Verkehrsunfall aufmerksam werden? Der Malteser-Hilfsdienst hat dazu eine Kurzanleitung veröffentlicht und gibt auf seiner Internetseite ausführliche Tipps und Informationen. Hier ein Auszug: • Unter Beachtung der Eigensicherheit stoppen und eine Warnweste anlegen. • Die Unfallstelle mit dem Warndreieck aus dem Kofferraum absichern. • Anruf bei Feuerwehr (112), Polizei (110) oder über die Notrufsäule • Erste Hilfe leisten. • Wenn bereits Erste Hilfe geleistet wird: Eine Rettungsgasse zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen bilden. Die Fahrzeuge auf dem mittleren und rechten Fahrstreifen orientieren sich dabei nach rechts.

