Ehrenamtliche in der Region setzen sich mit einer Fülle von Aktivitäten dafür ein, dass das Grundgesetz ernst genommen und in die Tat umgesetzt wird.
Ehrentag an Rhein und SiegHappy Birthday, Grundgesetz! – Stimmen aus dem Rhein-Sieg-Kreis

Ehrentag zu 77 Jahren Grundgesetz, Markt Siegburg
Copyright: Andreas Helfer
Stolze 77 Jahre wird unser Grundgesetz am 23. Mai alt. Das wird mit einem Ehrentag gefeiert, zu dem der Schirmherr, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, auch das Ehrenamt in den Vordergrund stellt. Nichts von seiner Aktualität hat Artikel 1 verloren, der die Würde des Menschen für unantastbar erklärt. Wir haben mit Ehrenamtlichen darüber gesprochen, wie es darum steht - und ob der Ehrentag für sie ein Grund zum Feiern ist, oder vielleicht auch nicht.
Demokratie schützen und lebendig halten
Hoch über der Kreisstadt Siegburg feiert die Initiative „Siegburg zeigt Haltung - Für Vielfalt und Demkoratie“ den Ehrentag, mit einem Picknick auf der Wiese oberhalb des Spielplatzes am Michaelsberg. Mitglied Kirsten Georg: „77 Jahre Grundgesetz sind für mich Anlass zur Dankbarkeit: für stabile demokratische Regeln und für Grundrechte, die Menschen in ihrer Würde schützen und Freiheit sichern.“
Zugleich erinnere das Grundgesetz daran, dass die Demokratie nicht fertig sei, sondern sich weiterentwickeln müsse — hin zu mehr Teilhabe, Gleichberechtigung und Schutz vor Diskriminierung. „Wir sollten uns ihrer Verletzlichkeit bewusst bleiben und auf Basis unseres Grundgesetzes gemeinsam daran arbeiten, Demokratie zu schützen und lebendig zu halten. Sie ist nicht selbstverständlich.“

Die Organisatoren von „Siegburg zeigt Haltung - Für Vielfalt und Demokratie“ mit Kirsten Georg (hinten).
Copyright: Marius Fuhrmann
Die Initiative hat seit Januar zahreiche Aktionen aufgelegt: mehrere Mahnwachen, Zeitzeugenspräche, regelmäßige Stammtische, eine Filmvorführung und vieles mehr. Betont wird, dass die Initiative keine Partei ist und keine parteipolitischen Interessen vertritt. „Aber wir stehen klar für eine offene, freie, vielfältige Gesellschaft – und gegen Hass, Hetze und Ausgrenzung. Demokratie lebt vom Dialog – aber auch davon, klare Grenzen zu ziehen, wenn es um Menschenverachtung und Verfassungsfeindlichkeit geht“, heißt es auf der Homepage.
Weil das Grundgesetz so großartig ist
Für Christa Feld von der Flüchtlingsinitiative Lohmar/Siegburg ist der 23. Mai ganz klar ein Grund zum Feiern: „Weil das Grundgesetz so großartig ist“, sagt sie zur Begründung; insbesondere der Artikel 1 zur unantastbaren Würde des Menschen sei genial. „Wer diesen Artikel nicht achtet, ist nicht wählbar“ befindet sie, und das sei insbesondere bei Teilen der AfD der Fall.
Das Grundgesetz müsse intensiv in den Schulen besprochen werden, und auch Migrantinnen und Migranten bekannt sein, die in Deutschland leben. Für Christa Felds Arbeit ist Artikel 16a besonders bedeutend, demzufolge politisch Verfolgte Asylrecht genießen. „Er regelt, dass wir Menschen vor Tod und Verfolgung schützen. Leider wurde er 1993 eingeschränkt.“

Christa Feld
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Wichtig ist ihr auch, dass zum Ehrentag die ehrenamtliche Arbeit von Millionen Menschen gewürdigt wird. „Ohne sie würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.“ Auch ihr bereite das immer wieder Freude; das Ehrenamt gebe ihr die Möglichkeit „mit Menschen zu arbeiten, die genauso ticken wie man selbst“.
Die Grundlage für soziale Gerechtigkeit

