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Investoren gesuchtBeschäftigte machen Überstunden bei ZF in Eitorf und hoffen auf neue Jobs

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Noch werden im Eitorfer ZF-Standort Stoßdämpfer produziert: An diesem Teil der Fertigung wird gerade ein Stoßdämpfer für ein Feuerwehr-Fahrzeug verschweißt.

Noch werden im Eitorfer ZF-Standort Stoßdämpfer produziert: An diesem Teil der Fertigung wird gerade ein Stoßdämpfer für ein Feuerwehr-Fahrzeug verschweißt.

Mit der Kolbenstangenherstellung wurde die erste Produktionstraße vom Eitorfer Standort in die Türkei verlagert.

Die 6000 Quadratmeter große Halle ist leer, die 1000-Kilo-Kräne sind verwaist, im Raum nebenan klaffen zwei tiefe Gruben, wo die Galvanisierungsanlagen standen: Bis vor drei Wochen wurden in diesem Teil des Eitorfer Werks des Automobilzulieferers ZF noch Kolbenstangen hergestellt. Zwischen 60 und 70 Mitarbeitende in drei Schichten arbeiteten in der 1935 erbauten Halle daran.

Jetzt zog diese Fertigungsstraße mit allen Maschinen in die Türkei um, wo die Herstellung kostengünstiger sein soll. Diese Standortverlagerung gehört zum sukzessiven Abbau, bevor ZF das Werk an Oberen Sieg Ende 2027 komplett schließt.

200 Mitarbeitende von ZF haben die Transferagentur durchlaufen

Von den 690 Mitarbeitenden, die vor vier Jahren über das Standort-Aus informiert wurden, waren Ende März noch 470 im Betrieb tätig. Die meisten, erläutert Betriebsratsvorsitzender Thomas Welteroth, hätten das Werk über Altersteilzeitmodelle verlassen. Zum 1. April hat die Transfergesellschaft ihre Arbeit aufgenommen, 240 ZFler kommen dafür infrage. 200 Mitarbeitende haben laut Welteroth die Transferagentur durchlaufen.

ZF Eitorf, Fassade von außen.

Der Mutterkonzern in Friedrichshafen will den Eitorfer Standort Ende 2027 aufgeben.

Noch wird aber gearbeitet im rund 40.000 Quadratmeter großen Werk an der Eitorfer Bogestraße, im Schichtberieb, sogar samstags, die Beschäftigten kloppen Überstunden. Denn die Stoßdämpfer für Pkw, Nkw und Motorräder seien gerade stark gefragt, berichtet Welteroth. VW verkaufe Autos mit Verbrennermotoren derzeit besonders gut. Stoßdämpfer für die großen SUV wie den VW Touareg oder den Porsche Cayenne stellen die Eitorfer immer noch her. Rund 1,8 Millionen statt wie in Bestzeiten sechs Millionen jährlich sind es. 

ZF Betriebsrat Thomas Welteroth mit einem Außenrohr für einen Stoßdämpfer.

ZF Betriebsrat Thomas Welteroth mit einem Außenrohr für einen Stoßdämpfer.

Ein Standard-Stoßdämpfer besteht aus 30 Einzelkomponenten, die in Eitorf zusammengebaut werden. Die Außen- und Innenrohre werden aus langen Metallrohren geschnitten und geschweißt. Nur noch wenige Arbeitskräfte braucht es hier, die Arbeit wird längst maschinell erledigt: „Schon vor Jahren haben wir reduziert, ein Mitarbeiter bedient jeweils die Maschine“, sagt Welteroth. Dennoch: Eine weitere Anlage soll nun abgebaut und in die Türkei verschifft werden.

Kreative Lösungen liegen den Beschäftigten von ZF

Die Kolbenstangen, die nun aus der Türkei oder aus China nach Eitorf geschickt werden, die Innen- und Außenrohre, Scheiben, Federn, Bodenventile werden hier automatisiert zusammengebaut und in den Lackierkessel gegeben. Zweieinhalb Stunden später müssen dann nur noch die Anbauteile für die Pkw anmontiert werden.

