Hitzefrei, volles Freibad und gute Heuernte – das sind die schönen Seite des Juni-Sommers. Vertrocknetes Gemüse auf den Feldern und Sorge um ältere Mitmenschen die andere.
Temperaturen über 30 GradSo wirkt sich die Hitzewelle in Rhein-Sieg aus

Bis zum Ende der Woche sollen die Temperaturen in Rhein-Sieg weiterhin bei über 30 Grad liegen.
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Der Rhein-Sieg-Kreis schwitzt. Spitzenwerte zwischen 35 und 38 Grad Celsius hatten die regionalen Messstationen von Meteorologe Karsten Brandt und seinem Wetterdienst Donnerwetter.de bereits in der vergangenen Woche gemessen. Und auch bis Ende der Woche ist keine Abkühlung zu erwarten, am Freitag (26. Juni) werden erneut Temperaturen von über 35 Grad erwartet. Schön für die einen: Landwirte machen jetzt Heu, manche Schülerinnen und Schüler haben hitzefrei und können sich im Freibad tummeln. Schlecht für die anderen: Den Gemüsebauern vetrocknet die Ernte auf den Feldern.
Wir haben uns umgehört, welche Herausforderung die Hitzewelle mit sich bringt.
Hitzefrei für die Sekundarstufe I am Anno-Gymnasium in Siegburg
Mit Sorge um Schülerschaft und Kollegium hat am Siegburger Anno-Gymnasium Schulleiter Sebastian Kaas das Thermometer im Blick: „Wenn die Temperaturen bald nachts nicht mehr unter 20 Grad Celsius fallen, kann das Gebäude gar nicht mehr abkühlen", fürchtet er. Vor allem Teile des Altbaus aus den 70er Jahren seien nicht gut vor Hitze geschützt.

Schulleiter Sebastian Kaas in der Schulaula des Siegburger Anno-Gymnasiums
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Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I konnten sich schon am Freitag und am Montag über Hitzefrei freuen, für die Älteren gab es das nicht. Nur den kleinen Trost, bei Hitzefrei in die etwas kühleren Räume für die jungen Schulkameradinnen und - kameraden umzuziehen.
„Auch für Lehrer ist hitzefrei nicht vorgesehen“, betonte Kaas, ihnen werde auch nicht, wie bei anderen Arbeitgebern, kostenlos Getränke zur Verfügung gestellt. Immerhin könnten diese aber den Trinkbrunnen der Schule mitnutzen. Für den Sportunterricht der Sekundarstufe II hat Kaas die Empfehlung ausgesprochen, je nach Gefährdungslage durch Hitze auf Theorieunterricht umzustellen.
Am Wochenende besuchten 2700 Badegäste das Oktopus in Siegburg
Im Oktopus-Bad an der Siegburger Zeithstraße bewährt sich eine Neuerung aus dem vergangenen Jahr: ein Kombiticket, das den Zugang zu Frei- und Hallenbad ermöglicht und mit sechs Euro zwei Euro teurer ist als der reine Freibad-Eintritt. „Hitzetage sind jetzt Hallenbadtage geworden“, erläutert Michael Nagel, der bei den Stadtbetrieben als Referatsleiter für das Oktopus zuständig ist, das Ticket habe „unheimlich eingeschlagen“. Viele Besucherinnen und Besucher legten Wert auf den Schatten im Inneren. „Die Leute nehmen das dankbar an.“ Je Schicht sei dazu eine zusätzliche Kraft nötig.

