Rhein-Sieg-Kreis und die Siegburger Stadtverwaltung entwickeln mit einem Fachbüro ein Klimaanpassungskonzept– und beteiligen Bürgerinnen und Bürger
„Die 44 Grad kommen“Wie man Klimaawandel und Hitze in Rhein-Sieg überleben kann

Klimaanpassungskonzept für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis: Auftaktveranstaltung mit dem Klimaexperten Karsten Brandt im Stadtmuseum.
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„Die 44 Grad kommen“, stellte Klimaexperte Karsten Brandt nüchtern fest. Mit allen Konsequenzen, auf die die erst wenige Tage zurückliegende Hitzewelle einen Vorgeschmack gab: mit unerträglichen Tagen und Nächten, hitzefrei selbst für Oberstufenschüler, etlichen abgesagten Veranstaltungen und, davon muss man ausgehen, vielen gesundheitlich vorbelasteten Menschen, die die Hitze in Krankenhäusern und Altenheimen auch diesmal schon das Leben kostete.
Brandt wählte eindringliche Worte Worte für seinen Impulsvortrag bei einer Auftaktveranstaltung im Stadtmuseum, mit der der Rhein-Sieg-Kreis und die Kreisstadt Siegburg um Mitarbeit an ihrem Klimaanpassungskonzept warben.
Erwärmung massiv unterschätzt
Brandt, der sich schon als Schüler mit kniffligen Wetter- und Klimafragen beschäftigte und einen Wetterdienst gründete, räumte ein, die Erwärmung im Zuge des Klimawandels massiv unterschätzt zu haben: Zwölf Grad habe er als Durchschnittstemperatur für 2040 vorhergesagt, stattdessen seien es 12,7 Grad geworden. Die Ironie hinter den Zahlen: Ausgerechnet die Luft in Europa sei sauber wie nie, was zu einer stärkeren Sonneinstrahlung als noch vor 30, 50 oder 70 Jahren führe. „Es geht dramatisch schnell.“
Brandt geht davon aus, dass die jüngsten Hitzeereignisse Tausende Hitzetote forderten. „Die Lage war unfassbar.“ An dem heißesten Wochenende sei im Rhein-Sieg-Kreis mehrfach die 40-Grad-Marke überschritten worden. Das eigentlich Besondere aber sei die Dauer der Wetterlage gewesen, vom 16. bis 30. Juni mit Temperaturen über 28 Grad. Vor allem: „Nachts findet keine ausreichende Abkühlung statt, kein Schlaf ist möglich. Das ist das eigentliche Problem beim Hitzestress.“ Bis 2050 werde die Region sicherlich auch 43 bis 44 Grad erleben. Er wage sich nicht vorzustellen, welche Zustände dann in einigen Stadtquartieren herrschten.

Der städtische Beigeordnete Martin Rosorius (links) und Kreisumweltdezernent Tim Hahlen begrüßten rund 70 Teilnehmende im Stadtmuseum
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Brandt nannte auch Versäumnisse: 2006, zur Zeit des Fußball-„Sommermärchens“, habe er in Seniorenheimen und Krankenhäusern Temperaturmessungen vorgenommen. Sein Fazit damals: „Wir brauchen Klimaanlagen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Passiert ist nichts.“ In den Nullerjahren habe man halt nicht investiert und so ein Infrastrukturproblem geschaffen. Früher habe ein Sommer aber durchaus anders ausgesehen: „Da war es einen Tag lang heiß, am nächsten Tag kam ein Gewitter, und es war vorbei. Das ist der Unterschied zu heute.“
Anhand von Grafiken schilderte Brandt anschaulich, dass durch die Hitze zunehmend mehr Wasser verdunste, mit verdurstenden Pflanzen in der Folge und zunehmenden Starkregenfällen statt leichtem Landregen. Trockenheit werde als Thema zum „Dauerbrenner“, werde Wasserverfügbarkeit und Landwirtschaft vor große Herausforderungen stellen. Der vergangene Juni sei im Rhein-Sieg-Kreis der trockenste seit 158 Jahren gewesen. Doch trotz allem gehe es ihm nicht darum, Panik zu verbreiten: „Lassen Sie uns gemeinsam vorbereiten, lassen Sie uns trotzdem optimistisch in die Zukunft schauen – dafür sind wir alle hier.“
Globaler Klimaschutz, lokale Anpassung
Kreis und Kommunen beauftragten für das Klimaanpassungskonzept das Büro Climaticon, das auch Klimaanpassungsmanagerinnen und -manager stellt. Erläutert wurde ein entscheidender Unterschied: Beim Klimaschutz gehe es darum, den Klimawandel abzuschwächen, durch die Reduzierung von Treibhausgasen etwa, erneuerbare Energien und Energieeffizienz, nachhaltige Mobilität und die Reduzierung fossiler Energieträger. Dazu trage im besten Fall jede Kommune weltweit bei, die Wirkung ergebe sich im globalen Zusammenspiel.
Bei der Klimaanpassung geht es um Vorsorge für besonders gefährdete Gruppen, Verschattung, Begrünung, Entsiegelung, Starkregenvorsoge und den Schutz sensibler Infrastrukturen. Die Wirkung sei lokal, jede Kommune müsse die eigenen Risiken kennen und passende Lösungen entwickeln. Gefördert wird das Konzept durch das Bundesministerium für Umwelt- und Naturschutz, und Climaticon-Mitarbeiterin Lena Büge machte klar, dass das Konzept später auch eine Grundlage für Förderungen aus Bundesmitteln werden könne.
Beachtung finden solle das Konzept in Bebauungsplänen, bei der Erstellung von Hitzeaktionsplänen und Entsiegelungskonzepten, etwa für Parkplätze und Schulhöfe, beim Verbot von Schottergärten oder bei der Etablierung eines Klimapassungsmanagements mit runden Tischen, Netzwerken und Koordinierung von Maßnahmen.
Vor Ort war Projektleiterin Vera Bartolovic, die die Moderation übernahm, während ihr Stellvertreter Max Ulrich auf die Situation im Rhein-Sieg-Kreis einging und etwa auf die Unterschiede zwischen kühleren, ländlichen Regionen und der Hitze besonders ausgesetzten Städten einging. In nicht allzu ferner Zukunft werde man sich an Rhein und Sieg auf ein Klima einstellen müssen, wie man es eher aus Andalusien oder Südfrankreich kenne – mit länger anhaltenden Wetterlagen, die für ein mediterranes Klima typisch seien.
Kühle-Orte-Karte für Siegburg
An die Begrüßung durch den städtischen Beigeordneten Martin Rosorius und Kreisumweltdezernent Tim Hahlen sowie die Vorträge schloss sich ein kurzer, erster Workshop an, bei dem die rund 70 Besucherinnen und Besucher Eindrücke zu eigenen Erkenntnisse zur Situation im Kreis zusammentragen konnten. Zwei weitere Workshops folgen im September und im Januar 2027. Im Juli kommenden Jahres gehen die Ergebnisse in die politischen Gremien, im August 2027 folgt eine Anschlussveranstaltung – dann sollte auch eine Strategie und ein Maßnahmenkatalog vorliegen, von der neben Siegburg auch andere Rhein-Sieg-Kommunen profitieren sollen. Der Rhein-Sieg-Kreis hat zudem eine Online-Umfrage aufgelegt, Siegburgerinnen und Siegburger können online eine Kühle-Ort-Karte mitgestalten.