Steffi Büttgen ist Vorsitzende des DGB Bonn/Rhein-Sieg
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Für Steffi Büttgen, die ehrenamtliche Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bonn/Rhein-Sieg, ist der Geburtstag des Grundgesetzes definitiv ein Grund zum Feiern: „Das Grundgesetz und sein Artikel 1 schützen die Würde aller Menschen und schaffen damit die Grundlage für soziale Gerechtigkeit und faire Arbeitsbedingungen. Die Aussage ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ erinnert daran, dass Menschen niemals ausgebeutet oder diskriminiert werden dürfen. Gerade Gewerkschaften setzen sich dafür ein, dass dieser Schutz auch im Arbeitsleben für alle Beschäftigten gilt.“
Fehlende Unterstützung und Chancen für Kinder und Jugendliche
Auch für Theresia Jonas, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Neunkirchen-Seelscheid, ist der 23. Mai ein besonderer Tag: „Unser Grundgesetz steht seit 1949 für Demokratie, Freiheit und Menschenwürde. Gerade der Satz 'Die Würde des Menschen ist unantastbar' ist bis heute wichtig und aktuell. Im Kinderschutzbund erleben wir aber jeden Tag, dass das leider nicht für alle Kinder selbstverständlich ist. Kinderarmut, Gewalt, Ausgrenzung oder fehlende Bildungschancen zeigen, dass viele Kinder und Jugendliche noch immer nicht die Unterstützung und Chancen bekommen, die sie verdienen.“

Theresia Jonas Neunkirchen-Seelscheid, Vorsitzende Kinderschutzbund
Copyright: Jonas
Der Vorstand des Ortsvereins Neunkirchen-Seelscheid versuche deshalb in seiner täglichen ehrenamtlichen Arbeit, „die in unserer Satzung verankerten Rechte von Kindern und Jugendlichen mit unseren Möglichkeiten zu schützen und zu stärken“, betont die 60-jährige gelernte Verwaltungsangestellte. Deshalb ist der Geburtstag des Grundgesetzes für mich nicht nur ein Anlass zum Feiern, sondern auch eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, Kinder zu schützen und ihnen gute Zukunftschancen zu geben.“
Werte sind ein bisschen aus dem Blick geraten

Ruth Plum engagiert sich im Netzwerk "Niederkassel für Demokratie".
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Auf jeden Fall ein Grund zum Feiern ist der Geburtstag des Grundgesetzes für Ruth Plum vom Netzwerk „Niederkassel für Demokratie“. „Das Grundgesetz ist unser aller Fundament für Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand“, sagt sie. Das sei in den vergangenen Jahren bei einigen offensichtlich aus dem Blick geraten.
„Deshalb haben wir in Niederkassel 2024 ein unabhängiges Netzwerk gegründet: ‚Niederkassel für Demokratie, Menschenrechte und Vielfalt – gegen Rassismus, Extremismus und Hass‘.“ Damit wolle man Menschen motivieren, sich vor Ort auf vielfältige Weise für die Werte des Grundgesetzes einzusetzen. „Wir freuen uns über alle, die mitmachen möchten“, sagt Plum.
Erinnerung und historische Aufarbeitung unverzichtbar
„Artikel 1 unseres Grundgesetzes ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ resultiert aus den Erfahrungen der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten, der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen für Millionen Menschen“, hebt Nicola Remig, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums von Haus Schlesien in Königswinter hervor. „Zu den bis heute kaum fassbaren menschlichen Schicksalen gehören auch 12 Millionen aus ihrer Heimat in den ehemals deutschen Ostprovinzen Vertriebene.“

Nicola Remig, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums von Haus Schlesien in Königswinter
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Haus Schlesien frage zusammen mit der young leaders GmbH in Jugendseminaren nach „den universellen Werten des Zusammenlebens in Europa“ und wie diese angesichts politischer Spannungen geschützt und gestärkt werden können. „Erinnerung und historische Aufarbeitung, persönliche Begegnung und offener Dialog sind nach meiner Auffassung dafür unverzichtbare Grundlagen“, so Remig.
Lara Wierschem, Ratsmitglied in Niederkassel: „Aktiv an einem besseren Morgen mitwirken“
„Für mich ist das Grundgesetz und insbesondere der Artikel 1 weit mehr als nur ein Gesetz“, sagt Lara Wierschem. Die Christdemokratin kandidierte im September 2025 erstmalig für den Niederkasseler Stadtrat und ist seitdem das bisher jüngste Ratsmitglied. „Das Grundgesetz ist ein Versprechen an unsere Mitmenschen, eines, das gewahrt und ständig gelebt werden sollte.“ Es sollte daher als Grundlage für unser aller Zusammenleben gesehen werden.

Lara Wieschem (CDU) ist das jüngste Ratsmitglied in Niederkassel
Copyright: Lara Wierschem
Demokratieförderung sei wichtig: „Für mich sind das mein Ehrenamt und mein Engagement in der Kommunalpolitik. Dabei möchte ich aktiv an einem besseren Morgen mitwirken, indem ich mich für meine Stadt und die Menschen in Niederkassel einsetze.“
Für die Zukunft wünsche sie sich, „dass wir wieder mehr zusammenhalten, uns gegenseitig Respekt entgegenbringen und uns mehr vertrauen, zumal wir doch alle Verantwortung für unser gemeinsames Zusammenleben tragen.“
