Messechef Gerald Böse über unseren Ruf in der Welt, warum dieser gelitten hat, was sich ändern muss – aber er dennoch zuversichtlich ist.
Chef der Kölnmesse„Der Respekt vor Deutschland ist erschüttert“

Gerald Böse ist seit 2008 in seinem Amt.
Copyright: Martina Goyert
Die Messe Köln unterhält knapp 100 Auslandsvertretungen und besitzt elf Tochtergesellschaften auf allen Kontinenten außer Afrika. Das sind über 100 Standorte auch der Stadt Köln weltweit. Kaum ein regionaler Manager ist an so vielen Orten der Welt unterwegs wie Messechef Gerald Böse. Seit 2008 erlebt er, wie sich der Blick auf Deutschland verändert hat. Was schätzten die Geschäftspartner im Ausland an uns, worüber schütteln sie den Kopf?
Herr Böse, welchen Satz hören Sie im Ausland heute häufiger als noch vor zehn Jahren über Deutschland?
Gerald Böse: „Was ist da los?" werde ich häufig gefragt. „Was ist mit euch los?" Das höre ich am meisten.
Überrascht Sie das?
Keineswegs. Der Respekt, den man im Ausland vor Deutschland immer hatte, der ist ein Stück weit erschüttert. Weil die Menschen, die hierherkommen, einfach Dinge erleben, die sie normalerweise mit anderen Staaten in Verbindung gebracht haben.
Ein konkretes Beispiel?
Die Dysfunktionalität der Infrastruktur.
Wenn internationale Messegäste anreisen?
Ja, und schon in Frankfurt nicht mehr weiterkommen, weil es einen Streik der Piloten gibt. Dann sagen die Zugbegleiter, wir hören auf. Oder die Lokführer. Und dann geht es in der S-Bahn nicht weiter. Verspätungen, Baustellen, Streiks. Geschäftsreisende bleiben zwei Tage irgendwo in Deutschland hängen. Das ist nicht nur teuer, das nervt. Und es bleibt haften. So was machst du als Messegast einmal mit. Aber nicht dreimal in Folge. Und genau das ist uns in den letzten Jahren passiert.
Was ist Deutschland verloren gegangen?
Unsere große Stärke war die Konsensfähigkeit. Man setzte sich auch bei den schwierigsten Problemen hin und versuchte, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Genau diese Fähigkeit – diese Balance zwischen den einzelnen Interessensgruppen – ist uns ausgerechnet zu einem Zeitpunkt abhandengekommen, wo wir sie am bittersten brauchen würden.
Gibt es einen Moment, der für Sie eine Art Kipppunkt war?
Ich glaube, Deutschland war 2006 auf seinem Höhepunkt, wirtschaftlich und im internationalen Ansehen. Exportweltmeister, die WM bei uns, man ist mit dem ICE pünktlich zu jedem Spiel gefahren, da hat man sich gar keine Gedanken darüber gemacht. Eine sympathische Nation mit weltweiter Strahlkraft. Dann kam die Finanzkrise 2008, die Eurokrise, die Schuldenkrise, die Flüchtlingskrise, Corona, die Ukraine. Ab diesem Zeitpunkt hangelte sich die Politik nur noch von Krise zu Krise. Reform und Erneuerung sind dabei auf der Strecke geblieben.
Ich glaube, Deutschland war 2006 auf seinem Höhepunkt, wirtschaftlich und im internationalen Ansehen.
Warum?
Es gibt multiple Gründe, grundsätzlich aber: Wir sind in Deutschland auf einem unglaublichen Wohlstands-Niveau angelangt. Um das zu begreifen, hilft es sehr, in andere Teile der Welt zu reisen. Wir haben uns zu lange zu viel ums Verteilen und zu wenig ums Verdienen gekümmert. Bedingt durch billige Energiekosten, eine befriedete Tariflandschaft. Das ist vorbei. Wir müssen uns bewegen.
Welche Rolle spielt dabei die jüngere Generation?
