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„Spurensuche“ in Köln
Ein Grab auf dem Deutzer Friedhof, das viele Schauergeschichten verbirgt

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Letzte Ruhestätte: Auf dem jüdischen Friedhof in Deutz liegt Adolf Buschhoff neben seiner Frau bestattet.

Letzte Ruhestätte: Auf dem jüdischen Friedhof in Deutz liegt Adolf Buschhoff neben seiner Frau bestattet.

Nach dem Xantener Ritualmord gab es 1892 eine antisemitische Hetzjagd auf Adolf Buschhoff. In Köln fand er eine zweite Heimat. Sein Grab ist auf dem Deutzer Friedhof zu finden.

Vor einer antisemitischen Hetzkampagne war Wolfgang Adolf Buschhoff bereits nach Köln geflohen, als 1892 vor dem Schwurgericht in Kleve ein spektakuläres Verfahren gegen ihn begann. Der sogenannte Xantener Ritualmordprozess erschütterte das Kaiserreich und sorgte international für Furore.

Der fünf Jahre alte Johann, Sohn des Schreinermeisters Hegemann, war am 29. Juni 1891 mit brutal durchschnittener Kehle in der Scheune des Gastwirts Küppers in Xanten gefunden worden. Das könne „nur von einer gewandten Hand“ erfolgt sein, befand der Bürgermeister bei der ersten Besichtigung. Sofort wandte sich der Fokus auf das Haus gegenüber. Hier lebte Adolf Buschhoff, langjähriger Schächter und Vorbeter der jüdischen Gemeinde, der nun unter anderem Grabsteine vertrieb. Bislang hatte er mit der Nachbarschaft in einträchtigem Miteinander gelebt. Plötzlich aber brachen sich die wildesten antisemitischen Unterstellungen Bahn. War dem armen Kind nicht allzu sachverständig die Kehle durchgeschnitten worden? Brauchten die Juden nicht Christenblut zum Backen von Mazzen für ihr Pesach-Fest?

Hier in Köln hat er sich allgemeiner, herzlicher Sympathien zu erfreuen gehabt.
Nachruf auf den Verstorbenen

Was nützte es, dass Experten befanden, dass der äußerst grobe Schnitt keinen geübten Metzger als Täter nahelege? Dass Leiche und Fundort weder mehr noch weniger Blut aufwiesen, als man unter diesen Umständen vermuten würde?

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Bei der Polizei meldeten sich Menschen, die gesehen haben wollten, wie der kleine Johann am Mordtag in Buschhoffs Haus gezogen worden war. Wie Buschhoffs Frau nachmittags einen Sack in die Scheune getragen habe, in dem gewiss der Leichnam gewesen sei. Als Buschhoff trotzdem nicht verhaftet wurde, schaukelten sich die antisemitischen Ressentiments in der Bevölkerung immer höher. Buschhoff und Familie wurden angepöbelt. Dann flogen Steine auf jüdische Häuser und Geschäfte. Jüdische Bürger wurden mit „Hepp-Hepp-Rufen“ durch die Gassen gejagt. Der verzweifelte Buschhoff bat um seine eigene Verhaftung, um die Situation zu beruhigen. Die Behörden lehnten ab.

Weil die örtliche Polizei der Vielzahl an mutmaßlichen Hinweisen und wilden Anschuldigungen nicht mehr Herr wurde, schickte Preußen auf Bitten der jüdischen Gemeinde den erfahrenen Berliner Kriminalkommissar Wolff nach Xanten. Der ließ den mittlerweile zu Verwandten nach Köln geflohenen Adolf Buschhoff samt seiner Frau und seiner Tochter Hermine am 14. Oktober 1891 zum Verhör ins Rathaus kommen, um das sich schnell eine Menschenmenge sammelte. Unter lautem Gejohle brachte schließlich ein Bus die verhaftete jüdische Familie nach Kleve.

