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Rundschau-DebatteWar der Synodale Weg ein Erfolg?

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Ein Schild weist auf die Synodalversammlung des Synodalen Wegs der katholischen Kirche hin.

Ein Schild weist auf die Synodalversammlung des Synodalen Wegs der katholischen Kirche hin.

Debattieren, streiten, beten: Mit dem Synodalen Weg wollte die katholische Kirche in Deutschland auf massenhaften sexuellen Missbrauch reagieren. Nach sechs Jahren geht das Reformprojekt zu Ende. Ein Rückblick.

Ein eigenes Gebet und besondere Kerzen: Die Eröffnung des Synodalen Weges 2019 wurde deutschlandweit in Gottesdiensten begangen. Hoffnung auf Veränderung war spürbar, damals, kurz bevor Covid-19 zur Pandemie wurde. Jetzt, mehr als sechs Jahre später, geht der Synodale Weg zu Ende. Was hat der Reformprozess bewirkt, und wie ist er abgelaufen?

Worum es beim Synodalen Weg gehen sollte

Der Synodale Weg war eine Antwort der deutschen Bischöfe auf die Berichte über massenhaften sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Die Kirche, heißt es in der 2019 verabschiedeten Satzung, werde durch eine „tiefe Krise“ erschüttert, die „insbesondere durch den Missbrauchsskandal“ verursacht worden sei. Sie mache sich daher auf einen Weg „der Umkehr und der Erneuerung“.

Eine deutschlandweite Untersuchung, die sogenannte MHG-Studie, hatte 2018 strukturelle Gründe benannt, die solche Gewalt und ihre Vertuschung in der Kirche begünstigten. Vor allem: die ehelose Lebensform der Priester (der Zölibat), die rigide katholische Sexualmoral sowie Machtfragen in der hierarchischen Struktur.

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) bat daraufhin die größte Dachorganisation katholischer Gläubiger, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), um einen Reformprozess: Der Synodale Weg wurde geboren. Neben allen rund 70 deutschen Bischöfen nahmen ebenso viele Mitglieder des ZdK sowie Vertreter weiterer Berufsgruppen, etwa Priester, Pastoralreferenten oder universitäre Theologen, teil.

Worum es tatsächlich beim Synodalen Weg ging

Doch noch bevor es mit dem Synodalen Weg überhaupt anfing, nutzte das ZdK sein Gewicht schon für eine Ausweitung des Mandats. Neben dem Zölibat, der Sexualmoral und den Machtstrukturen sollte es um ein weiteres Thema gehen: die Rolle der Frau.

Der damalige Vorsitzende der DBK erklärte vielsagend, es gehe beim Synodalen Weg darum, die „Relevanz von Glaube und Kirche wieder in die gesellschaftliche Debatte einzubringen und gleichzeitig Antworten auf binnenkirchliche Fragen zu finden“.

Frauen, Zölibat, Sexualmoral, Macht – das Programm des Synodalen Weges las sich jetzt auch wie ein Manifest der allgemein bekannten Forderungen unter deutschen Reformkatholiken.

Plötzlich ging es nicht mehr nur um die Aufarbeitung und Verhinderung von sexuellem Missbrauch – sondern auch darum, eine Kirche, die im Zuge der allgemeinen Säkularisierung immer stärker an Bedeutung verliert, wieder relevanter zu machen.

So verliefen die Fronten beim Synodalen Weg

Reform hatte Konjunktur beim Synodalen Weg, das war schon deswegen vorhersehbar, weil das ZdK insgesamt als sehr progressiv gilt. Dezidiert konservative Teilnehmer, die auch noch abweichende Äußerungen im Plenum der Synodalversammlung wagten, gab es nur wenige.

Eine Gruppe von vier Bischöfen um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki verstieg sich allerdings zur Fundamentalopposition – manche von ihnen nahmen am Ende gar nicht mehr teil.

Ein Seitenaspekt: Es war ausgerechnet der Vertreter der muttersprachlichen Gemeinden – also Katholiken mit Zuwanderungsgeschichte –, der sich an deutschen Diskussionen über Strukturen weniger beteiligen mochte und auch jetzt in Stuttgart wieder den Vorrang der Evangelisierung, also der Missionierung, anmahnte.

Hier ging es hoch her

Der Synodale Weg hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in Ausschüssen Grundsätzliches zu diskutieren und konkrete Reformen vorzuschlagen. Bei einer ersten Bewährungsprobe kam es dann zur Bauchlandung: Im September 2022 lehnte die Synodalversammlung eine Grundsatzresolution über Sexualität und Geschlecht ab. Zwar hatten 80 Prozent der Delegierten zugestimmt, aber eine Sperrminorität der Bischöfe hatte dem Text die Zustimmung verweigert.