Lange Fertigungstraßen ziehen sich noch durch die Hallen, Metallteile werden eingeführt, ausgespuckt, weitertransportiert. Die Beschäftigten arbeiten eigenverantwortlich mit „Null-Fehler-Toleranz“, erläutern die Fachbereichsleiter bei einem Rundgang durch die Fabrik. Das zeichne das ZF-Personal aus: Jede und jeder in der Fertigung könne komplexe technische Zeichnungen lesen, die Produkte messen und prüfen und selbst kleinere Reparaturen am Arbeitsplatz durchführen.

In der Instandhaltung werden kleine Ersatzteile im 3-D-Drucker hergestellt, wie Abteilungsleiter Mario Güter zeigt.

In der Instandhaltung werden kleine Ersatzteile im 3-D-Drucker hergestellt, wie Abteilungsleiter Mario Güter zeigt.

Kreative Lösungen liegen den  ZFlern, von denen viele im Betrieb ausgebildet wurden. Mario Güter, der Leiter der 30-köpfigen Instandhaltung, zeigt schmale Federn mit feinen Einkerbungen, die seine Mitarbeitenden nach eigenen Berechnungen im 3D-Drucker herstellten.  „Aus Stahl ganz kompliziert zu biegen“, sagt er. Aus dem Drucker sind sechs dieser Federn in einer Stunde einsatzbereit, „das entlastet die Fräserei“. 

Der letzte Azubi schließt seine Ausbildung im Januar 2027 ab

In der Ausbildungswerkstatt hat der letzte Azubi des Werks, der seine Ausbildung zum Elektriker für Betriebstechnik im Januar abschließen wird, gerade kleine, papierdünne Dichtungen aus einem speziellen, elastischen Material gefräst. „Wenn wir die hätten bestellen müssen, hätten wir Wochen warten müssen“, sagt sein Ausbildungsleiter Lukas Biesenbach. Der 27-Jährige hat selbst seine Ausbildung zum Mechatroniker bei dem Autozulieferer in Eitorf gemacht, ist ZFler in der vierten Generation.

Er kam 2018 mit 19 Jahren ins Werk, sattelte den Industriemeister Elektro auf und wird bald noch seinen Meister in der Sparte Metall abschließen. Einen Job werde er nach der Werksschließung vermutlich recht schnell wieder finden, sagt er, aber er wolle lieber bleiben: „Der Zusammenhalt“ der ZF-Familie sei einfach besonders. Am Standort gebe es außerdem eine Ausbildungsstätte, die ihresgleichen im Rhein-Sieg-Kreis suche. 45 Auszubildende hatte ZF in Spitzenzeiten; auf zehn freie Jobs bewarben sich bis zu 400 Menschen. 

Ausbildungsleiter Lukas Biesenbach am Modulkaren Produktionssystem MPS, an dem Azubis unter anderem Steuerung und das Programmieren von Robotern lernen.

Ausbildungsleiter Lukas Biesenbach am Modulkaren Produktionssystem MPS, an dem Azubis unter anderem Steuerung und das Programmieren von Robotern lernen.

Jetzt ist umgekehrt: Die ZFler bewerben sich bei möglichen Arbeitgebern. „300 Mitarbeitende suchen Jobs“, sagt die Personalleiterin Division C, Stanislava Placha beim Investorentag, den die Wirtschaftsförderung Eitorf in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat der ZF Friedrichshafen für interessierte Unternehmer aus ganz Deutschland organisiert hat. Vom Entwickler bis zum Staplerfahrer, vom Wareneingang bis zum Versand – die Fachkräfte seien alle noch in Eitorf, wie Welteroth ergänzte. „Eine riesengroße Chance“  sei das, so Marvin Höveler von der Kreiswirtschaftsförderung.

Der Standort könne punkten, lautet die Einschätzung von Anna Haas vom Wirtschaftsministerium des Landes, „Eitorf ist ein wichtiger Faktor in NRW“. Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Björn Franken, dessen Bruder seine Karriere bei ZF begann, sieht nach dem Rückzug des Konzerns eine Perspektive: „Wir haben Räumlichkeiten, Anlagen, Hallen, eine Bahntrasse und Personal mit einer starken Identifikation mit dem Werk. Wer es übernimmt, erbt das.“