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Rundschau-Debatte des TagesBricht die vierte Corona-Welle schon?

4 min
Symbolbild Coronatest

Ein Corona-Test

  1. Mit voller Wucht hat die vierte Corona-Welle erhebliche Teile Deutschlands getroffen.
  2. Jetzt, nach einem Monat stark steigender Neuinfektionszahlen, geht die Kurve plötzlich wieder runter.
  3. Haben wir das Gröbste etwa schon überstanden?

Berlin – Für Entwarnung ist es noch viel zu früh, so die einhellige Meinung der Experten. Aber es gibt erste Anzeichen für eine zaghafte Entspannung. Dass es einen neuen Lockdown braucht, ist jedenfalls nicht ausgemacht.

Darum keimt Hoffnung

Bis zum vergangenen Freitag war die bundesweite Inzidenz einen knappen Monat lang von einem Höchststand zum nächsten enteilt. Nach einem viertägigen Plateau sinkt sie nun seit Dienstag auf aktuell 442,9 Fälle pro 100000 Einwohner, wie aus den Daten des Robert-Koch-Institutes hervorgeht.

Der gleiche Trend beim sogenannten R-Wert, der angibt, wie viele Personen ein Infizierter im Schnitt ansteckt: Am 5. November lag er bei bedrohlichen 1,26, zwei Wochen später bei 1,19. Seitdem geht es kontinuierlich auf zuletzt 0,89 nach unten. Damit ist der Wert „im grünen Bereich“, es stecken sich von Tag zu Tag weniger Menschen an.

Auch die Zahl der Menschen, die pro 100000 Einwohnern mit Covid im Krankenhaus behandelt werden müssen, hat sich seit dem 20. November von 10,9 auf 5,61 am 1. Dezember fast halbiert. Auch das heißt freilich nicht, dass die Zahl der Intensivpatienten nicht noch wochenlang steigen wird. Den Peak auf den Intensivstationen erwarten alle Fachleute um Weihnachten bis Mitte Januar, und es könnten mehr werden als die 5745 Intensivpatienten am 3. Januar 2021.

Darum ist die Hoffnung trügerisch

Die Gesundheitsämter sind vielerorts heillos überfordert und melden positiv Getestete teils mit erheblichem Verzug. Auch die Labore sind am Anschlag, sodass es zu Verzögerungen kommt. Zudem gibt es eine hohe Dunkelziffer, also nicht erkannte Corona-Fälle, wodurch das Bild unscharf bleibt.

Vor allem aber sind die bundesweiten Werte kaum aussagekräftig, weil die Lage regional so unterschiedlich ist. Sachsen hatte am Mittwoch eine Inzidenz von 1209,4, Schleswig-Holstein von 153,1. In NRW lag sie laut RKI bei 289,1.

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Der Virologe Klaus Stöhr beklagt angesichts dessen im Gespräch mit unserer Redaktion einen „Anfängerfehler der Epidemiologie“. „Die große regionale Diversität der Pandemiesituation sollte nun aber auch dem Letzen auffallen.“ In Deutschland brauche es wie überall in großen Territorien eine lokal spezifische Betrachtung – bei der Risikoeinschätzung wie bei der Bekämpfung, mahnt der frühere Direktor bei der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Worauf wir uns einstellen müssen

„Der Scheitelpunkt der aktuellen Welle ist noch nicht erreicht“, schreibt die Modelliererin Viola Priesemann in einer aktuellen Analyse. Dazu werde es aber „im Dezember“ kommen.

Omikron auch in NRW

In Nordrhein-Westfalen ist ein erster Fall der neuen Omikron-Variante des Coronavirus nachgewiesen worden. Eine entsprechende Information der Stadt Düsseldorf wurde vom NRW-Gesundheitsministerium bestätigt. Eine sogenannte Gesamtgenomsequenzierung habe eine Infektion mit der Virus-Variante nachgewiesen.

Zugleich wuchs die Zahl der Verdachtsfälle, an denen meist Reiserückkehrer beteiligt waren. So meldete der Kreis Kleve am Mittwoch sieben Verdachtsfälle. Betroffen sind unter anderen zwei Paare, die nach Reisen aus Südafrika zurückgekehrt waren. Einen weiteren Verdachtsfall meldete der Kreis Recklinghausen, ebenfalls nach einer Auslandsreise.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte am Sonntag berichtet, dass es in Essen und in Düsseldorf erste Verdachtsfälle gebe. In Essen konnte die Stadt bereits am Dienstag eine Entwarnung geben. Die beiden Betroffenen hätten eine seltene Delta-Form, aber nicht die neuartige Omikron-Virusvariante. (dpa)

Epidemie-Experte Stöhr wird auf Nachfrage präziser: „In den Hotspot-Regierungsbezirken mit dünner Impfdecke sehen wir wie vorhergesagt bald eine leichte Entschärfung der Situation. Nach rasantem Anstieg flacht sich die Kurve ab, weil in der Region nicht mehr ,genügend‘ empfängliche Personen ,erreichbar‘ sind“, erklärt der Fachmann. Paradebeispiel ist Bayern. Das sei aber kein Grund zur Entwarnung: „Die Inzidenz und Hospitalisierung wird im Winter auf hohem Niveau verbleiben, weil Kontakte häufig und Mobilität hoch sind. Außerdem brauchen die Impfkampagne und danach die Immunität Zeit, um Wirkung zu entfalten.“

Die Omikron-Variante ist aus Sicht Stöhrs zu beachten, aber vorerst kein Grund zum Alarmismus: Es sei völlig klar, dass neue Varianten auftauchen. „Aber genau wie bei Alpha und Delta wird es kein Turbovirus sein und auch keine neue Pandemie verursachen.“

Was hilft und was zu spät käme

Bund und Länder wollen an diesem Donnerstag den zuvor von den Ampel-Koalitionären ausgedünnten Instrumentenkasten wieder auffüllen: Auch nach dem 15. Dezember sollen regional Lockdowns für Ungeimpfte verhängt, Großveranstaltungen begrenzt und womöglich auch Bars und Diskotheken geschlossen werden dürfen, wo die Lage eskaliert.

Das hält Stöhr für sinnvoll: „Kurzfristig könnten Kontaktbeschränkungen zur Abmilderung beitragen“, sagt er. Viola Priesemann reicht das nicht: In „hochkritischen“ Bundesländern müssten auch Geimpfte ihre Kontakte stark einschränken und Schulen zurück in den Online-Modus, so ihre Forderung, mit der sie bislang nicht durchdrang.

Für beide Fachleute ist klar, dass mittelfristig, also bis Februar oder März, die Booster- und Erstimpfungen neben den Kontaktbeschränkungen über den weiteren Verlauf entscheiden. Priesemann hält 1,5 Millionen Impfungen pro Tag für nötig, zuletzt waren es rund 600000.

Eine allgemeine Impfpflicht wäre frühestens ab Februar einführbar, nach der Weihnachtspause des Bundestages. „Eine Impfpflicht ab diesem Zeitpunkt wäre für mich nicht geeignet, das aktuelle Problem effizient zu lösen“, sagt Stöhr.