Es beginnt mit einem heillosen Durcheinander. 19 Kinder schnappen sich je einen Tennisschläger und einen Ball und beginnen in der kleinen Turnhalle damit zu spielen.
„Die Bälle bitte nicht kreuz und quer durch die Halle schlagen“, ruft Diplom-Sportlehrer Andreas Hense den Kölner Schülern zu. Mehr Vorgaben bekommen die Viertklässler der Grundschule Mainzer Straße erst einmal nicht. Und das, obwohl einige zuvor noch nie einen Tennisschläger in der Hand gehalten haben. Sie sollen das Material einfach mal ausprobieren. Nach kurzer Zeit haben fast alle eine geeignete Spielform gefunden. Sie stehen sich zu zweit gegenüber und spielen den Ball hin und her.
Neues Sportorientierungsprogramm
Es ist die erste von vier Doppelstunden Tennis – einer von zehn Sportarten, die die Kinder binnen eines Schuljahres kennenlernen. Vorher stand vier Wochen Handball auf dem Programm. Die Übungseinheiten laufen bei allen Sportarten nach dem gleichen Muster ab. Dem offenen Beginn, der aufmerksam vom Lehrer verfolgt wird, folgt eine kurze Besprechungsrunde. Alle sitzen im Kreis und Hense gibt ein paar Erläuterungen zur Sportart. Anschließend gibt es eine Aufwärmrunde mit Fangspielen, bevor mit der Spielform „Elements“ die elementaren Techniken der Sportart geübt werden.
Alle Kinder sind mit Einsatz bei der Sache. Dies ist keine normale Sportstunde, sie haben sich bei „Kids in Motion“ angemeldet. Ein neues Sportorientierungsprogramm im Rahmen des offenen Ganztags.
Der Fünf-Finger-Vertrag
Bewegungsdrang erhalten
Die meisten Kinder lieben es, sich zu bewegen. Dieser natürliche Bewegungsdrang nimmt jedoch im Laufe der Jahre ab; Eltern, Lehrer, Betreuer oder Jugendtrainer sehen es als wichtige Aufgabe an, die Freude am Sport zu erhalten und zu fördern.
Neben den positiven körperlichen Aspekten profitiert auch die geistige Entwicklung des Heranwachsenden. Das Selbstvertrauen wird gestärkt, soziale Kompetenzen können erlangt werden, wie zahlreiche Studien zeigen konnten.
Der Haken: Sportunterricht kommt in der Schule oft zu kurz. Seit 2002 hat sich in den Schulplänen europäischer Länder die durchschnittlich für Schulsport vorgesehene Zeit verringert. Erschwerend kommt hinzu, dass sich 80 Prozent der Kinder im Schulalter Schätzungen zufolge ausschließlich im Schulalltag körperlichen Belastungen aussetzen. Zunehmender Bewegungsmangel und Übergewicht schon in jungen Jahren sind die Folge. Ein späterer Einstieg in eine Sportart wird so immer schwieriger.
Erlebnisorientierter Ansatz
Mario Rieder kennt das Problem. Der Sportwissenschaftler aus Köln arbeitet seit vielen Jahren mit Kindern und Jugendlichen in Schulen und Vereinen zusammen; mit seinem Partner Volker Zirkel und der Firma Sportag hat er das Konzept zu „Kids in Motion“ entwickelt. „Wir wollen die vorhandene Begeisterungsfähigkeit der Kinder nutzen und ihnen aufzeigen, welche Sportart am besten zu ihnen passt. Denn dann ist die Chance am größten, dass sie auch in späteren Jahren dabeibleiben und den Sport, ihren Sport, im besten Fall ein Leben lang mit Freude ausüben“, erklärt Rieder den erlebnisorientierten Ansatz seines Programms.
Heranführen an die „richtige“ Sportart
Dabei können Kinder im Alter von neun bis elf Jahren innerhalb eines Schuljahres zehn Sportarten ausprobieren. Ziel ist, die Sportart herauszufinden, die am besten zum Kind passt. Damit soll auch das „Vereinshopping“ gemindert werden: „Für viele Eltern ist es ein zeit- und kostenintensives Verfahren, den richtigen Sportverein für ihr Kind zu suchen und es auch ausprobieren zu lassen“, schildert Rieder seine Erfahrungen. Stattdessen soll eine eigenständige Entscheidung der Kinder gefördert werden, die schließlich in der Vermittlung der Kinder in die ortsansässigen Sportvereine mündet.
EU unterstützt neues Sportprogramm
Der Offene Ganztag bietet schon viele Angebote in allen möglichen Sportarten, wie Sabine Schulz-Brauckhoff vom Ganztagsträger Netzwerk erläutert: „Schließlich ist es unser Ziel, dass Bildung und Entwicklungsförderung nicht um zwölf Uhr aufhört.“ Das Programm „Kids in Motion“ sei an dieser Stelle eine gute Ergänzung für Kinder, die bereits sportliche Erfahrungen gesammelt haben und sich für viele Sportarten begeistern.
So funktioniert das Programm
Unter dem Slogan „lifelong learning“ (lebenslanges Lernen) unterstützt die Europäische Union das Programm der Kölner Sportwissenschaftler. Umgesetzt wird das Programm derzeit in Slowenien, Tschechien, Spanien und Deutschland.
In Deutschland sind neben der Schule in Köln Schulen in Wesseling, in Frechen und in Schneeberg bei Chemnitz involviert. Im nächsten Schritt soll das Konzept europaweit noch mehr verbreitet werden. Dafür wird ein weiterer Antrag bei der EU gestellt, der ergänzend e-Learning-Plattformen und Apps für die Sportlehrer vorsieht.
Kinder zeigen Dynamik und Einsatz
Die Schüler der Mainzer Straße sind mittlerweile bei den Staffelspielen angekommen. Vier Teams treten gegeneinander an und spielen sich den Ball mit unterschiedlichen Techniken zu. Dabei wird es richtig laut. Denn es gibt nicht nur Punkte für das schnellste Team, sondern auch Extrapunkte für besonders lautstarkes Anfeuern. Mit dem Lärmpegel steigt dann die Dynamik und der Einsatz der Kinder.
Die wenig lieblichen Teamnamen, die Sportlehrer Hense den Mannschaften zugeteilt hat, sorgen für zusätzlichen Spaß. Schließlich gewinnt Team „Nasenpopel“ vor Team „Käsefüße“.
Noch mehr Orientierung
Informationen
Schulen, Ganztagsträger und Eltern, die Interesse am Sportorientierungsprogramm „Kids in Motion“ haben, finden weitere Informationen und Ansprechpartner unter