Köln – Knapp fünf Jahre nach dem Einsturz des Stadtarchivs am 3. März 2009 tritt die Suche nach den Schuldigen der Katastrophe, die zwei Menschenleben forderte und Kulturgüter von unschätzbarem Wert zerstörte, noch immer auf der Stelle. Doch nun soll endlich Bewegung in die Sache kommen. Die Staatsanwaltschaft Köln wird in Kürze Dutzende Beschuldigte benennen, bei denen ein konkreter Anfangsverdacht besteht, dass sie das Unglück verursacht haben oder mitverantwortlich sind.
Die Ermittlungen
Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich und sein Team nahmen direkt nach dem Unglück Ermittlungen wegen des Verdachts der Baugefährdung und fahrlässigen Tötung auf. Die Ermittlungsgruppe „Severin“ befragte Zeugen und beschlagnahmte Akten, Pläne und Computer. Deren Auswertung dauerte Jahre, doch rasch wurde klar, dass auf der Baustelle einiges im Argen lag. Die Ermittlungen wurden bisher gegen Unbekannt geführt. Und das war gut so, angesichts der komplizierten Beweissuche, die immer noch nicht abgeschlossen ist. Hätte man von Anfang an gegen konkrete Beschuldigte ermittelt, wären die Taten am 3. März 2014 verjährt, da eine Frist von fünf Jahren gilt. Die Benennung der Beschuldigten unterbricht die Verjährung – die Staatsanwaltschaft hat nun weitere fünf Jahre Zeit, Anklage zu erheben.
Die Spezialsoftware
Damit Elschenbroich und seine Ermittler der gewaltigen Datenmenge Herr werden konnten, stellte ihnen das Landeskriminalamt (LKA) im Rahmen eines Pilotprojekts die Spezialsoftware „Zylab“ zur Verfügung, die auch vom FBI eingesetzt wird. Der komplette Inhalt von rund 3000 Aktenordnern wurde eingescannt, gesichtet, nach Themenkomplexen kategorisiert und verschlagwortet. Insgesamt kamen 7,5 Terabyte Daten zusammen – was rund 350 Millionen DIN-A4-Seiten entspricht.
Das Beweisverfahren
Parallel zum strafrechtlichen Verfahren läuft seit 2010 auf Antrag der Stadt Köln und der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) am Landgericht ein selbstständiges Beweisverfahren, dessen Ergebnisse sowohl zur Klärung zivilrechtlicher Ansprüche (die Stadt beziffert den Schaden auf eine Milliarde Euro) als auch für Strafprozesse genutzt werden sollen.
Im Beweisverfahren hat die Stadt 24 mögliche Verursacher benannt, darunter die Arbeitsgemeinschaft (Arge) der am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen Bilfinger, Züblin und Wayss & Freytag sowie den für den Bau der unterirdischen Schlitzwand verantwortlichen Polier. Ferner Bauleiter und Projektverantwortliche der Arge und ihrer Subunternehmer, darunter Ingenieure, Statiker, Geotechniker, Brunnenbauer und Spezialbaufirmen.
Die Beschuldigten
Weil die Staatsanwaltschaft nicht die Firmen selbst, sondern nur deren verantwortliche Mitarbeiter verfolgen kann, gehen Beobachter davon aus, dass die Behörde den Kreis der Beschuldigten erheblich größer ziehen wird als die Stadt. So dürften auch Verantwortliche bei der KVB betroffen sein, die als Bauherrin die Bauaufsicht wahrnahm.
Die Zustände am Bau
Nach dem Einsturz kamen erschreckende Details zum U-Bahn-Bau ans Licht. Berichte über Pfusch, Schlamperei, mangelhafte Kontrollen und systematische Vertuschung machten die Runde. Man hatte Bauprotokolle gefälscht und Alarmzeichen wie klaffende Risse in umliegenden Gebäuden ignoriert. Als immer mehr Grundwasser in die Baugrube am Waidmarkt eindrang, suchte man nicht die Ursache, sondern setzte einfach mehr Pumpen ein. Genehmigt waren nur vier, tatsächlich gab es 27.
Laut dem Prüfingenieur Prof. Rolf Sennewald wurden am 8. Februar 2009, vier Wochen vor dem Einsturz, bis zu 728 Kubikmeter Wasser pro Stunde abgepumpt – ein Vielfaches der erwarteten Menge. Vermutet wird, dass mit dem Wasser große Mengen Erdreich weggespült wurden und dadurch Hohlräume entstanden – im Deutzer Hafen, wohin das Wasser abgepumpt wurde, bildete sich eine Sandbank.
Doch was war letztendlich ausschlaggebend dafür, dass dem Archiv der Boden entzogen wurde?
Die Lamelle 11
Viele Indizien weisen darauf hin, dass ein Loch oder Spalt in der Lamelle 11 der Schlitzwand die Hauptursache für das Unglück ist. Als die 40 Meter tiefe, 3,40 Meter breite und einen Meter dicke Wand im September 2005 gebaut wurde, gab es zahlreiche Probleme. Die Baggerschaufel ging kaputt, die Arbeiten mussten mehrfach unterbrochen werden.
Denkbar ist, dass ein beschädigtes Fugenblech an der benachbarten Lamelle 10 dazu führte, dass sich der Greifer verkantete und man damit nicht mehr weiterkam. Statt den Schaden zu beheben, ließ man mit einem nur 2,80 Meter breiten Greifer weitergraben.
Ein Insider schildert die Situation so: „Der Polier stand unter Zeitdruck. Die Arbeiten dauerten schon eine Woche, viel länger als geplant. Es war ein Samstag, und die Wand musste fertig werden.“
Experten gehen davon aus, dass die Lamelle 11 nicht korrekt ausgehoben und in der Folge möglicherweise auch nicht korrekt betoniert wurde. Außerdem liegt der stählerne Bewehrungskorb hier nicht in der richtigen Position – eventuell wurde er manipuliert, um hinein zu passen. Denkbar ist also, dass die Armierung des Stahlbetons eventuell lückenhaft war und Teile der Lamelle aus instabilen Materialien bestanden. Doch warum fielen die Schäden niemandem auf?
Klar ist, dass das Bauprotokoll zur Lamelle 11 gefälscht ist. Es enthält die Daten der Lamelle 5. Warum es manipuliert wurde und wer dafür die Verantwortung trägt, gehört zu den Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt.
Loch kontra Grundbruch
Stadt und KVB argumentieren, dass durch Löcher in der Schlitzwand 5000 Kubikmeter Erdreich in das Gleiswechselbauwerk (GWB) geströmt seien, somit ein Baufehler den Einsturz verursacht habe. Rammsondierungen des Gerichtsgutachters Prof. Hans-Georg Kempfert ergaben, dass es im GWB vor Lamelle 11/12 und 10 auffällige Zonen lockeren Erdreichs gibt (siehe Grafik). Laut Stadt passen sie zu den vermuteten Fehlstellen in der Schlitzwand. Klarheit soll die Beweissicherungsgrube bringen.
Die Arge hält an der These fest, dass das Unglück durch einen Grundbruch verursacht wurde, bei dem das Wasser schlagartig unter der Schlitzwand hindurch in die Baugrube eindrang. In diesem Fall müsste die Braunkohleschicht innen wie außen zerstört sein. Bohrungen legen jedoch nahe, dass sie weitgehend intakt ist.
Ausblick
Ob und wann die Staatsanwalt Anklage erhebt, ist noch völlig offen. Zunächst will man die Einlassungen der Beschuldigten und die neuen Erkenntnisse aus dem Beweissicherungsbauwerk abwarten.