Nicht alle, aber viele Jüngere sehen nicht die Notwendigkeit, sich in den wirtschaftlichen Prozess einzubringen. Das kann man ihnen aber gar nicht verübeln – die Alten sind genauso in der Pflicht, sie haben die Jungen ja nie dazu aufgefordert. Es ist immer alles im Überfluss da gewesen. Aber das Bewusstsein, dass ohne funktionierende Wirtschaft auch das Staatswesen gefährdet sein kann, fehlt vielen. Da müssen alle Generationen ran.
Was wäre ein Signal?
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht und des Zivildienstes. Früher hat man gesagt: Ich bin fertig mit Schule oder Lehre - jetzt muss ich ein Jahr für diesen Staat arbeiten, damit er auch weiter für mich arbeitet. Dieses Bewusstsein ist verloren gegangen. Aber auch die Älteren müssen Ihren Beitrag leisten. Stichwort Rente mit 63.
Herr Böse, sind Messen ein Seismograf der Wirtschaft?
Das kann man so sagen, ja. Vor allem auch ein Seismograf des Mittelstands. Über 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind Mittelstand.
Und was spüren Sie?
Heftige Erschütterungen. Denn gerade bei diesen Mittelständlern sehen wir eine Zurückhaltung, die uns zeigt, unabhängig vom Messegeschäft, dass das Geld knapp ist.
Was folgt daraus für die Messe Köln?
Es verschiebt sich etwas. Wenn deutsche Unternehmen nicht mehr an den Standort Deutschland glauben und woanders investieren, dann werden sie im Ausland zukünftig ihre Messebeteiligung erhöhen und hierzulande im besten Falle beibehalten. Das ist die Logik, die wir mit unserer internationalen Strategie verfolgen. .Wir wollen und müssen auf diesen Märkten präsent sein.
Welche Nation ist auf den wichtigen deutschen Messen überproportional vertreten?
Nicht wirklich überraschend ist China nun die Nummer eins bei den internationalen Ausstellern. Über 20.000 chinesische Unternehmen sehen wir pro Jahr auf deutschen Messen. Danach kommen Italien und die Niederlande. Das ist die neue Realität.
Ein konkretes Beispiel?
Die Eisenwarenmesse. Früher waren 97 Prozent der Aussteller Deutsche. Heute sind es maximal zehn Prozent. Die überwiegende Mehrheit kommt aus China, Indien, Taiwan. Das vielleicht krasseste Beispiel ist die Möbelmesse: 2020 hatte sie noch 1.300 Aussteller, belegte das ganze Gelände. Während Corona musste sie pausieren, danach durchlief die gesamte Möbelbranche eine Konsolidierungswelle – und zwar in atemberaubender Geschwindigkeit.
Die Möbelindustrie als Krisenindikator?
Da gibt es gewaltige Verschiebungen, auch wegen der Konzentration im Handel. Aber diesen Transformationsdruck finden Sie momentan überall. Automobilindustrie, die chemische Industrie, die Elektroindustrie – alles unsere Messekunden. Dabei heißt Messe auch, sich miteinander zu messen. Wenn deutsche Hersteller also Marktanteile verlieren, zeigt sich das hier zuerst: weil sie nicht mehr da sind.
Was beobachten Sie?
Dass die Überkapazitäten aus China derzeit gigantisch sind. Der Konsumgütermarkt in China stagniert, der Immobilienmarkt wackelt, immer weniger neue Wohnungen werden gebaut. Aber die Produktion läuft weiter. Wohin geht sie? In die ganze Welt, und das sehen wir auf allen in Messeplätzen, in Europa, Südamerika, Asien. Da stehen chinesische Aussteller mit großen Ständen, und die Deutschen bringen, wenn es gut geht, einen kleinen Gemeinschaftsstand zusammen.
Unsere Unternehmen verlieren international Präsenz?
Unbedingt. Sowohl auf den Leitmessen in Deutschland als auch im Ausland. Gerade die Messen in Deutschland wurden durch die deutsche Industrie weltweit führend. Jetzt überlässt man die Plattform anderen, die das intensiv nutzen.
Was sind die Gründe?
Natürlich stehen immer mehr Unternehmen in Deutschland unter massiven Kostendruck. Fakt ist aber auch: Der Bund streicht ausgerechnet in dieser kritischen Phase das Auslandsmesseprogramm zusammen, das kleine und mittlere Unternehmen unterstützen könnteDie gesamte Summe beträgt aktuell nur noch 44 Millionen Euro pro Jahr. Das ist lächerlich. Die Messewirtschaft versucht schon seit Jahren, daran etwas zu ändern, aber das Geld wird immer weiter gekürzt.