Im Saal ging es hoch her. Emotionale Synodenmitglieder verließen den Raum, die Sitzung wurde unterbrochen, der Vorsitzende der Bischofskonferenz rief die Oberhirten zum Rapport. Ob und wie es mit dem Synodalen Weg weitergehen würde, das war an diesem Abend nicht klar. Dass am selben Abend die britische Königin Elisabeth II. starb, verhinderte ein noch größeres Medienecho.

Ein Jahr zuvor hatte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, einer der im Vatikan gut vernetzten konservativen Kritiker, für Aufruhr gesorgt. Er wisse um die Traumata der Opfer sexueller Gewalt, sagte Voderholzer, er lehne aber eine „Emotionalisierung und das unfehlbare Lehramt der Betroffenen“ ab. Wieder Aufruhr im Saal.

Beim Synodalen Weg war immer wieder vom „Lehramt der Betroffenen“ die Rede. Die Idee: Wer sexualisierte Gewalt erlebt und überlebt habe, habe besondere Expertise, wie sich Wiederholungen verhindern ließen. Zugleich steht der Begriff für eine Aufwiegung der Betroffenenperspektive mit dem kirchlichen Lehramt, das nach katholischem Verständnis vom Papst und den Bischöfen ausgeübt wird.

Dauerstreit mit Rom

Der Synodale Weg führte zu schweren Verwerfungen zwischen Deutschlands Katholiken und dem Vatikan. Schon vor Beginn des Prozesses warnte Papst Franziskus vor Kirchenspaltung und ideologisch motivierter Eigenbrötlerei.

Die konservativ-kritischen Bischöfe um Kardinal Woelki befeuerten die Sorgen im Vatikan mit Privatdiplomatie. Auch dem Botschafter des Papstes in Deutschland, Nikola Eterović, wird nachgesagt, gegen den Synodalen Weg gearbeitet zu haben.

2022 gab es gar ein regelrechtes Stoppschild aus dem Vatikan. Keine eigenständigen Änderungen an Moral, Lehre oder Leitungsstrukturen!, hieß es aus Rom. Stattdessen sollten die Deutschen ihre Ansichten in die Weltkirche einbringen, wo Papst Franziskus einen Beratungsprozess für mehr Synodalität ausgerufen hatte.

So ging es weiter: Die Idee, eine dauerhafte Synodale Versammlung einzurichten, in der Bischöfe und Laien gemeinsam Entscheidungen treffen, provozierte in Rom ebenfalls Widerstand. Erst am Ende ist es der DBK durch enge Abstimmungen mit Rom gelungen, die vatikanische Vollblockade aufzuweichen.

Was vom Synodalen Weg bleibt

15 beschlossene Texte, 326 Seiten: Manche thematisieren grundsätzliche kirchliche Macht, den Zölibat oder die Frauenfrage. Viele andere präsentieren konkrete Forderungen und Empfehlungen. Veränderungen am kirchlichen Arbeitsrecht, die die Rechte der Angestellten stärken, sind bereits umgesetzt worden.

Doch Papier ist geduldig. Am bedeutsamsten dürfte vielleicht die Synodale Konferenz werden, die ab Herbst 2026 dauerhaft eingerichtet werden soll. Hier sollen Bischöfe und Gläubige auf nationaler Ebene dauerhaft gemeinsam beraten und entscheiden.

Eine Frage, die bleibt: Wie bedeutsam ist das? Die meisten Entscheidungen werden schließlich wahlweise in einem einzelnen Bistum getroffen – oder gleich auf Ebene der Weltkirche. Im Übrigen: Der Haushalt, über den die DBK verfügt, ist kleiner als in den meisten Bistümern und noch dazu durch Personalausgaben und andere vertragliche Verpflichtungen langfristig gebunden. Welche Bedeutung mithin die Debatten und Entscheidungen der künftigen Synodalen Konferenz haben werden, bleibt abzuwarten.

Derweil ist die Begeisterung unter den deutschen Bischöfen offenbar abgeflaut. Jedenfalls konnte sich nicht mal mehr ein Drittel aller Oberhirten dazu motivieren, einen Auswertungsfragebogen zum Synodalen Weg auszufüllen. Die Bischöfe wissen, dass sie am Ende diejenigen sind, die zentrale Entscheidungen treffen können – und verantworten müssen.