Moderatorin Jessy Wellmer spricht im Interview über die polarisierte Stimmung im Land und ihre neue Primetime-Doku zum Thema.
Moderatorin Jessy Wellmer„Man kann es gar nicht richtig machen“

Jessy Wellmer bei der Moderation der Sendung „Wahlarena“ in der ARD
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Zum Treffpunkt in einem Berliner Café kommt Jessy Wellmer in Begleitung. Die „Tagesthemen“-Moderatorin hat ihren Labradoodle Juni mit dabei. Im Interview mit Daniel Benedict spricht sie über die Kleidertauschbörse hinter den Nachrichten-Kulissen, ihr Interview mit Alice Weidel und über den Umgang mit Rechtspopulisten.
Frau Wellmer, Sie haben mal verraten, dass Sie bei den „Tagesthemen“ Caren Miosgas Blusen auftragen. Gibt es in der Redaktion einen begehbaren Kleiderschrank, aus dem sich alle bedienen?
Es gibt einen Fundus für alle, die in der „Tagesschau“ und den „Tagesthemen“ vor die Kamera treten. Was immer Susanne Daubner oder Caren Miosga nicht mehr tragen oder nie tragen wollten, kommt auf eine Stange. Und dann bin ich da und sage mir: Caren hat es gehasst – ich find“s gut. Von Pinar Atalay und Julia-Niharika Sen habe ich auch was übernommen. Es ist wie ein Basar. Was ich mir schnappe, kommt dann auf meine eigene Kleiderstange. Man kämpft also nicht Abend für Abend um das beste Stück.
Wenn Sie beim Shoppen eine schicke Bluse sehen und sich denken: Die will ich anziehen, aber bezahlen will ich sie nicht – könnten sie dann …
Was ich privat anziehe, wäre gar nicht Studio-kompatibel. Ich trage gern zu große, sehr bunte und gemusterte Klamotten. Im Studio muss alles einfarbig sein. Es darf nicht reflektieren, es darf nicht zu grell sein, aber auch nicht zu fahl. Außerdem sieht man auf dem Bildschirm immer fünf Kilo schwerer aus. Fernseh-Kleidung ist ein Kapitel für sich. Da kann das Hochwertige billig aussehen und das Günstige hochwertig. Der Fernseh-Look ist insgesamt so uniform, dass man mich zum Einkaufen hinprügeln muss. Dann heißt es: Jessy, es wird jetzt wirklich Zeit – du brauchst drei Hosenanzüge und neue Fernsehblusen. Irgendwann gehe ich dann widerwillig einkaufen.
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Welcher ARD-Kollege bleibt am längsten in der Maske?
Am meisten Wert auf Mode legt Jens Riewa. Der trägt gestrickte Armani-Anzüge und manchmal sogar ganz tolle Samtschlappen. Jens war nebenher mal Model Scout für Armani.
Frau Wellmer, für eine Dokumentation haben Sie sich gerade mit der Frage befasst, wie polarisiert und zerstritten Deutschland ist.
Stimmt.
Wann haben Sie selbst sich zum letzten Mal gestritten? Und wie haben Sie die Versöhnung hingekriegt?
Zum letzten Mal gestritten habe ich mich mit meinen Kindern. Ich kam aus Hamburg zurück nach Berlin. Da wurden gerade Kartoffelpuffer gebraten. Und anschließend wollte keiner die Küche sauber machen. Mein Sohn hatte gekocht und war der Meinung, dass seine Schwester dann aufräumen muss. Die hatte aber noch was für die Schule zu tun. Ich bin kurz ungehalten und laut geworden, aber als ich mir dabei zugehört habe, war es mir zu doof und ich habe selbst aufgeräumt. Obwohl ich nicht einen Kartoffelpuffer abbekommen hatte! Im Grunde bin ich dem Konflikt einfach aus dem Weg gegangen.
Nach allem, was Sie für Ihren Film über die Polarisierung gelernt haben: Ist das eine gute Methode? Lässt sich das auf die ganze Gesellschaft übertragen?
Für uns ist es sicher eine gute Methode. In unserer Etagenwohnung kann man sich nur bedingt aus dem Weg gehen, und das machen wir, so gut es geht. Meine 13-jährige Tochter zieht manchmal wutschnaubend in ihr Zimmer ab, nimmt sich raus aus dem Konflikt und schaltet die Debatte einfach aus. Möglicherweise ist das ab und an ein Weg für alle. Wenn die Debatte eskaliert, sollten wir vielleicht einfach mal rausgehen aus den sozialen Medien, rausgehen aus dem Nachrichtensturm, rausgehen aus der Lust an der Empörung. Vielleicht werden wir die Dünnhäutigkeit dann endlich los. Im Moment kennen wir ja alle kein Ende mehr. Und alles lassen wir bis ins Innerste an uns ran.
Was ist die härteste Beleidigung in Ihrem aktiven Wortschatz?Vollpfosten vielleicht?
Und meinen Kindern sage ich, dass sie kein Arschloch werden sollen. Das käme also noch dazu.