Im Schwimmbad in Siegburg ist bei Hitze einiges los: Freibad Oktopus
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Was nicht bedeutet, dass unter freiem Himmel nichts los wäre: An den vergangenen Wochenendtagen kamen jeweils 2700 Gäste. Viel mehr geht nicht. Ab 3000 werde es in den Becken zu eng, so Nagel, und auch das Personal, mit dem man derzeit gut ausgestattet sei, reiche dann nicht mehr aus. Das Oktopus bildet Fachangestellte für Bäderbetriebe selbst aus und setzt zudem Sicherheitskräfte mit Rettungsschwimmer-Schein ein, die von einer externen Firma kommen.
Ein Hektar Brokkoli verbrannte noch auf dem Feld
„Wir kommen mit der Beregnung kaum hinterher“, sagt Landwirt Stefan Grüsgen aus Bornheim-Walberberg. Auf etwa 140 Hektar baut er Gemüse an. Nachts und mindestens zweimal in der Woche müsse er die Gemüsepflanzen beregnen – dann bekämen sie stets etwa zehn Millimeter Wasser. „Der Rucola braucht allerdings ein- über den anderen Tag bei diesem Wetter seine Wasserrationen, sonst schießt er direkt in die Blüte“, erklärt Grüsgen. Für die Landwirte seien diese Wochen noch arbeits- und auch kostenintensiver als üblich.
Dabei muss er bei der aktuellen sengenden Hitze Verluste hinnehmen. In der vergangenen Woche sei ihm fast ein ganzer Hektar Brokkoli verbrannt. „Wir kamen mit der Bewässerung einfach nicht mehr hinterher, die Jungpflänzchen sind uns schlichtweg im Feld vertrocknet“, erklärt er. Die seien direkt wie Heu gewesen.
Noch in dieser Woche werde auch das Gemüse für den Herbstanfang gesetzt – Blumenkohl, Brokkoli, Spitzkohl und der erste Chinakohl des Jahres. Mit der Ernte rechnet Grüsgen Anfang September. „Beim Pflanzen werden wir allerdings unsere neue Pflanzmaschine einsetzen“, erklärt der 52-Jährige. Die sei nämlich in der Lage, die Pflanzen beim Setzen direkt mitzugießen. „Diese Maschine ist bei der aktuellen Wetterlage Gold wert“, schwärmt Grüsgen. Allerdings müssten die Felder nachts immer auch noch zusätzlich beregnet werden.
Gegen den prallen Sonnenschein kann Grüsgen seine Gemüsepflanzen nicht schützen. Zwar habe er auch schon Schattier-Netze ausgelegt. Doch es ist gar nicht möglich, für alle seine Anbauflächen eine entsprechende Folie parat zu haben. Wasser bräuchten die Pflanzen ohnehin.
Mit der sengenden und schwülwarmen Hitze kommen bei ihm Sorgen auf, dass sich die Atmosphäre mit heftigen Gewittern entlädt. Und dann ist die Gefahr von Hagel gegeben, wie zuletzt am vergangenen Freitag (19. Juni). „Da hat uns der Hagel auf einem meiner Felder in Wesseling-Berzdorf ein komplettes Brokkoli-Feld verhagelt – der Hagel hat die jungen Pflanzen schlichtweg zerfetzt“, berichtet Grüsgen. Versicherungen gebe es zwar, die seien aber extrem teuer. Und Hagelnetze so wie im Obstbau, dass sei im Gemüseanbau nicht möglich.
Hitze und Trockenheit können dem Weizen schaden
„Wie die Ernte letztlich ausfallen wird, hängt maßgeblich von der Witterung der kommenden Wochen ab“, erklärt Johannes Brünker, Kreisvorsitzender der Kreisbauernschaft Bonn/Rhein-Sieg. Besonders der Winterweizen befinde sich derzeit in der Kornfüllungsphase. In diesem Entwicklungsstadium werden Stärke und Eiweiß in die Körner eingelagert, dafür seien moderate Temperaturen sowie eine ausreichende Wasser- und Nährstoffversorgung wichtig.
Die Temperaturen von deutlich über 30 Grad, die bis zum Ende der Woche andauern sollen, könnten sich beim Weizen nachteilig auswirken. Hitze und Trockenstress können die Kornfüllung beeinträchtigen und damit Ertrag und Qualität mindern, so Brünker. Die Wintergerste hingegen profitiere von der warmen Witterung und kann dadurch zügig abreifen. Nach Abschluss der Gerstenernte werde voraussichtlich Anfang Juli die Winterweizenernte beginnen.
Genau die die richtige Zeit für die Ernte von Heu
„Für uns hat das heiße Wetter den Vorteil, dass wir jetzt Heu machen können. Das Gras ist trocken, wird geerntet und kann so schön in Ballen gepresst werden“, berichtet Margret Fritzen aus Troisdorf-Eschmar. Sohn Max und Ehemann Jürgen sind mit den Maschinen auf den Wiesen unterwegs. Im Gegenteil zu vielen anderen Bauern pressen die Fritzens noch kleine rechteckige Ballen, die auch im Hofladen verkauft werden.

