In Müllerhof geht bald eine riesige Freiflächen-Solaranlage ans Netz. Sie wurde zu 94 Prozent von Genossenschaftsmitgliedern finanziert.
ErddeponieBürger finanzieren den Riesen-Solarpark in Much

Auf den knapp 9000 Pfählen liegen die Solarmodule, drunter sollen Schafe weiden, erklärten (v.l.) Bauleiter Christian Holz, Landwirt Stefan Frings und Dietmar Hansen, Vorstand der Bürgerenergie Rhein-Sieg.
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Solaranlagen auf landwirtschaftlichen Flächen sind nicht unumstritten. Doch handelt es sich bei dem Grundstück im Ortsteil Müllerhof um eine alte, teils rekultivierte Erddeponie. Auf der früheren Weide könnten unter den Photovoltaik-Paneelen demnächst Schafe grasen. Und noch eine Besonderheit: Zu 94 Prozent finanzierten Privatleute das Projekt der Bürgerenergie Rhein-Sieg.
Der erste Bürgersolarpark in der Region sei ein Ausrufezeichen für die Energiewende, viele könnten davon profitieren, so verkündete es Vorstandsvorsitzender Thomas Schmitz beim symbolischen Spatenstich im gleißenden Sonnenschein: Die Geldgeber, der Verpächter, die Gemeinde Much - aber auch die Umwelt.
Unter der Freiflächen-PV in Much könnten sich Pflanzen- und Tierwelt gut entwickeln
Auf der nicht versiegelten Fläche werden sich Flora und Fauna gut entwickeln, so wie es Studien zur Biodiversität unter Freiland-Solartechnik belegten. Rund 9000 Pfähle wurden schon in den Boden gerammt auf der 9,5 Hektar großen Fläche, so groß wie etwa 15 Fußballfelder. Die Anlage liegt an der Landstraße 350, der Verbindung zwischen Hennef-Bröleck und Wiehl, ist aber von dort aus nicht zu sehen.
Mit dem hier erzeugten Strom können im Schnitt 3000 Vier-Personen-Haushalte versorgt werden - fast die Einwohnerschaft Muchs. Die nach Süden ausgerichteten Module haben Schräglage, um die Strahlen möglichst gut einzufangen, mit einem Abstand zum Boden von 80 Zentimetern bis zwei Metern. Sollte sich kein Schäfer finden, werde ein bis zweimal im Jahr eine Mahd gemacht.
Das könnte Stephan Frings übernehmen, der hier bis 2023 seine Ammenkühe grasen ließ, bis er die Rinderzucht einstellte. Der Nebenerwerbslandwirt und Maschinenbauingenieur hatte die Idee für die neue Nutzung, er verpachtet das Areal. Frings bewirtschaftet mit Frau und Sohn noch weitere 25 Hektar. „Den Hof“, sagt er, „soll es auch noch in 50 Jahren geben.“
Vom Nutzungsvertrag bis zur Inbetriebnahme vergingen circa drei Jahre, die Flächennutzungsplanänderung, an der mehrere Behörden beteiligt sind, hakte, beklagte der Mucher Bürgermeister Karsten Schäfer die bürokratischen Hürden. Der Bebauungsplan sei glatt durch den Gemeinderat gegangen. „Ich freue mich, dass wir Vorreiter sein dürfen.“
Zumindest gilt das für das Konstrukt Bürgersolarpark. Die erste Freiflächen-PV-Anlage wurde 2009 in Troisdorf-Oberlar nahe der Autobahnauffahrten in Betrieb genommen, weiß Schäfer, damals Beamter im Kreishaus: „Die habe ich genehmigen dürfen.“
Anfangs wurden in Oberlar auf acht Hektar lediglich drei Millionen Kilowattstunden (kWh) erzeugt, in Much-Müllerhof rechnet man mit elf Millionen kWh. Die Zehn-Megawatt-Anlage werde mit einem großen Batteriespeicher komplettiert, um den vor allem mittags massenweise erzeugten Strom erst abends einzuspeisen, dann, wenn er mehr gebraucht wird. Das werde das Netz entlasten, so Schmitz.

Der Strom fließt durch Kabel bis zum 2,8 Kilometer entfernten Netzverknüpfungspunkt. Diese werden 80 Zentimeter tief in der Erde liegen.
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Die aktuelle internationale Krise zeige, wie wichtig unabhängige, bezahlbare Energie sei, sagte Tim Halen, Umweltdezernent des Rhein-Sieg-Kreises. Regenerative Energien seien lange belächelt worden: „So langsam lächeln die Leute weniger.“ Im Kreis gebe es Nachholbedarf. Photovoltaik habe eine bessere Akzeptanz als Windräder - vier drehten sich in Swisttal, weitere würden folgen.
Bis der Bürgersolarpark Ende Juli, Anfang August, ans Netz gehen kann, muss noch das Verbindungskabel gelegt werden zur 2,8 Kilometer entfernten Verknüpfungsstation bei Marienfeld. Dafür wird ein Riesentrecker einen 80 Zentimeter tiefen und 40 bis 50 Zentimeter breiten Graben pflügen für das Erdkabel, erklärte Bauleiter Christian Holz.
Im selben Arbeitsschritt wird die armdicke Leitung verlegt und die Rinne wieder geschlossen, sodass anschließend Gras drüber wachsen kann, „im Herbst ist davon nichts mehr zu sehen“. Die asphaltierten Wirtschaftswege würden mit der Hand ausgeschachtet, die Straße per Spülverfahren unterquert.
Hauptabnehmer für den Strom ist ein Stromversorger außerhalb des Rhein-Sieg-Kreises
Wenn der Netzbetreiber Westnetz das Umspannwerk für die Strommengen umgerüstet habe, könne der Schalter umgelegt werden. Für die Vermarktung hat die Bürgerenergie eine lohnende Lösung gefunden: Es gibt einen Abnehmer, einen Stromversorger außerhalb des Rhein-Sieg-Kreises. Bei einer einfachen Einspeisung ins Netz hätte sich die Investition nicht gelohnt.
So könnten die Geldgeber für ihre Nachrangdarlehen vernünftige Zinsen erwarten, erklärte Finanzvorstand Dietmar Hansen. Auch der Kreditvertrag mit der Bank, die die restlichen sechs Prozent finanzierte, muss bedient werden.
Für das Projekt wurde eine Betreibergesellschaft mit Sitz in Much gegründet, 53 Prozent hält die Bürgerenergie Rhein-Sieg, weitere Gesellschafter sind sechs Energiegenossenschaften und die Mucher Firma Fuhrmann. Neben den Gewerbesteuern fließt an die Gemeinde Much ein Festbetrag von 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde Strom. Bei einer angenommenen Jahresproduktion von elf Millionen Kilowattstunden bringt das 22.000 Euro im Jahr.