Als öffentliche Frau kriegt man oft sexualisierte Beleidigungen ab. Klagen Sie selbst, wenn es zu aggressiv wird?
Ich bin aus guten Gründen nicht in den sozialen Medien. Da habe ich mich schon ausgeklinkt, als ich noch im Sport war. Ich setze mich gern mit Kritik auseinander. Aber nicht mit Nachrichten wie: „Zieh einen Rock an. Du bist hässlich und dich müsste man mal durchvögeln.“ Daraus kann ich für mich leider nichts übernehmen. Über die Zuschauerpost nehme ich trotzdem noch wahr, wie das zunimmt. Die Dinge verschieben sich. Das war zu Zeiten des linearen Fernsehens vollkommen anders.
Jette Nietzard von der Grünen Jugend hat mir mal Zuschriften gezeigt, in denen Männer ihr Gewalt androhen – und dann mit Klarnamen und voller Adresse unterschreiben. Wieso fühlen solche Leute sich so sehr im Recht?
Das Gefühl ist wahrscheinlich: Wenn in den sozialen Medien jeder ungefiltert seine Meinung sagt, dann darf ich auch. Und wenn die Positionen extremer werden, gibt es einem vielleicht ein Gefühl der Selbstermächtigung. Wer heute in die Öffentlichkeit geht, muss sich die Frage stellen: Halte ich das aus oder nicht? Ich halte es aus, indem ich mich überhaupt nicht damit beschäftige. Wenn Zuschauerpost unter die Gürtellinie geht, merkt man das sofort. Dann lese ich nicht weiter.
Tragen ARD und ZDF womöglich auch selbst zur schlechten Stimmung bei? Kritik ohne Schmähung ist ja erstmal erlaubt.
Ja, wir alle machen Fehler. Ich bin auch kritisch – mir selbst gegenüber, den „Tagesthemen“ gegenüber und auch meinem Arbeitgeber gegenüber. Letztens hat eine Freundin mir gesagt: Leute, euer Beruf ist Kommunikation – warum könnt ihr eure eigenen Krisen nicht besser kommunizieren? Möglicherweise hat sie da einen Punkt.
Gibt's Politiker, mit denen Interviews handwerklich mehr Spaß machen als mit anderen?
Boris Pistorius, Friedrich Merz, Carsten Linemann, der CDU-Generalsekretär, oder Felix Banaszak, der Grünen-Vorsitzende: Das alles sind Gesprächspartner, die mitmachen. Die antworten wirklich auf Fragen, die lassen sich auf ein Gespräch ein, die bringen sich ein, widersprechen, stimmen zu. Bei anderen habe ich das Gefühl: Die haben eine Audio-Datei im Kopf und sobald sie ihr Stichwort hören, spielen sie den passenden Track ab. Ich finde es toll, wenn im Gespräch wirklich was passiert. Im Idealfall entsteht ein Fernsehmoment.
So einer war ganz sicher Ihr Interview mit der AfD-Chefin Alice Weidel zum Wahlkampfauftakt im Januar. Sie haben eigentlich nur eine Frage gestellt – die nach der Finanzierbarkeit von Wahlversprechen.
Und ich habe keine Antwort bekommen.
Das Gespräch verlief sehr konfrontativ. Diskutiert die Redaktion hinterher, wer gewonnen hat?
Ich brauche nach allen Gesprächen eine Weile, um ein Gefühl dafür zu kriegen. Mir geht“s nicht darum, Interviews zu „gewinnen“. Ich überlege mir einfach: Was sind die Fragen, die Menschen aus dem ganzen politischen Spektrum an diesen Gesprächspartner haben. Diesmal musste ich die erste Frage immer wieder stellen, obwohl sie eigentlich einfach war. Es ging nur um eine einzige Zahl: Wie viel Geld kostet das, was die AfD ihren Wählern verspricht? Wenn darauf nichts kommt, muss ich eben noch mal fragen.
Über den Umgang mit Populisten ringt nicht nur die Politik mit ihrer Brandmauer, sondern auch der Journalismus. Wie macht man es richtig?
Man kann es gar nicht richtig machen. Populistische Parteien nutzen die Bühne für sich, egal in welcher Konstellation. Sie spielen nach eigenen Regeln. Mein Interview mit Alice Weidel sieht auf den Plattformen der AfD sicher ganz anders aus als bei uns. Man kann alles schneiden, bis es passt. Manche Kollegen fühlen sich nicht wohl dabei, da mitzumachen. Und alle ringen um den richtigen Ansatz. Mir ist das alles klar und trotzdem gehe ich in das Gespräch. Auch wenn es anders ablaufen wird als mit Politikern aller anderen Parteien. Ich erwarte nicht, dass mein Interview irgendetwas verändert. Das ist auch gar nicht meine Aufgabe. Ich weiß, wie es läuft, und ich mache es trotzdem – aus einem ganz einfachen Grund: Wir bilden das gesamte Spektrum ab. Und wenn wir unabhängigen Journalisten keine kritischen Fragen mehr stellen, wer tut es dann noch?