Sie haben über 100 Auslandsvertretungen. Was hat sich geopolitisch verändert?
Wir erleben eine neue Epoche. Der Traum des weltweiten freien Handels ist geplatzt. Jetzt bilden sich neue Handelsblöcke. Die Asien-Pazifik-Region ist ein Block, Amerika ist ein Block, Europa ist ein Block. Wenn du in bestimmten Regionen Geschäfte machen willst, musst du da vor Ort vertreten sein.
Was sind so die drei europäischen Länder, die Sie am positivsten überrascht haben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren?
Spanien hat sich sehr gut entwickelt, ebenso Länder wie Dänemark. Dort ist man bereit, Entscheidungen schneller zu korrigieren, wenn sie sich als falsch erweisen. In wirtschaftlichen, wie gesellschaftspolitischen Fragen legen sie den Schalter schneller um als wir – auch bei der Verteidigung, wo noch einiges auf uns zukommt. Dazu Italien. Unabhängig von der Parteizugehörigkeit: Es gibt, glaube ich, seit Jahrzehnten kaum eine beliebtere Regierung in Italien als die aktuelle. Die Italiener kämpfen wirtschaftlich um den Erhalt ihrer Kernbranchen, das muss man schon sagen.
Kämpfen wir in Deutschland genug?
Die Unternehmer kämpfen, keine Frage. Aber Deutschland braucht insgesamt ein neues Betriebssystem, das scheint mir noch nicht überall angekommen zu sein. Ein paar Stellschrauben reichen nicht mehr. Wir müssen an Digitalisierung, Bürokratie und Infrastruktur ran. Warum schauen wir nicht stärker darauf, was im Ausland funktioniert? Eine einfache Autobahnmaut wie in der Schweiz, schnellere Baustellen wie in Frankreich – wir müssen aufhören, alles endlos zu diskutieren und endlich ins Machen kommen.
Wenn Sie dem Bundeskanzler drei wirtschaftspolitische Ratschläge geben dürften, welche wären das?
Dünnes Eis. Ich glaube, dass der Kanzler kein Erkenntnisproblem hat. Er hat genug Leute, die ihm auch sagen, worauf es ankommt. Nein, Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem. Wir sind zu kompliziert geworden, von der Entscheidungsfindung bis zur Umsetzung. Ein Stück weit müssen wir auch wieder zu unseren – vielleicht langweiligen, aber erfolgreichen – Tugenden zurück.
Deutschland hat kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.
Die da wären?
Gründlich planen, das spart viele Kosten. Wieder deutlich mehr arbeiten, in jeder Hinsicht. Und die Wirtschaft muss wieder ins Zentrum des Bewusstseins rücken – bei Politik, Verwaltung, aber auch in der Öffentlichkeit. Das ist es, was fehlt.
Ihr Blick auf Köln?
Köln ist eingebettet in eine Region, die zu den attraktivsten in Europa zählt. Aber wenn man 30 Jahre an der Infrastruktur nichts mehr macht und dann alles zusammenkommt - dann passiert das, was wir gerade sehen: eine multiple Krise. Deshalb müssen wir jetzt priorisieren, denn nicht alles ist gleichzeitig lösbar. Wir dürfen auf bestehende Probleme nicht ständig neue draufpacken.
Was heißt das für diese Stadt?
Für Köln würde ich vorschlagen: Die bestehenden Probleme, die klar sind, müssen jetzt mal abgearbeitet werden. Das Baustellen- und Verkehrschaos, Aufwertung der Innenstadt aber auch die marode Museumslandschaft. Zu einer Wirtschaftsmetropole gehört auch, dass nicht fast alle Museen gleichzeitig geschlossen sind. Ich glaube das, was der neue Oberbürgermeister gerade tut, ist der richtige Ansatz: Er versucht, die dringendsten Dinge der Reihe nach anzugehen.
Sie sind seit 2008 Gastgeber für die Welt hier in Köln. Was überwiegt derzeit – das Negative oder Positive?
Die Zuversicht.