Heu wir vom Bauernhof Fritzen zurzeit geerntet. Dafür ist das heiße Wetter perfekt.
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Das angebaute Gemüse ist ebenfalls im Hofladen zu finden. „Die Hitze in den letzten Tage hat dem Salat gutgetan“, sagt Fritzen. Er wird auch an verschiedene Restaurants in der näheren Umgebung sowie an Kindergärten und Schulen für die Mensa geliefert. Die Kartoffeln auf den Feldern der Fritzens werden gegossen. „Zurzeit bilden sich die Knollen in der Erde, bei Wassermangel reifen sie nicht so gut aus“, erläutert Fritzen.
Winzer im Siebengebirge entblättern ihre Rebstöcke jetzt nicht
„Wir dürfen unsere Weinstöcke trotz der Hitze nicht wässern. Wir liegen in der Zone A, da ist das verboten“, berichtet Bernd Blöser, der auch Vorsitzender des Winzervereinigung im Siebengebirge ist. Die Hitze sei zurzeit nicht schädlich für die Pflanzen an den Hängen. „Die Trauben sind gesund.“ Noch mache er sich keine Sorgen.

Die Hänge der Winzer im Siebengebirge dürfen trotz der Hitze nicht gewässert werden. (Archivbild)
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Allerdings wird etwas nicht getan, was eigentlich in dieser Zeit geplant war: „Wir entblättern unsere Rebstöcke nicht, damit die Trauben mehr Sonne bekommen“, so Blöser. Der Schatten werde jetzt wegen der Hitze gebraucht. Ob die heißen Sonnentage einen guten Wein versprechen, will er noch nicht prognostizieren. „Das kann ich erst sagen, wenn der Most aus dem Fass läuft.“
Möglichst wenig Bewegung bei der Hitze – das gilt auch für Tiere
Im Tierheim Troisdorf sind Ruhe und möglichst wenig Bewegung angesagt: Die Hitze sei eine zu hohe Belastung, sagt Vorsitzende Helga Berben. „Wir haben die Gassizeiten angepasst: morgens ganz früh und abends spät. In der restlichen Zeit bleiben die Tiere drinnen.“ Selbst vermeintlich erfrischendes Planschen im Hundepool sei bei der Hitze zu anstrengend.
Die Mauereidechsen in den Weinbergen lieben die Hitze, genau wie die dort in den vergangenen Jahren eingewanderten Gottesanbeterinnen. „Den Zauneidechsen, die ebenfalls dort leben, und den Ringelnattern wird es am Nachmittag aber zu heiß, sie suchen dann kühlere Plätze“, schildert Klaus Weddeling von der Biostation Bonn/Rhein-Erft.
Viel trinken und Räume kühl halten gilt auch in der Pflege
Klassische Mittel sind bei diesen Temperaturen in der Tagespflege Niederkassel-Rheidt an der Tagesordnung. „Wir versuchen, die Räumlichkeiten kühl zu halten, und machen schon morgens die Rollos runter“, sagt Pflegedienstleitung Kinga Müller. „Der Nachteil ist dann natürlich weniger Tageslicht.“ Aber durch eine kleine Klima-Anlage könnten die Temperaturen angenehm gehalten werden.
Große Probleme habe es in der aktuellen Hitzewelle noch nicht gegeben. „Wir wissen natürlich nicht, was die Gäste am Wochenende zu Hause machen.“ Wenn dort zu wenig getrunken würde und jemand dehydriert in Niederkassel ankomme, merke das Pflegepersonal das schnell. „Aber das ist auch bisher noch nicht passiert.“
In der Tagesplfege des Deutschen Roten Kreuzes in Rheidt können pflegebedürftige Menschen den Tag außerhalb des eigenen Zuhauses in Gesellschaft verbringen, wenn eine stationäre Pflege nicht nötig ist.
