Hoffnung legt der Zirkusdirektor bei seinen Plänen für ein Zirkusmuseum in den neuen Kölner Oberbürgermeister.
Roncalli-Direktor Bernhard Paul„Ich will in die Zukunft“

Bernhard Paul im Interview mit der Kölnischen Rundschau.
Copyright: Thomas Banneyer
Derzeit spielt der Circus Roncalli noch in Recklinghausen, danach geht es weiter auf dem Neumarkt. Vor dem Kölner Gastspiel (10. April bis 25. Mai) sprach Henriette Sohns mit Roncalli-Chef und Zirkusdirektor Bernhard Paul.
Wie geht es Ihnen?
Manchmal denke ich: Ach du Scheiße. Ich werde 80 nächstes Jahr. Ich fühle mich nicht so, aber es wird mir bewusst. Und es geht ja immer weiter, ständig expandieren wir: Wir haben dieses Jahr die Jubiläumstournee, vier Weihnachtscircusse – die waren sofort ausverkauft – und drei Weihnachtsmärkte gleichzeitig.
Das Herzstück von Roncalli ist für Sie aber nach 50 Jahren immer noch die Tournee?
Das ist schon die Nummer eins bei mir, die Mutter aller Schlachten. Aber auch in allen anderen Sachen, zum Beispiel im Apollo Varieté, für das mein Sohn jetzt schon viel inszeniert, steckt Herzblut drin. Das ist eines unserer Geheimnisse: Wir machen alles, was wir machen, nicht wegen Geld. Wir machen es, weil wir es lieben.
Sie haben den Circus Roncalli quasi als One-Man-Show berühmt gemacht. Können Sie bei so vielen Projekten alles gut aus der Hand geben?
Wir haben in der Zwischenzeit rund 250 fest angestellte Mitarbeitende. Zur Weihnachtszeit kommen noch einmal viele Aushilfskräfte dazu. Aber es ist immer noch familiär, das ist mir wichtig. Wir kennen uns alle. Wir sind befreundet. Meine drei Kinder sind mittendrin. Das klappt wunderbar. Wir lernen viel voneinander, und es gibt einen langsamen Übergang zur nächsten Generation. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich sagen kann: Jetzt können sie es allein, und ich bin nur eine Rettungsleine im Hintergrund.
Ein Roncalli-Weihnachtsmarkt würde ja schon vom Namen her gut auf den Kölner Roncalliplatz passen.
Unser Weihnachtsmarkt in Hamburg wurde als einer der zwölf schönsten in ganz Europa ausgezeichnet. In Köln haben wir uns dreimal beworben. Dreimal wurden wir abgelehnt. Wir haben jahrelang Antiquitäten gesammelt, wunderschöne Stände gebaut, die stattdessen nun auf dem Hamburger Rathausplatz, dem Bahnhofsvorplatz in Hannover und auf der Rheinpromenade in Düsseldorf zu sehen sind. Wir wollten schon immer etwas in Köln machen. Ein Varieté – jetzt ist es in Düsseldorf. Ein Roncalli-Museum. Ein Kaffeehaus. Nichts davon hat geklappt.
Wo ist das Problem mit Köln?
Das lässt sich am besten am Beispiel der Museumsidee beschreiben, für die wir jahrelang viel Zeit und Geld investiert haben. Sechs Jahre haben wir allein auf das Kaufangebot der Stadt für die Brachfläche neben unserem Winterquartier in Köln-Mülheim gewartet. Wir haben mit unseren Architekten Pläne entwickelt, diverse Gutachten erbracht und waren dazu mit dem Stadtplanungsamt in regem Austausch. Die Auflagen waren letztlich für das Vorhaben für uns einfach unrealistisch. Unter anderem hätten wir 500 Parkplätze nachweisen müssen. Die Vorgaben haben keinen Spielraum gelassen und es gab hier seitens der Stadt auch keine Flexibilität. Das mussten wir als Desinteresse werten. Jetzt warten wir bereits wieder seit fast zwei Jahren auf ein Kaufangebot für eine Teilfläche des brachliegenden Grundstücks. Für unser Logistikzentrum. Aktuell haben wir für Kostümfundus, meine Sammlungen und den Fuhrpark Lagerflächen an vier Standorten in Köln und Umgebung angemietet. Das bedeutet auch viele Transportwege. Und die Stadt ist in dieser Zeit auch nicht mit einem Zwischenstand auf uns zugekommen. Jetzt gibt es einen neuen Oberbürgermeister, mit dem ich mich bald treffe. Ich freue mich auf das Gespräch und hoffe auf einen guten Austausch.