Nur wenig mehr als zwei Monate später ließ sie der Untersuchungsrichter Brixius aus Mangel an Beweisen frei. An eine Rückkehr in Buschhoffs Geburtsstadt war nicht zu denken. Sein Haus war teilweise zerstört, die Scheiben eingeschmissen und notdürftig von den Behörden wieder vernagelt. Den beschmierten Giebel zierten Inschriften wie „Mörderhaus“. Also erfuhr der ruinierte Buschhoff in Köln, dass ein Gutachter eines seiner Messer als Tatwaffe identifiziert haben wollte. Ein Aufschrei der Empörung ging durch einschlägige Kreise in ganz Deutschland, als die Nachricht die Runde machte, Buschhoffs Verteidiger sei der Schwiegersohn jenes Richters Brixius, der ihn auf freien Fuß gesetzt hatte. Die Ausschreitungen weiteten sich aus. Auf der Straße gingen Parolen um wie: „Juden, das sind Sünder, schlachten Christenkinder, schneiden ihnen die Hälse ab, das verdammte Judenpack.“

Ins Abgeordnetenhaus schafften es erbitterte Debatten darüber, ob es richtig gewesen war, die Justizlaufbahn für Juden zu öffnen. Allenthalben brach sich ungezügelter Antisemitismus Bahn. Unter dem Druck der Straße und großen Teilen der Presse veranlasste Justizminister Hermann von Schelling, dass Buschhoff am Nachmittag des 8. Februar 1892 auch ohne hinreichenden Tatverdacht abermals in seiner Kölner Wohnung verhaftet und diesmal angeklagt wurde.

Lückenloses Alibi für den ganzen Tag

Am 4. Juli 1892 begann die Verhandlung über den „Xantener Ritualmord“ vor dem Landgericht in Kleve. Oberstaatsanwalt Oskar Hamm aus Köln persönlich, wohnhaft Steinfeldergasse 9, übernahm mit Staatsanwalt Baumgard die Anklage. Zu Buschhoffs Verteidigern gehörte der Kölner Rechtsanwalt Eduard Gammersbach, dessen Büro am Hohenzollernring 52 war, wohnhaft Gereonshof 12. Über 160 Zeugen wurden gehört. Im Zentrum der Aufmerksamkeit aber stand der Angeklagte. „Buschhoff ist ein mittelgroßer kräftiger Mann mit grauwerdendem Vollbart“, berichtet die Kölnische Zeitung. „Sein Äußeres lässt die jüdische Abstammung kaum erkennen. Er blickt ruhig, ernst und unbefangen und hört sehr schwer.“ Buschhoff kann für den gesamten Tattag ein lückenloses Alibi vorweisen. Alle gegen ihn angeführten Indizien lösten sich in Nichts auf. Das Schlussplädoyer der Anklage wurde zur Verteidigungsrede. Buschhoff sei nicht nur der Tat nicht überführt, sondern seine Unschuld an dem Knabenmord nachgewiesen, erklärte Oberstaatsanwalt Hamm. Adolf Buschhoff wurde freigesprochen.

das große jüdische Leid getragen und gehöre daher der jüdischen Geschichte an, heißt er in einem Nachruf auf Adolf Buschhoff.

Ein Märtyrer seines Glaubens. Der Mann, der sein Joch trug, einsam saß er und verstummt, er heiligte seinen Schöpfer vor der Welt.
Gravur auf Bischoffs Grabstein

Die Familie Buschhoff war nun in der zweiten Etage Rinkenpfuhl 23 in Köln gemeldet. Von Spendengeldern konnte sie sich hier eine neue Existenz aufbauen. Nachdem Adolf Buschhoff am 8. Juni 1912 mit 71 Jahren plötzlich in der Wohnung seines Sohnes Siegmund, Görrestraße 1, am Herzschlag verstarb, wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Deutz neben seiner Frau bestattet, Flur E, Reihe 5. „Hier in Köln hat er seine zweite Heimat gefunden und sich allgemeiner herzlicher Sympathien zu erfreuen gehabt“, heißt es in einem Nachruf. Buschhoff habe in seiner Person das große jüdische Leid getragen und gehöre darum der jüdischen Geschichte an, sagte Rabbiner Dr. Ludwig Rosenthal von der Synagogengemeinde in der Roonstraße in seiner Trauerrede. Für die „Liebe und Wahrheit“, die er selbst als Mensch und Jude zeitlebens geübt, habe er aber schließlich auch wieder Wahrheit und Liebe geerntet, „die Gerechtigkeit deutscher Richter und die Hilfsbereitschaft seiner Glaubensgenossen. Ehre dem Andenken des wackeren, echt jüdischen Mannes, des Kämpfers und Dulders für unsern Glauben!“

Wer den kleinen Johann Hegmann umgebracht hatte, wurde nie ermittelt. Sein Grabstein, der immer noch auf dem Xantener Friedhof steht, trägt die Aufschrift: „„Mein ist die Rache„ spricht der Herr“.

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