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Blick auf KrankenstandSind wir Deutschen verweichlichter als früher?

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Die neue elektronische Krankmeldung lässt die Zahlen steigen, weil heute kaum noch ein Fehltag in der Statistik vergessen wird.

Die neue elektronische Krankmeldung lässt die Zahlen steigen, weil heute kaum noch ein Fehltag in der Statistik vergessen wird,

Ein Blick in die Statistik zeigt: Der aktuelle Krankenstand ist zwar hoch, aber historisch betrachtet nicht außergewöhnlich. Was da wirklich los?

Menschen in Deutschland lassen sich zu oft krankschreiben, beklagt Bundeskanzler Friedrich Merz recht unverblümt. Tatsächlich bewegt sich der Krankenstand auf hohem Niveau. Nach Angaben der Krankenkasse DAK lag er im vergangenen Jahr bei 5,4 Prozent; im Schnitt fehlten Beschäftigte – in Kalendertagen gerechnet – 19,5 Tage. Blickt man nur auf Werktage, waren es 2024 laut Statistischem Bundesamt 14,8 Fehltage; Merz spricht aktuell von 14,5.

Noch 2021 lag der Krankenstand bei nur 4,0 Prozent, seit Anfang des Jahrtausends bewegte er sich auch nur sehr selten oberhalb dieser Marke. Woher kommt also der deutliche Anstieg? Waren die Menschen früher gesünder? Oder weniger wehleidig? Oder hatten sie einfach bloß eine bessere Arbeitsmoral – wie der Kanzler andeutet, wenn er rhetorisch fragt, ob der hohe Krankenstand „wirklich notwendig“ sei?

Auch früher war der Krankenstand hoch

Ein Blick in die Statistik zeigt: Der aktuelle Krankenstand ist zwar hoch, aber historisch betrachtet nicht außergewöhnlich – in den 60er- und 70er-Jahren bewegte er sich lange auf einem ähnlichen Niveau wie heute. Laut Statistiken des Bundesgesundheitsministeriums und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) lag er zwischen 1960 und 1981 fast durchgehend oberhalb von fünf Prozent. Nur 1964 und 1967/68 bewegte er sich unterhalb dieser Marke, aber immer noch bei mindestens 4,5 Prozent. 1973 wurde mit 6,03 Prozent ein Rekordwert erreicht. Auch die Zahl der Fehltage lag mit bis zu 14,3 Tagen teils ähnlich hoch wie heute.

Gleichwohl bleibt der sprunghafte Anstieg von 2021 auf 2022 durchaus auffällig. Merz macht vor allem die in Corona-Zeiten geschaffene Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung verantwortlich. Die Vermutung, dass die Hemmschwelle für eine eigentlich unnötige Krankmeldung dadurch gesenkt wurde, liegt zumindest nicht fern – ein solcher Zusammenhang ist in der Branche allerdings umstritten.

Im Fokus: Die telefonische Krankschreibung

Während der Chef des Kassenärzteverbands, Andreas Gassen, dem Kanzler darin beipflichtet, dass die Telefon-AU zum Missbrauch einlade, bezeichnet Hausärzte-Chef Markus Beier einen solchen Effekt im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland als „Märchen“. Eine Untersuchung des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung weist zudem darauf hin, dass 2023 insgesamt 117 Millionen Krankmeldungen nur 7,5 Millionen telefonische Beratungen gegenübergestanden hätten, ihr Einfluss auf die Gesamtzahlen also kaum entscheidend sein kann.

Mediziner und Kassen sehen den Grund für den Anstieg eher woanders, nämlich in der ebenfalls 2022 erfolgten Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU): Während zuvor insbesondere Kurz-Krankschreibungen nicht immer den Weg von der Arztpraxis zur Krankenkasse gefunden hätten, ergebe sich durch die Digitalisierung nun ein kompletteres Bild, argumentiert unter anderem die DAK. Sprich: Der hohe Krankenstand biete ein realistischeres Bild als die Werte vergangener Jahre. Es ist also wahrscheinlich, dass auch die Zahlen der 60er- und 70er-Jahre eher zu niedrig angesetzt sind; der Krankenstand damals also höher war als heute. Nachprüfen lässt sich das indes kaum mehr.

Deutschland ist Spitzenreiter beim Krankenstand

Die eAU erklärt demnach auch das schlechte Abschneiden der Bundesrepublik im internationalen Vergleich. Tatsächlich lag Deutschland in einer OECD-Studie aus dem Jahr 2022 mit 24,9 Krankheitstagen – auch hier sind Kalendertage gemeint – einsam an der Spitze der herangezogenen Mitgliedsländer, in Schweden oder Dänemark etwa lag die Zahl nicht einmal halb so hoch. Allerdings, so warnen Experten etwa des IGES-Instituts oder der DAK, seien solche Vergleiche mit Vorsicht zu genießen. „Eine wesentliche Schwierigkeit in der Vergleichbarkeit besteht darin, dass in keinem Land die bezahlten Fehlzeiten vollständig erfasst werden und sich der Grad der Untererfassung zwischen den Ländern stark unterscheidet.“ Da Krankheitszeiten in Deutschland lückenloser erfasst werden als anderswo, seien entsprechende Vergleiche mithin wenig aussagekräftig.