Mit welchen Gefühlen gehen Sie ins Jubiläumsjahr?
Das ist schon emotional für mich. Vor 50 Jahren haben wir auf der Kölner Uni-Wiese gastiert. Es war so ein heißer Sommer, dass wir in Feldbetten vor den Wohnwagen geschlafen haben. Ich war so überwältigt von den Aufgaben, ich kam ja gar nicht aus einer Zirkusfamilie, sondern hatte das alles selbst erdacht. Es fühlte sich an, als würde ich das Gewicht eines Kreuzfahrtschiffes auf dem Rücken tragen. Nichts hat funktioniert, wir hatten kein Geld. Dann habe ich eine Halle in der alten Stollwerck Fabrik gemietet und mit Glasscherben den alten Lack von Zirkuswagen gekratzt, um sie zu restaurieren. Später haben wir im Josef-Haubrich-Hof gespielt und dreimal verlängert, weil wir in Düsseldorf den Platz nicht bekommen konnten. Durch einen Auftritt in „Bio's Bahnhof“ waren wir so bekannt, dass wir immer ausverkauft waren. Das Kölner Publikum hat uns damals gerettet. Deswegen habe ich immer gesagt: Für Köln muss man was tun. Nicht für die Politiker, für die Kölner Bevölkerung.

Der Circus Roncalli macht im April und Mai wieder Halt auf dem Neumarkt.
Copyright: Thomas Banneyer
Was erwartet die Kölnerinnen und Kölner auf dem Neumarkt?
Zum Jubiläum habe ich bewusst gesagt: Ich will kein Best Of. Ich will in die Zukunft. Es gibt viel Musik, viel Energie. Trotzdem blicken wir zurück. In dem zweieinhalbstündigen Programm gibt es zum Beispiel eine Nummer, die unserer verstorbenen Kostümbildnerin Maria Lucas gewidmet ist.
Krisen musste das Circus-Theater in den 50 Jahren gleich mehrere überwinden, nicht zuletzt die Corona-Pandemie. Wie krisenfest ist Roncalli?
Zwei Jahre Berufsverbot während Corona und ich habe niemanden entlassen. Das muss man erst mal schaffen. Auch aktuell wird alles teurer im Einkauf, vor allem Benzin. Aber ich bin ein Vorausdenker. Wir haben als letzter Circus in Europa auf den Transport auf der Schiene gesetzt, das zahlt sich jetzt aus.
Vorausdenker trifft es ganz gut. Seit 2018 ist Roncalli tierfrei, fast alle haben es Ihnen weltweit nachgemacht. Sie verzichten weitgehend auf Plastik, reisen mit der Bahn. Wie sieht die Zukunft aus?
Die größten Probleme sind für uns aktuell die Plätze, auf denen wir gastieren. Es wird immer schwieriger, unser Zelt aufzustellen, das wir mit Ankern im Boden befestigen müssen. Und das Thema Lärm ist ein Problem: Oft müssen wir schon um 22 Uhr Schluss machen, damit wir keine Nachbarn stören. Unsere Lösung ist ein alternatives Circuszelt. Es ist mit einer Konstruktion aus Aluminium im nostalgischen Stil schallgedämmt und steht ganz ohne Verankerung. Es braucht weniger Platz, hat aber dafür zwei Geschosse für mehr Zuschauer. Das ist das Zirkuszelt der Zukunft.
Wie weit sind die Vorbereitungen dafür?
Wir haben die Pläne mit einem Architekten ausgearbeitet und die Statik berechnet. Bald soll mit der Produktion begonnen werden. Es besteht aus einzelnen Teilen, die immer wieder zusammen- und auseinandergebaut werden können. Zum Beispiel habe ich dekorative französische Fensterrahmen für das neue Zelt gekauft, die jetzt nach diesem Vorbild aus Kunststoff nachgebaut werden. Vielleicht wird es dann bereits in zwei Jahren auch in Köln auf dem Neumarkt stehen.
Geht da nichts von der Nostalgie verloren?
Überhaupt nicht. Das Ganze ist im „Belle Époque“-Nostalgie-Stil. Die Manege bleibt rund. Und der Geruch nach Sägemehl bleibt natürlich auch. Den liebe ich besonders.
