„Meet a Jew“Ungewöhnliche Aktion in Hennef gibt Einblicke in jüdisches Leben

Eine Menora hatten die Jüdinnen mitgebracht.
Copyright: Ralf Rohrmoser-von Glasow
Hennef – Eva Zoske, evangelische Berufsschulpfarrerin am Carl-Reuther-Berufskolleg des Kreises, war mit ihrer Klasse des beruflichen Gymnasiums in Kirchen und Moscheen. Ein Termin in einer Synagoge klappte aber nicht. Also lud sie kurzerhand drei Jüdinnen zu einem Besuch an der Fritz-Jacobi-Straße ein.
„Meet a Jew“ heißt eine Organisation des Zentralrats der Juden, „Triff einen Juden“. Unvorbereitet war die Klasse nicht, die Jugendlichen waren schon bei Stolpersteinverlegungen dabei, haben den Friedhof an der Hermann-Levy-Straße besucht. Und so hatten die Schülerinnen und Schüler einen dicken Fragenkatalog vorbereitet.
Vika hat separate Kochtöpfe für Fleisch und Milch
Lidia, Vika und Anastasia – die Vornamen sollten an diesem Tag genügen – waren gekommen. Lidia ist Laborleiterin an der Kernforschungsanlage in Jülich und Physikerin. „Heute bin ich als Jüdin hier“, sagte die 39-Jährige, eine von rund 400 Ehrenamtlern, die solche Begegnungen ermöglichen.

Von „Meet a Jew“ waren Vika, Lidia und Anastasia (M., v.l.) ins Carl-Reuther-Berufskolleg gekommen.
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„Lasst uns miteinander statt übereinander sprechen“, startete sie. „Es gibt keine blöden Fragen. Das ist meine 30. Begegnung, mich hat noch nie jemand beleidigt.“ Ihre Tochter Anastasia (21) schaute aufmerksam zu, sie will bald selbst einsteigen. Während sich Lidia als säkulare Jüdin einschätzte, die sich „die Rosinen rauspickt“, bezeichnete sich Vika als moderne Orthodoxe. Die 25-Jährige begeht die Feiertage und geht auswärts nur in koscheren Restaurants essen, also selten. Zu Hause gibt es eigene Kochtöpfe für Fleisch und Milch.
„Wie kannst du Jüdin sein, du bist doch voll cool“
Sie erzählte von einem Erlebnis, als sie mit Nachhilfegruppe einen Kalender durchging und das Chanukka-Fest gut erklären konnte. Erst da erfuhren die Kinder, dass sie Jüdin ist. „Wie kann das sein, du bist doch voll cool“, sagte ein Junge zu ihr.

Die Schüler konnten sich die Thora in deutscher und hebräischer Sprache anschauen.
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Antisemitismus stand indes nicht im Mittelpunkt des Gesprächs, auch nicht der Holocaust. Vielmehr erzählten Lidia und Vika offen über das gelebte und lebendige Judentum. Beide sind in der Ukraine geboren und später nach Deutschland gekommen, beide haben erst hier ihre religiöse Identität gefunden.
Jüdin Lidia wurde einmal beschimpft und angespuckt
Lidia schilderte ihre Verwunderung, dass sie hier Männer mit Kippa auf der Straße gesehen habe, und es sei nichts passiert. In Deutschland habe sie, anders als in der Ukraine, nur einmal schlechte Erfahrungen gemacht, mit einem hasserfüllten Mann, der sie beschimpft und angespuckt habe.
Die Berufsschüler löcherten sie mit Fragen und erfuhren, dass die Frauen den Schabbes (Sabbath) unterschiedlich begehen. Lidia spricht ein Gebet und reduziert ihren Handygebrauch, Vika versucht, ihn nicht zu brechen.
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Genau erklärten sie die Essensregeln, etwa dass Paarhufer und Säugetiere gegessen werden dürfen, wenn sie beim Schlachten nicht leiden müssen. Eine wunderbare Erklärung für die vielen Feste lieferte Lidia: „Jemand wollte uns was antun, wir haben es überlebt, lasst uns lecker essen.“
Homosexualität akzeptieren beide, das Existenzrecht Israels ist für sie nicht diskutierbar, aber eine Zwei-Staaten-Lösung halten sie für richtig.
Berufsschüler Florian stellte am Schluss über die Begegnung fest: „Es bringt uns näher.“ Nick ergänzte: „Das war eine sehr gute Bereicherung, ich habe mein Bild erweitert. Das persönliche Gespräch war gut.“ Fabrice fasste es vielleicht am treffendsten zusammen: „Ich gehe jetzt zu jüdischen Festen, da gibt es lecker zu essen.“



